Lieferengpässe und der Fachkräftemangel senken die Produktivität der heimischen Unternehmen und wirken damit in
Lieferengpässe und der Fachkräftemangel senken die Produktivität der heimischen Unternehmen und wirken damit inflationstreibend. © canbedone - stock.adobe.com
Deutschlands Industrie ist zyklisch, exportlastig und zu großen Teilen abhängig von fossiler Energie aus Russland.
Deutschlands Industrie ist zyklisch, exportlastig und zu großen Teilen abhängig von fossiler Energie aus Russland. Das macht sie besonders anfällig für veränderte geopolitische Umstände. Daniel Josling
Die Entwicklung des Bruttoinlandsproduktes in Deutschland von 2019 bis Anfang 2022.
Die Entwicklung des Bruttoinlandsproduktes in Deutschland von 2019 bis Anfang 2022. NK-Grafik
Entwicklung der Leitzinsen der USA, der Eurozone und Großbritannien von 2000 bis 2022.
Entwicklung der Leitzinsen der USA, der Eurozone und Großbritannien von 2000 bis 2022. NK-Grafik
Analyse

Inflation, Rezession, Gasnotstand – Deutschland ist das Sorgenkind Europas

Die hohe Inflation könnte nur der Vorbote einer größeren Krise sein. Dabei entwickelt sich Deutschland vom europäischen Stabilitätsanker zum Problemkind.
Berlin

Die Zeichen stehen auf Krise, und zwar weltweit: Der Hunger in Afrika, Asien und dem Nahen Osten wächst. Japan kämpft gegen eine historische Abwertung des Yen, die die Energiekosten antreibt und die Wirtschaft abwürgt. Zweistellige Teuerungsraten wie in der Türkei, Iran oder Russland sind mittlerweile auch im Westen keine Seltenheit mehr: Im April 2022 verzeichnete ein Drittel aller EU-Staaten eine Inflation zwischen 10 und 20 Prozent. Gleichzeitig schlittern die USA sehenden Auges in eine Rezession, die von der amerikanischen Notenbank Fed anscheinend als einziges Mittel gegen die massiven Preissteigerungen erachtet wird.

Mehr zum Thema: "Konzertierte Aktion" der Regierung gegen die Krise

In Deutschland will die Bundesregierung gemeinsam mit Spitzenvertretern von Arbeitgebern und Gewerkschaften in einer „konzertierten Aktion” eine solche Rezession abwenden. Allerdings prognostizierte zuletzt die amerikanische Investmentbank Morgan Stanley auch für die Eurozone eine Wirtschaftskrise, die bereits im Oktober 2022 einsetzen und bis mindestens März 2023 anhalten soll. „Die Risiken im Zusammenhang mit den Aussichten haben sich verschärft”, so die Analysten, die davon ausgehen, dass die Stimmung unter europäischen Verbrauchern und Unternehmen aufgrund der hohen Inflation bald endgültig kippt.

Deutschland droht eine tiefe Rezession

In früheren Krisen wirkte die Bundesrepublik aufgrund ihrer starken Wirtschaft und verhältnismäßig niedrigen Staatsverschuldung stabilisierend auf den Rest des Euroraums. Doch gerade in Deutschland braut sich gerade ein Sturm zusammen, dessen inflationäre Schockwellen die Bevölkerung bereits jetzt zu spüren bekommt.

Wie sehen die Winde dieses Sturms aus? Durch die Corona-Pandemie sind weite Teile der Wirtschaft angeschlagen. Die stark beeinträchtigten globalen Lieferketten machen der exportlastigen deutschen Industrie zu schaffen, eine Entspannung ist aufgrund der anhaltenden Null-Covid-Politik in China auf absehbare Zeit nicht zu erwarten.

Abhängig von russischer Energie

Lieferengpässe und der Fachkräftemangel senken die Produktivität der heimischen Unternehmen und wirken damit inflationstreibend: Viele Produkte und Dienstleistungen können aufgrund von Mangel an Teilen und Personal nicht angeboten werden, wodurch das Angebot sinkt und die Preise bei gleichbleibender Nachfrage steigen. Hinzu kommt, dass die deutsche Wirtschaft so stark abhängig von russischer Energie ist wie kaum ein anderes Land. Sollte es zu einer weiteren Drosselung der russischen Gasimporte oder gar zu einem vollständigen Lieferstopp kommen, dann droht in Deutschland eine tiefe Rezession.

