UMFRAGEN

Ist die Wahl jetzt schon entschieden?

Laschet lahm, Baerbock noch nicht reif, Scholz der Mann der Stunde: Die Umfragen zur Bundestagswahl scheinen ein klares Bild abzugeben. Doch so einfach ist es nicht: Der Wahlabend könnte so einige Überraschungen bereithalten.
Wer macht am Sonntag das Rennen? Die Kanzlerkandidaten Olaf Scholz (SPD), Armin Laschet (CDU) und Annalena Baerbock (Grün
Wer macht am Sonntag das Rennen? Die Kanzlerkandidaten Olaf Scholz (SPD), Armin Laschet (CDU) und Annalena Baerbock (Grüne). Arne Dedert
FDP-Chef Lindner hat so oder so gut Lachen.
FDP-Chef Lindner hat so oder so gut Lachen. Christoph Soeder
Wer macht am Sonntag das Rennen? Die Kanzlerkandidaten Olaf Scholz (SPD), Armin Laschet (CDU) und Annalena Baerbock (Grün
Wer macht am Sonntag das Rennen? Die Kanzlerkandidaten Olaf Scholz (SPD), Armin Laschet (CDU) und Annalena Baerbock (Grüne). Arne Dedert
Berlin ·

Hinter den Kulissen werden schon eifrig Pläne geschmiedet. SPD und Grüne haben eine Strategie entwickelt, wie sie FDP-Chef Christian Lindner für ein Ampel-Bündnis gewinnen können. Soli und Vermögenssteuer könnten unter Rot-grün-gelb schon bald als Wirrungen der Vergangenheit gelten, grünes Licht würde es wohl für die Aktienrente als private Säule der Altersvorsorge geben. Um in Koalitionsgesprächen nicht zu nachsichtig mit den Liberalen sein zu müssen, hält sich SPD-Kanzlerkandidat Olaf Scholz eine Regierungsbildung mit der Linken offen.

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Auch in der Union ist man umtriebig, insgeheim wird schon am Drehbuch geschrieben, das Armin Laschet in seiner letzten Hauptrolle inszenieren soll: Sollte die CDU, wie in Umfragen prognostiziert, deutlich hinter der SPD landen, dann würde der Unionskanzlerkandidat wohl zu persönlichen Konsequenzen gedrängt und könnte noch am Wahlabend seinen Rücktritt verkünden.

Laschet feilt an Jamaika-Koalition

Das Nachfolgepersonal scharrt bei betonter Einigkeit nach außen schon jetzt mit den Hufen: Jens Spahn, Friedrich Merz und Norbert Röttgen wollen den CDU-Vorsitz, Ralph Brinkhaus will Fraktionschef bleiben und der CSU-Vorsitzende Markus Söder sah seine Niederlage gegen Laschet beim Ringen um die Unionskanzlerkandidatur ohnehin nur als Geschwindigkeitsbegrenzung auf seiner Autobahn in den Regierungschefsessel.

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Kein Wunder also, dass das Festkrallen Armin Laschets an Machtoptionen als Verzweiflungsakt wahrgenommen wird. Für den Fall, dass die Union knapp hinter der SPD ins Ziel kommt, liegt auch hier der Schlachtplan schon bereit: Jamaika soll die Insel wirtschaftsliberal-klimafreundlicher Glückseligkeit werden. Die enge Beziehung zwischen CDU-Chef Laschet und FDP-Chef Lindner soll sich im Koalitionsvertrag widerspiegeln, beide wollen zudem den Grünen umfangreiche Zugeständnisse im Bereich „Klimaschutz” machen. Lindner dürfte in diesem Fall gute Chancen auf das Finanzministerium haben.

Viele Bürger sind noch unentschlossen

Alles schön und gut. Doch letzten Endes setzen all diese Überlegungen eines voraus, nämlich dass die Umfragen, und die entsprechenden Interpretationen in den Medien, das mögliche Wahlergebnis der CDU akkurat voraussagen. Glaubt man diesen, dann liegt die SPD derzeit in der Wählergunst um drei bis sechs Prozentpunkte vor der CDU und das Rennen ist gelaufen. Doch es gibt gute Gründe, um an der Treffgenauigkeit dieser Prognosen zu zweifeln. Und damit ist nicht gemeint, dass die Fehlertoleranz bei rund drei Prozent liegt oder dass in diesem Jahr deutlich mehr Bürger unentschlossen sind als bei vergangenen Wahlen, sowohl was die Parteienpräferenz als auch die Frage angeht, ob sie überhaupt zur Wahl gehen. Diese Faktoren könnten den Wahlausgang in die eine oder die andere Richtung beeinflussen. Es gibt darüber hinaus zwei Gründe, die speziell dafür sprechen, dass die von so manchem Berichterstatter schon totgesagte CDU stärker abschneiden wird, als es die Umfragen der letzten Wochen vorausgesagten.

