KERNKRAFTWERKE

Ist Atomstrom die Rettung vor dem Klimawandel?

Ist der deutsche Ausstieg aus der Kernenergie wirklich endgültig? Und sind Deutschlands Kraftwerke bereit für ein längeres Leben?
Klimaschutz mit Atomstrom: Bei Fridays for Future in München hält ein Demonstrant ein Plakat hoch, um für die K
Klimaschutz mit Atomstrom: Bei Fridays for Future in München hält ein Demonstrant ein Plakat hoch, um für die Kernenergie zu werben. Sven Hoppe
Der Verein Nuklearia demonstriert in Philippsburg mit drei Eisbären für die Atomkraft
Der Verein Nuklearia demonstriert in Philippsburg mit drei Eisbären für die Atomkraft Facebook/Nuklearia
Neubrandenburg.

Atomkraftgegner hatten am 29. Dezember vor dem Kernkraftwerk Philippsburg ihr „Abschaltfest“ gerade beendet, da übernahmen drei „Eisbären“ am Nachmittag die Regie. In den Aufblasfiguren steckten Befürworter der Atomkraft, die mit rund 100 Gleichgesinnten vor dem Werkstor gegen die Stilllegung von Nuklearkraftwerken demonstrierten. Die Eisbären sollten signalisieren, dass Atomstrom einen Beitrag gegen den Klimawandel leisten könnte, weil die Kraftwerke kein Kohlendioxid ausstoßen. Der Protest blieb zunächst ohne Folgen: Philippsburg ging nach 35 Jahren am Silvestertag vom Netz. Jetzt laufen in Deutschland noch sechs Reaktoren, die bis Ende 2022 abgeschaltet werden sollen.

Dass die Idee für die Aktion von polnischen Atomkraftbefürwortern stammt, gibt Rainer Klute gern zu. Der Informatiker hat den Verein Nuklearia gegründet, der seinen Angaben zufolge aktuell 245 Mitglieder zählt. „Wir setzen uns für die nukleare Realphabetisierung Deutschlands ein“, nennt er das Ziel. Nuklearia mit Sitz in Dortmund sei unabhängig und kein verlängerter Arm der Atomlobby, beteuert Klute. „Die Kraftwerksbetreiber wollen das gar nicht, weil sie sich auf den Ausstieg eingestellt haben“, sagt er. Der Verein finanziere sich ausschließlich über Mitgliedsbeiträge. „Die Deutschen wissen zu wenig über die Atomkraft. Unser Ziel ist, mit zum Bewusstseinswandel der Bevölkerung beizutragen.“

Keine Mehrheit für Atomenergie

Das ist bei Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer nicht unbedingt notwendig. Der CDU-Politiker will die Tür zu einem Wiedereinstieg nicht schließen. „Ob das nötig ist, wird davon abhängen, ob die Energiewende klappt, ob die Kosten im Rahmen bleiben und die Versorgungssicherheit gewährleistet ist“, sagte er in einem Interview. Kurz zuvor war die Abschaltung aller Kohlekraftwerke beschlossen worden. Es gebe derzeit keine Mehrheit für die Atomenergie. Trotzdem müsse die Frage immer wieder diskutiert werden. Das sah seine Parteichefin Angela Merkel, die nach dem Reaktorunglück im japanischen Fukushima den Ausstieg in einer Kehrtwende durchgedrückt hatte, im Herbst noch ganz anders. Sie schickte ihren Regierungssprecher vor, der jegliches Umdenken in der Atomfrage ablehnte.

Auch in Polen werden inzwischen Stimmen laut, die den Atomausstieg im Nachbarland Deutschland infrage stellen. So haben sich 100 polnische Wissenschaftler, Kulturschaffende und Bürger an Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier, Kanzlerin Angela Merkel und die Bundestagsabgeordneten gewandt. Ihre Bitte: Die deutschen Atomkraftwerke sollten so lange laufen, bis fossile Brennstoffe wie Kohle oder Gas nicht mehr zur Energieerzeugung benötigt würden. Ein Verzicht auf die „emissionsarme Kernenergie“ würde mit dazu führen, dass die Erderwärmung schon ab 2030 die Zielmarke von 1,5 Grad überschreiten könnte. Die polnischen Unterzeichner verweisen auf den IPCC-Weltklimarat, der in seinen Modellrechnungen der Kernenergie eine wichtige Rolle bei der Senkung des Kohlendioxidausstoßes zubilligt.

Könnten die deutschen Atomkraftwerke überhaupt weiterlaufen? Dazu hat der Nordkurier einen Sicherheitsexperten für Nuklearanlagen befragt, der jedoch anonym bleiben möchte, um nicht in das Kreuzfeuer von Atomkraftgegnern und -befürwortern zu geraten. Deutschlands Kernkraftwerke seien für eine Laufzeit von 40 Jahren projektiert. Da bei der Anlagenplanung jedoch „erhebliche Sicherheitsreserven“ kalkuliert seien, wäre auch eine 60-jährige Betriebsdauer möglich, meint er. Um das auch atomrechtlich zu ermöglichen, seien millionenschwere Nachrüstungen der Kraftwerke fällig, damit die Anlagen auf dem technisch neuesten Stand bleiben.

