Andreas Gassen, Chef der Kassenärztlichen Bundesvereinigung, ist gegen die Impfpflicht. Arztpraxen seien „kein Ort,
Andreas Gassen, Chef der Kassenärztlichen Bundesvereinigung, ist gegen die Impfpflicht. Arztpraxen seien „kein Ort, um staatliche Maßnahmen durchzusetzen“. Christoph Schmidt
Deutliche Kritik

Kassenärzte-Chef durchkreuzt Lauterbachs Impfpflicht-Pläne

Deutschlands Kassenärzte werden die geplante Impfpflicht nicht umsetzen – die klare Ansage vom Chef der Kassenärztlichen Bundesvereinigung sorgt für Zündstoff in der aktuellen Debatte.
Berlin

Andreas Gassen vertritt Deutschlands Kassenärzte – und hat sich im Streit um eine mögliche Impfpflicht überraschend deutlich gegen die Pläne der Bundesregierung gestellt. „Wir werden unseren Ärzten nicht zumuten, eine Impfpflicht gegen den Willen der Patienten zu exekutieren”, sagte Gassen der Bild-Zeitung Anfang der Woche. Eine Praxis lebe vom Vertrauen zwischen Arzt und Patient, so Gassen weiter. Die Praxen seien „kein Ort, um staatliche Maßnahmen durchzusetzen”.

Kassenärzte werden nicht pflicht-impfen

Bedeutet konkret: Sollte die Impfpflicht eingeführt werden – Gesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) sagte kürzlich im RTL-Interview, dies müsse bis spätestens Mai passieren – müssten sich die Bürger die Spritze entweder bei den jetzt schon etwa 2500 heillos überlasteten Ärzten im Öffentlichen Gesundheitsdienst (zum Beispiel im Gesundheitsamt) oder im Impfzentrum geben lassen. Die rund 100.000 niedergelassenen Haus- und anderen Kassenärzte werden sich im Fall der Fälle nicht an der Pflicht-Immunisierung beteiligen, kündigte Gassen an.

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Konkrete Aussagen zur Maskenpflicht gefordert

Auch den Vorschlag von NRW-Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann (CDU), eine Beratungspflicht für Impf-Unwillige einzuführen, lehnen die Kassenärzte ab. Stefan Hofmeister, Vize-Chef der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV), sagte der Bild-Zeitung: „Die Entscheidung um die Impfpflicht ist eine politische. Wenn die Bundesregierung diese beschließen will, muss sie sich auch um die Umsetzung kümmern.” Hofmeister forderte von der Politik zudem konkrete Aussagen zur Abschaffung der Maskenpflicht: „Ich will endlich von Verantwortlichen hören, ab welchen Parametern wir die Corona-Maßnahmen zurückfahren. Ab welcher Impfquote hören wir denn auf, Maske zu tragen?“

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„Keinen Grund, an Impfpflicht festzuhalten”

Im „Handelsblatt” äußerte sich am Mittwoch auch der Chef der Deutschen Krankenhausgesellschaft, Dr. Gerald Gaß, zur geplanten Impfpflicht der Bundesregierung. „Wenn die Politik nach Abwägung der wissenschaftlichen Erkenntnisse zu dem Ergebnis kommen sollte, dass die Pandemie vorbei ist und es deshalb keine Impflicht mehr braucht, dann gibt es eine neue Lage“, sagte Gaß. „Dann gäbe es aus meiner Sicht auch keinen Grund, an der allgemeinen und vor allem der einrichtungsbezogenen Impfpflicht festzuhalten, die ja bereits beschlossen ist.“

Laut Impfdashboard von RKI und BMG sind bislang mindestens 60,7 Millionen Bundesbürger „grundimmunisiert”. Das entspricht 72,9 Prozent der Gesamtbevölkerung. Mindestens 40,1 Millionen Bürger (48,3 Prozent) haben bereits eine Booster-Impfung erhalten.

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