NEUE PARTEI

Ist „Widerstand2020” wirklich schon so erfolgreich?

Im Aufwind der Corona-Kritik gründet sich eine neue Partei. „Widerstand2020” soll bereits mehr als 100.000 Mitstreiter haben. Kann das sein und wer steckt dahinter?
In Stuttgart kamen am vergangenen Wochenende Tausende Menschen zusammen, um gegen die Corona-Einschränkungen zu demonstri
In Stuttgart kamen am vergangenen Wochenende Tausende Menschen zusammen, um gegen die Corona-Einschränkungen zu demonstrieren. „Widerstand2020”-Mitbegründer Ralf Ludwig, Rechtsanwalt aus Leipzig, hielt eine Rede und erntete viel Applaus. Christoph Schmidt
Berlin.

Eine neue Partei, die in der Gründungsphase bereits auf mehr als 100.000 Mitglieder anwächst und damit aus dem Stand größer wäre als Linke (rund 61.000), AfD (rund 35.000), FDP (rund 65.000) und sogar die Grünen (rund 97.000) – in den sozialen Medien wird zurzeit empört diskutiert, ob das wirklich möglich ist und wer und vor allem welche Ideologie hinter „Widerstand2020” steht.

Immer mehr Bürger misstrauisch

Zentrales Thema ist laut Partei-Homepage unter anderem „der Widerstand gegen den politischen Umgang, den wir gerade erleben, gegen das Außerkraftsetzen unserer Grundgesetze und gegen die Machtausnutzung unserer Regierung”. Aha, Corona-Kritik! Das können ja nur irre Verschwörungstheoretiker sein, sind sich weite Teile der Twitter-Community einig. Aber ist es wirklich so einfach? Was steckt hinter dem Hype um „Widerstand 2020”?

Fakt ist: Immer mehr Menschen stellten in den letzten Wochen die Angemessenheit und Richtigkeit der Corona-Maßnahmen, die veröffentlichten Zahlen und drohenden Risiken rund um die Pandemie infrage. Angesichts zahlreicher Widersprüchlichkeiten (vom angekündigten drohenden Zusammenbruch des Gesundheitssystems hin zu in der Realität anzutreffenden leeren Krankenhäusern mit Ärzten und Pflegepersonal in Kurzarbeit), unfassbaren Richtungsänderungen (von „Masken bringen überhaupt nichts!” hin zu „Maskenpflicht für alle!”) und täglichem Experten-Bingo (wer hat Recht, wer ist vertrauenswürdig, wessen Zahlen stimmen?) ist das kein Wunder.

Idealer Nährboden für neue Partei

Zudem bangen Millionen Menschen im heruntergefahrenen Deutschland um ihre Jobs, erste Lockerungen hin oder her. Zu Beginn der Maßnahmen hieß es sinngemäß, sobald die Reproduktionszahl (sie besagt, wie viele Menschen ein Infizierter durchschnittlich ansteckt) unter 1,5 liegt, sind wir über den Berg. Als es so weit war, wurde die Erlösungszahl auf 1 herunterkorrigiert. Inzwischen liegt der Wert laut RKI seit Tagen unter 1, große Teile der Wirtschaft und des öffentlichen Lebens unterliegen aber weiterhin massiven Einschränkungen. Kinder und Lehrer dürfen, wenn überhaupt, nur maskiert zur Schule. Frisörsalons sind wieder geöffnet, sehen jetzt aber aus wie Hochsicherheitslabore. Im Netz kursieren Videos von scheinbar überzogenen Coronakontrollen und sogar -festnahmen der Polizei wie vor einigen Tagen in einer Dortmunder Fußgängerzone.

Dass sich immer mehr Bürger fragen, ob ihr Alltag zurecht derart eingeschränkt wird und auch, ob man sich vielleicht doch auf zivilisierte, demokratische Art dagegen wehren sollte, ist nachvollziehbar – und idealer Nährboden für eine neue Partei, die exakt diese Themen und Zweifel rund um Corona aufgreift. Auch die AfD entstand 2013 aus Empörung, konservative Kreise mobilisierten gegen die Euro-Rettungspolitik. Mit der Corona-Pandemie gibt es nun eine Situation, die noch viel mehr Menschen in Deutschland mit Sorge erfüllt.