Menschlicher Faktor als Risiko

Die technischen Risiken, die von Kernkraftwerken ausgingen, seien extrem gering, sagt der Experte. Ein Risiko aber bleibe der menschliche Faktor, der Hauptursache für die Unglücke von Tschernobyl und Fukushima gewesen sei. Würden zum Beispiel durch politische Einflussnahme oder betriebswirtschaftliche Vorgaben Sicherheitsaspekte in den Hintergrund gedrängt, wachse das Risiko für Störfälle. Unkalkulierbar seien zudem die Folgen durch Terrorangriffe oder Sabotage.

Mit den Einwänden gegen Atomstrom hat sich Nuklearia-Vereinschef Klute ausgiebig beschäftigt. „Atomkraft ist keine Hochrisiko-Technik“, meint er. Die Zahl der Todesopfer, die durch Stromerzeugung aus Kohle zu beklagen sei, sei ungleich höher, sagt er mit Blick auf die damit verbundene Luftverschmutzung. Die Strahlenbelastung auf die Anwohner von Kernreaktoren werde massiv überschätzt. Klute sieht auch in der ungeklärten Endlagerung des Atommülls keinen Hinderungsgrund für einen Neustart der Atomenergie. „Brennstäbe könnten recycelt und damit viel stärker ausgebeutet werden“, so Klute. Er sieht neben einem ungebremsten Klimawandel bei Verzicht auf Atomstrom eine weitere Gefahr am Horizont. „Die Gefahr von Stromausfällen wird größer, weil der Bedarf an Energie weiter wächst“, sagt er.

Denkfabrik sieht Großkonflikt gelöst

Ganz anders ticken die Uhren bei der Agora Energiewende in Berlin, die sich als unabhängiges Denk- und Politiklabor sieht, das sich den Klima- und Energiezielen der Bundesregierung verschrieben hat. Der Atomausstieg habe einen gesellschaftlichen Großkonflikt gelöst, der bei einer Verlängerung der Laufzeiten wieder aufbrechen würde, sagt Sprecher Christoph Podewils. Eine echte Energiewende könne dafür sorgen, dass die Abschaltung der Meiler nicht zu höheren Kohlendioxid-Emissionen führen würde.

Atomkraftwerke seien nicht die zuverlässige dauerhafte Stromquelle der Zukunft. So müsse in heißen Sommern deren Leistung gedrosselt werden, wenn nicht genug Kühlwasser vorhanden ist. Falle dann ein Atomkraftwerk aus, fehle eine große Menge Strom, erklärt Podewils. Zudem sei der Sicherheitsaspekt ein anderer, wenn das Risiko besteht, dass bei einem Unfall ganze Landstriche verseucht werden. Das sei bei Windrädern nicht der Fall, sollten diese in Brand geraten. Podewils plädiert für eine konsequente Energiewende hin zum Ökostrom: Dann führe die Abschaltung der Meiler nicht zu höheren Kohlendioxid-Emissionen. Und er bringt die Kosten ins Spiel: Bei Neubauten sei Atomstrom inzwischen zwei- bis dreimal teurer als Strom aus Erneuerbaren Energien.

 

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Kommentare (2)

...einen Supergau? Das war 1986 in Tschernobyl. Aus diesem Supergau lernte man nicht nur sondern entwickelte die Sicherheitstechnologien an AKWs fortlaufend weiter (zumindest außerhalb Deutschlands). Bei AKWs tut man heute zeitlich so als ob man vor "Die Mongolen kommen" Angst haben müsse ( das war im 13.Jahrhundert). Was mit Fukushima passierte, hat mit den damaligen Medienberichten nichts zu tun. In Unkenntnis oder wissentlich vertuschend der Ereignisse kam die Physikerin Angela Merkel mit der Energie-Abrissbirne. Leider wird sie auch 2021 zur Bundeskanzlerin wiedergewählt, denn die Zeit dieser "Energiewende" in Vollendung will niemand in der Politik verantworten. Andererseits hat sich Deutschland mit seiner zeitlich festgelegten Energiewende zum größten Lachaffen bei den anderen Staaten gemacht. Wer so eine Volkswirtschaft im Energiesektor plant, steht in Tradition zu sozialistischen Planwirtschaften.

Oh je, wenn die Grünen und ihre Brigaden, jetzt vom Ende der Atomkraft abrücken, bleibt ihnen von den Kernforderungen aus den 60 er Jahren, nur noch das Eintreten für die Legalisierung der Pädophilie.