Was heißt das? Von einer Rezession spricht man, wenn die Wirtschaftsleistung eines Landes bemessen am Bruttoinlandsprodukt (BIP) mindestens zwei Quartale in Folge schrumpft. Eine schrumpfende Wirtschaft wiederum bedeutet, dass die Arbeitslosigkeit steigt und mehr Menschen auf finanzielle Hilfen vom Staat angewiesen sind. Wie spürbar eine Rezession für die Gesamtbevölkerung ist, hängt von ihrer Länge und Tiefe ab. Die Rezession im Zuge der Corona-Pandemie war für viele Bürger spürbar, weil sie trotz ihrer Kürze sehr tief war.

Die Entwicklung des Bruttoinlandsproduktes in Deutschland von 2019 bis Anfang 2022.

Viele Arbeitsplätze in Gefahr

Wie schlimm soll es jetzt werden? Laut einer Studie des Prognos-Instituts würde die Wirtschaftsleistung der Bundesrepublik bei einem Stopp russischer Gaslieferungen alleine im zweiten Halbjahr des Jahres 2022 um 12,7 Prozent einbrechen. Eine derartige Schrumpfung der Wirtschaft hätte historische Ausmaße. Zum Vergleich: Im Corona-Jahr 2020 brach das BIP um 4,9 Prozent ein – bei kollabierenden Lieferketten, hartem Lockdown, geschlossenen Betrieben und globalem Stillstand.

Die Prognos-Zahlen sind also dramatisch: Denn ein deutlich stärkerer Rückgang der Wirtschaftsleistung über eine deutlich längere Zeit als in der Pandemie, und zwar ohne die Möglichkeit, ähnlich hohe Schulden aufzunehmen, um die Wirtschaft zu stabilisieren, könnte Millionen Erwerbstätige in Deutschland in Kurzarbeit und die Arbeitslosigkeit schicken. „Insgesamt wären rechnerisch etwa 5,6 Millionen Arbeitsplätze von den Folgen betroffen”, sagte Bertram Brossardt, Hauptgeschäftsführer der Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft, die die Prognos-Studie in Auftrag gegeben hatte. Bei rund 45 Millionen Erwerbstätigen bedeutet das, dass jeder achte Arbeitsplatz in Deutschland bedroht ist – durch einen "Knopfdruck" in Moskau.

EZB sind die Hände gebunden

Zu allem Überfluss sind der Europäischen Zentralbank, also der Institution, die für die Preisstabilität im Euroraum zuständig ist, die Hände gebunden. Denn die Inflation geht auf Angebotsengpässe bei Energie, Vorprodukten und Arbeitskräften zurück, folglich steigen bei gleichbleibender Nachfrage die Preise. Im Werkzeugkasten der EZB befinden sich aber lediglich Instrumente, die die Nachfrageseite beeinflussen können: Bei steigenden Zinsen wird Geld teurer, weswegen Investitionen zurückgehen.

Das bedeutet: Die Währungshüter können die Nachfrage so weit drosseln, dass sie sich auf das gesunkene Angebot einpendelt und dadurch die Inflationsrate stabilisiert wird. Der Preis dafür wäre allerdings eine Drosselung des Wirtschaftswachstums, die ebenfalls in eine Rezession führen würde. Historisch betrachtet gibt es ohnehin nur einen Weg, um eine Inflation idiotensicher einzufangen: Der Leitzins müsste über der Inflationsrate liegen, also in der EU bei über 8,6 Prozent. Aktuell Wert: 0,0 Prozent.

Gibt es einen Weg heraus?