Ein Arzt, ein Anwalt und „nur ein Mensch”

Wer steckt genau hinter „Widerstand 2020”? Es sind drei Menschen, die bisher politisch nicht in Erscheinung getreten sind: Der HNO-Arzt Bodo Schiffmann aus Baden-Württemberg, der Leipziger Rechtsanwalt Ralf Ludwig und Viktoria Hamm, die sich auf der Partei-Homepage als „Nur ein Mensch” beschreibt. Rechtsanwalt Ludwig ist am vergangenen Wochenende bei einer „Querdenker-Demo” in Stuttgart mit 5000 Teilnehmern mit großem Applaus bedacht worden. Unter anderem sagte er, er könne zwar nicht einschätzen, ob ein Virus gefährlich sei oder nicht. Er sei aber „ein Mensch, der an die Freiheit und an die Selbstverantwortung der Menschen glaubt“. Mediziner Bodo Schiffmann erklärt in einem Youtube-Video: „Wir werden alles daran setzen, zu verhindern, dass eine Impfpflicht kommt.“ Und: „Wir müssen einfach mal darüber reden, was mit unserer Demokratie passiert ist, mit unserer Freiheit, unseren Freiheitsrechten.”

Anti-Corona-Stimmung gärt schon länger

Die Initiatoren von Widerstand2020 versuchten mit ihrer Parteigründung letztlich nur „etwas kollektiv zu organisieren, was ohnehin schon gärt“, sagt der Soziologe Matthias Quent, Direktor des Instituts für Demokratie und Zivilgesellschaft in Jena. Es sei noch zu früh, um zu sagen, ob das „Internet-Phänomen“, das bereits in allen Bundesländern Untergruppen habe, tatsächlich in eine ernstzunehmenden Partei münden werde. Vor allem da die Art und Weise, wie die Macher auf ihrer Website vermeintliche Mitglieder registrierten, äußerst fragwürdig sei.

„Ja, die Zahlen sind echt”

Am Mittwochvormittag gab die Homepage knapp 107.000 angemeldete Mitglieder an – und man beteuert in einem Frage-Antwort-Stück: „Ja, die Mitgliederzahlen sind echt. Wir haben auf Facebook auch die Statistik von Google veröffentlicht, wo ersichtlich ist, was gerade bei uns auf der Website los ist und dass es tatsächlich gestern über 27.000 Menschen gab, die sich auf der Mitglied-werden Seite aufgehalten haben.”

Auch auf den Vorwurf, die im Impressum angegebene Adresse sei nur eine Briefkastenfirma, wird auf der Seite eingegangen: „Ja, es ist nur eine Büroanschift von einem Büroservice. Diese haben auch andere Parteien für sich genutzt. Das bedeutet aber nicht, dass wir mit irgendeiner anderen Partei in Kontakt stehen. Wir wollten auf ein teures unnützes Büro verzichten, denn das hätte nur Geld verschwendet. Wir hoffen sehr, dass ihr das versteht und somit auch deutlich wird, warum wir so eine Anschrift haben.”

AfD nimmt das Phänomen ernst

Obwohl „Widerstand2020” bislang weder rechts noch links zu verorten ist, sei denkbar, dass das Projekt demnächst von rechten Strukturen eingenommen werde, meint Soziologe Quent. Könnte die neue Partei gar zur Gefahr für die AfD werden? Deren Vorsitzender Tino Chrupalla zeigt erst mal nur Verständnis für die neue „Mitmach-Partei“. Er sagt: „Wir begrüßen die Tatsache, dass sich nun auch in anderen gesellschaftlichen Milieus Widerstand gegen die herrschenden politischen Verhältnisse formiert.“ Die AfD sehe in Widerstand2020 keine Konkurrenz. „Aber wir nehmen das sehr ernst und beobachten die weitere Entwicklung“.

 

 

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