Stefan Kästner organisiert pro Jahr normalerweise um die 400 Konzerte mit Künstlern wie Mark Forster, Clueso oder Johannes Oerding. Doch er hat Sorge, dass bald in kleineren Städten die Bühnen leer bleiben.
Stefan Kästner organisiert pro Jahr normalerweise um die 400 Konzerte mit Künstlern wie Mark Forster, Clueso oder Johannes Oerding. Doch er hat Sorge, dass bald in kleineren Städten die Bühnen leer bleiben. Jörg Franze
Corona-Folgen

Keine Konzerte mehr? Veranstalter vor schwierigen Monaten

In diesen Wochen stehen etliche Open-Air-Konzerte an, doch schon im Herbst könnte es still werden. Denn die Branche vermisst verlässliche Rahmenbedingungen für sich und die Besucher.
Neubrandenburg

Es könnte so schön sein. Stefan Kästner hat gerade alle Hände voll zu tun. Der Konzertmanager reist in diesen Tagen durch Deutschland von einem Ort zum anderen und bringt Stars wie Mark Forster, Johannes Oerding, Clueso oder auch Ben Zucker auf die Bühnen. Zwei Jahre lang torpedierte ein plötzlich aufgetauchtes Virus seine Arbeit extrem – doch in diesem Sommer gibt es plötzlich wieder „die große Freiheit”, alles ist offen und zum Teil jahrelang mehrfach verschobene Konzerte können endlich nachgeholt werden.

„In zwei Jahren ist viel kaputtgegangen”

Es könnte so schön sein. Ist es aber nicht. Nicht für den Konzertveranstalter persönlich und nicht für seine ganze Branche im Allgemeinen. „Wir stehen vor entscheidenden Wochen”, mahnt der 40-Jährige mit Blick auf Herbst und Winter, für die jetzt die Weichen gestellt werden müssten. Die Zukunft einer ganzen Branche und so mancher Spielstätte stehe auf dem Spiel. „Wir sind noch längst nicht aus dem Schneider”, sieht er harte Monate bevorstehen, auch wenn im Moment von Corona-Beschränkungen wenig zu spüren ist.

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„Die vergangenen zwei Jahre haben in unserer Branche viel kaputt gemacht und wir sammeln noch immer die Scherben auf”, macht er keinen Hehl aus der schwierigen Situation. Klar, jetzt könnten Künstler endlich wieder auftreten und Menschen zu Konzerten gehen. Aber ob sich die Veranstaltungen überhaupt rechnen würden, könne er im Moment gar nicht richtig sagen: „Ich hab da eher so einen Tunnelblick. Wir machen endlich das, was schon lange auf dem Plan stand. Aber jetzt unter ganz anderen Bedingungen und mit ganz anderen Kosten. Die verlorenen Jahre kann niemand aufholen. Und mit Blick auf morgen kann einem angst und bange werden”, zeichnet Kästner ein dunkles Szenario.

Vorfreude ist einer Art „Vor-Angst” gewichen

Der Kartenverkauf für geplante Hallenkonzerte gestalte sich unheimlich zäh und schwierig. „Die Leute sind alle extrem verunsichert. Die ersten Experten und Politiker schüren ja jetzt schon Ängste vor den nächsten Coronawellen und verbreiten Unsicherheit. Wer soll sich in diesem Umfeld noch für einen Ticketkauf entscheiden?”, richtet Stefan Kästner Fragen vor allem in Richtung Politik. Bei den regelmäßigen Konzertgängern hätten sich aufgrund immer wieder verschobener Events die Karten teilweise gestapelt. Da musste erst mal viel nachgeholt und abgearbeitet werden, weiß er. Und für Leute, die sehr selektiv aussuchen würden und für die Konzerte eher seltene, großartige Erlebnisse seien, komme ein Kauf zum Teil gar nicht infrage. „Sie trauen der Situation nicht.”

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Die Vorfreude auf solche Veranstaltungen habe sich insbesondere mit Blick auf die Hallensaison im Herbst und Winter in eine Art „Vor-Angst” verwandelt. „Wer zwei Jahre lang eingetrichtert bekommt, wie gefährlich für Leib und Leben ein Konzert werde, der kann doch Musik oder andere Veranstaltungen gar nicht mehr richtig genießen”, kann Kästner die Besucher sogar verstehen. Schon jetzt gebe es wieder Diskussionen über die Maskenpflicht, aber eine richtige Corona-Strategie für den Herbst sei bisher nicht zu erkennen. „Und wenn jemand Angst haben muss, dass wieder plötzlich alles dicht gemacht und Veranstaltungen verlegt oder abgesagt werden müssen, dann verzichtet er oder sie möglicherweise von vornherein gleich auf einen Kartenkauf.”