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Grund 1: Nur weil Armin Laschet auch für viele konservative Wähler ein Abtörner ist, wenden sich CDU-Sympathisanten nicht von der Partei ab. Dieses generelle Phänomen zeigte sich deutlich 2016 in den USA. Es hat wahrscheinlich in der Geschichte der amerikanischen Politik noch keinen Kandidaten gegeben, der von seiner Persönlichkeitsstruktur her ungeeigneter für das Präsidentschaftsamt gewesen wäre als Donald Trump. Das war jedem Republikaner bewusst. Sie haben ihn dennoch zu ihrem Kandidaten gemacht und die Leute haben ihn dennoch gewählt. Weil er eben ihr Lager vertreten hat.

Armin Laschet kommt einfach nicht gut an

Für Armin Laschet gilt etwas Ähnliches: Seine tapsige, von Laissez-faire und rheinischem Blödelhumor geprägte Art kommt bei den Menschen nicht an. Er wirkt überfordert und unentschlossen, seinen zuletzt zur Schau gestellten Kampfeswillen nehmen viele Wähler als aufgesetzt wahr. Im Grunde genommen kann Laschet seit einigen Monaten machen, was er will: Es wird ihm negativ ausgelegt, weil viele Menschen einfach seine Art nicht mögen. Aber wenn es hart auf hart kommt, spielt all das keine Rolle: Konservative Wähler geben dann der CDU ihre Stimme eben nicht wegen, sondern trotz Laschet.

[Pinpoll]

Dies hat auch der Chef des Meinungsforschungsinstituts Forsa, Manfred Güllner, diagnostiziert. Güllner, selbst bekennendes SPD-Mitglied, sieht in der großen Gruppe der unentschlossenen Wähler eine stille CDU-Reserve, wie er Media Pioneer in dieser Woche sagte. Unter den Unentschlossenen befänden sich „auffällig viele Ex-Unions-Wähler”, während die SPD-Reserve aufgebraucht sei. Dieses Potenzial wird in den Umfragen aber nicht abgebildet. Überspitzt gesagt: In den Umfragen zeichnet sich das Maximalergebnis der SPD und das Minimalergebnis der CDU ab.

Deutsche sorgen sich um die Wirtschaft

Grund 2: Das Thema „Klimawandel” dürfte auf eine andere Art und Weise wahlentscheidend sein, als es momentan in den Medien dargestellt wird. Was bedeutet das? Wenn man sich die seit 30 Jahren durchgeführte Studie „Die Ängste der Deutschen” von der R+V-Versicherung für dieses Jahr ansieht, dann spielt dort der Klimawandel nur eine untergeordnete Rolle. Die Deutschen fürchten sich in erster Linie vor einer finanziellen Belastung durch die Corona-Pandemie, steigenden Lebenshaltungskosten und Steuererhöhungen im Zuge der EU-Schuldenkrise.

Das kommt der Klimapolitik von CDU und FDP zugute. Die beiden Parteien fahren nämlich die Strategie, die Liberalen dabei deutlich erfolgreicher als die Christdemokraten, die Wirtschaft als ausschlaggebendes Moment in der Bekämpfung des Klimawandels zu preisen – und eben nicht primär auf staatliche Regulierung zu setzen. Dies wirkt nun zusammen mit einer Besonderheit von Wahlbefragungen: In der Vergangenheit stellten Meinungsforscher vermehrt fest, dass Befragte sich bei ihren Antworten am gesellschaftspolitischen Konsens, bei der eigentlichen Wahl aber an ihrem Eigennutz orientierten – oder eben an einem für sie akzeptablen Kompromiss aus beidem. Dies dürfte also eher der CDU als der SPD in die Karten spielen.

Fast 60 Prozent aller Wahlberechtigten sind über 50

Die generelle Tendenz, dass eine Wahlentscheidung häufig eigennütziger ist als eine Antwort in einer Wahlumfrage, könnte sich für die SPD auch mit Blick auf die diesjährige Wählerdemografie negativ auswirken: 57,8 Prozent aller Wahlberechtigten sind laut Bundeswahlleitung 50 Jahre oder älter, zwei Drittel davon sind bereits in Rente oder kurz davor.

Für diese Bevölkerungsgruppe ist das Thema „Rente” deutlich wichtiger als das Thema „Klimawandel”. Ob davon nun die CDU profitiert, oder eher die Linke oder die FDP, bleibt abzuwarten. Klar ist nur: Entschieden ist noch gar nichts und die Wähler könnten den hegen Plänen der Politprotagonisten am Sonntag noch einen gewaltigen Strich durch die Rechnung machen.

Noch unentschieden? Mit dem Wahlswiper lassen sich die Positionen der verschiedenen Parteien bei der Landtagswahl 2021 in Mecklenburg-Vorpommern vergleichen. Lesen Sie hier dazu mehr.

* Diese App ist ein kostenloses Angebot des Vereins WahlSwiper. Der Nordkurier ist dafür inhaltlich nicht verantwortlich.

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Kommentare (2)

Denn - keine der amtierenden Parteien bemüht sich um einen strukturellen Weg aus Merkels katastrophalem Erbe - dieses Verhalten spaltet und verunsichert. So sollte man nicht antreten!

Es wird eh wieder auf die cdu hinauslaufen. So wie die in letzter zeit ständig in der Presse vertreten war (egal ob negativ) hat sie gratis Werbung bekommen und ich wette eine Menge Menschen wählen die (leider) weil die sich haben verwirren lassen.