Aufgrund der hohen Staatsverschuldung käme dies nicht nur in der Eurozone, sondern auch in den USA, Japan und so ziemlich jedem Land auf diesem Planeten einem finanziellen Suizid gleich: Die Kapitaldienste würden sich vervielfachen und ein Land nach dem anderen würde in den Staatsbankrott schlittern. In Europa würde wohl der Euro kollabieren, eine Währungsreform wäre unausweichlich und der Kontinent würde in die schwerste politische Krise seit dem Zweiten Weltkrieg stürzen.

Entwicklung der Leitzinsen der USA, der Eurozone und Großbritannien von 2000 bis 2022.

Deshalb sind höchstens moderate Zinserhöhungen um 25 oder 50 Basispunkte pro EZB-Sitzung bis Jahresende möglich, der Leitzins im Euroraum würde dann zum Jahreswechsel etwa 0,75 Prozent betragen. Die europäischen Währungshüter sind somit schlicht zu spät dran. Mit homöopathischen Zinserhöhungen lässt sich das einmal entfesselte Inflationsfieber nicht mehr runterkühlen.

USA erhöht Leitzinsen

All dies sind düstere Szenarien, die nichts Gutes erahnen lassen. Europa und vor allem Deutschland befinden sich also in einer Zwickmühle. Gibt es überhaupt einen Weg heraus? Natürlich, den gibt es immer. Die Welt wird schließlich nicht untergehen. Allerdings führt – wie bei einem Kind, das beim Spielen in einen Dornenbusch fällt – jede abrupte Bewegung zu Verletzungen. Um sich aus dieser misslichen Lage ohne tiefe Einschnitte zu befreien, muss jeder dornige Ast einzeln entfernt werden. Durch den dann hinzugewonnen Handlungsspielraum lässt sich der nächste Zweig angehen und so weiter.

Die amerikanische Fed erarbeitet sich gerade eine solche Handlungsfähigkeit: Auf der Basis eines sehr stabilen Arbeitsmarktes hat sie die Leitzinsen in den USA auf zuletzt 1,75 Prozent angehoben, bis Jahresende sollen auf jeder Sitzung weitere 0,5 bis 0,75 Prozent folgen. Dadurch erhöht sich zwar die Wahrscheinlichkeit einer Rezession, doch die Gefahr einer massiv steigenden Arbeitslosigkeit ist gering. Gleichzeitig würde eine milde Rezession die Inflationsrate in den USA drosseln – der nächste dornige Ast wäre entfernt. Sollte sich die Rezession hingegen zu einer Gefahr für den Arbeitsmarkt entwickeln, könnte die Fed die zuvor angehobenen Zinsen wieder senken, um die Wirtschaft anzukurbeln.

Deutschland zwischen Hoffen und Bangen

In Europa gestaltet sich die Befreiung aus dem Dornenstrauch schwieriger, auch weil die EZB es schlicht verpasst hat, sich einen derartigen Handlungsspielraum zu erarbeiten. Die Leitzinsen wurden im Euroraum seit 2011 nicht mehr erhöht, die Währungshüter haben sich damit vor mehr als einem Jahrzehnt praktisch arbeitslos gemeldet. In Deutschland geht es nun also um Grundsätzliches: ideologiefreie Energie-Unabhängigkeit, Transformation der zyklischen, industrielastigen Wirtschaft und raus aus dem Denken, dass Wohlstand nicht gesichert, sondern lediglich umverteilt werden muss.

Kurzfristig wird dabei leider das Prinzip Hoffnung handlungstreibend sein: die Hoffnung, dass Wladimir Putin seinen großen Trumpf gegenüber Europa nicht zu schnell ausspielt. Die Hoffnung, dass China möglichst bald aufhört, eine Coronapolitik zu fahren, die selbst ein Gesundheitsminister Karl Lauterbach für zu radikal hält. Die Hoffnung, dass das deutsche Bürokratie-Monster dem kleinen grünen Männchen, das überall Windräder aufstellen möchte, nicht auch noch das andere Bein abbeisst. Und die Hoffnung, dass unsere zukünftigen Energiepartner wie Katar, Iran oder Saudi-Arabien ob unseres moralischen Zeigefingers der Vergangenheit nicht mit einem benachbarten Finger antworten.

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