Band Revolverheld hat bereits Tournee abgesagt

Wenn Künstler ihn jetzt fragen, was in den nächsten Monaten komme, könne er jedenfalls guten Gewissens nicht in jedem Fall zu Tourplänen raten, gibt der Konzertmanager zu. Und ist mit diesen Bedenken in der Branche nicht allein. Die Hamburger Band Revolverheld hat vor einigen Tagen bereits ihre für Anfang 2023 geplante Arena-Tour abgesagt. „Wir befürchten für den Winter leider wieder das Schlimmste“, sagte Sänger Johannes Strate in einer Videobotschaft auf Instagram.

Die Instagram-Botschaft von Johannes Strate

Es könne niemand gewährleisten, dass im Winter ein Kulturbetrieb stattfinden kann. „Nach den Aussagen von Drosten und Co. ist es leider so, dass unsere Branche unter Long Covid leidet. Wir werden wahrscheinlich nicht die Einzigen bleiben, die jetzt diesen Schritt gehen müssen.“ Die Band habe lange abgewogen, aber die Unsicherheit sei sowohl bei den Künstlern als auch bei den Veranstaltern und den Besuchern noch zu groß. Die Tour „Neu erzählen“ sollte am 24. Januar in Leipzig starten und die Band in mehr als ein Dutzend Städte führen.

Erheblicher Personalmangel nach Corona-Zeiten

Neben der Unsicherheit schlägt sich der Kulturbetrieb auch noch mit anderen Problemen herum, die aus der Corona-Zeit herrühren, macht Kästner deutlich. „Es ist ja jetzt schon so, dass einige Veranstalter Konzerte aus Personalmangel absagen müssen.” Wegen der jahrelang anhaltenden Unsicherheit, verbunden mit Kurzarbeit oder kompletten Arbeitsausfällen, hätten auch im Veranstaltungsbereich etliche Beschäftigte die Konsequenzen gezogen und sich andere Jobs gesucht. „Wir müssen jetzt also mit weniger Leuten in ganz kurzer Zeit verschobene Konzerte aus zwei Jahren aufholen und dann wieder versuchen, einen normalen Betrieb aufzubauen. Manchmal scheint das unmöglich”, so der Konzertmanager.

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Diese gefährliche Situation müsse bei der Politik ankommen, schickt Stefan Kästner einen Aufruf an Verantwortliche in Berlin, Schwerin und andere Landesregierungen. Die Veranstaltungsbranche sei wie andere Wirtschaftszweige auch über zwei Jahre im Rahmen der Corona-Hilfen unterstützt worden und dafür auch dankbar. Aber um aus eigenen Kräften die Pandemie-Jahre abschütteln zu können, müssten so schnell wie möglich verlässliche Bedingungen für die Arbeit definiert werden. „Wir haben für alle möglichen Situationen Hygiene-Konzepte mit Tests und Schutzmechanismen erarbeitet. Aber wenn schon jetzt wieder diffus über Maskenpflicht und Zugangsbeschränkungen diskutiert wird, anstatt klare Pläne zu erarbeiten, schmeißt man uns Knüppel zwischen die Beine.”

Industriezweig drohe „ein Sterben auf Raten”

Die Gefahr sei groß, dass es in den kommenden Jahren nur noch Konzerte „von O bis O”, also Ostern bis Oktober gibt. „Ein reines Saisongeschäft ernährt aber auf keinen Fall die Leute, die bei uns tätig sind”, warnt der Konzertveranstalter. Große Stadionkonzerte großer Bands werde es vielleicht immer geben, aber vielen Veranstaltungsgebäuden in kleinen und mittelgroßen Städten wie Neubrandenburg drohe dann ein Leerstand oder sogar das Aus. „Wenn wir zum Wanderzirkus verkommen, droht außerhalb der Großstädte eine kulturelle Ödnis.”

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Kästner lässt deshalb noch einmal stellvertretend für die ganze Branche eine Mahnung an die Politik los: „Setzt euch mit den Veranstaltern an einen Tisch und definiert jetzt klar, unter welchen Voraussetzungen es im Herbst und Winter Kultur geben kann.” Ansonsten drohe einem ganzen Industriezweig ein Sterben auf Raten. „Und in einigen Orten wird es dann ziemlich still.”

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