Der Kreistagsabgeordnete Marcel Donsch aus Barnim (Brandenburg) hat der AfD den Rücken gekehrt. Seit seinem Eintritt 2015
Der Kreistagsabgeordnete Marcel Donsch aus Barnim (Brandenburg) hat der AfD den Rücken gekehrt. Seit seinem Eintritt 2015 habe sich die Partei gravierend gewandelt ZVG
Marcel Donsch

Keine Lust mehr auf diese AfD – Austritt nach sieben Jahren

Zusammen mit vier weiteren Mitgliedern ist Marcel Donsch, Vorsitzender der AfD-Kreistagsfraktion im brandenburgischen Landkreis Barnim, aus der AfD ausgetreten. Warum?
Eberswalde

Nordkurier-Redakteur Frank Wilhelm sprach mit Marcel Donsch (42) über die Beweggründe und seine Prognose für die Partei.

Wie fielen die Reaktionen auf Ihren Schritt in der AfD aus?

Unterschiedlich. Es gab Leute, die meine Entscheidung verstanden haben. Andere reagierten mit Unverständnis.

 

Auf der Seite des Kreisverbandes Barnim der AfD wurde der Schritt bis Donnerstag nicht kommentiert. Ist die AfD-Führung noch so geschockt?

Dazu kann ich nichts sagen. Aber ich weiß, dass es den Versuch von Personen aus dem Umfeld des Kreisvorstandes gab, gegenüber einer anderen Zeitung meine Motive in Zweifel zu ziehen.

 

Aus der AfD Mecklenburg-Vorpommern ist bekannt, dass es bei unschönen Personalien auch Kritik weit unter der Gürtellinie gibt. Mussten Sie das auch erfahren?

Ja, es gab auch Leute, die probiert haben, mich zu beschimpfen, und es gab Schmutzkampagnen in den sozialen Medien. Das hat sich aber nicht allein auf das Umfeld der AfD beschränkt.

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Sie waren seit 2015 Mitglied der AfD. Sicher ging dem jetzigen Schritt doch ein langer Abnabelungsprozess voraus. Wann begann der?

Mit der Corona-Politik unserer Partei auf Bundes- und Landesebene. Wir hatten als fünfköpfige Kreistagsfraktion „AfD – Die Konservativen“, die sich aus einer Abspaltung der ursprünglichen AfD-Fraktion ergeben hatte, von Anfang an eine andere Meinung als die Parteiführung: Erstens stand für uns fest, dass es das Corona-Virus gab. Zweitens plädierten wir von Anfang an dafür, Risikogruppen wie Menschen in Alten- und Pflegeheimen besonders zu schützen. Und schließlich sprachen wir uns dafür aus, dass der Staat seine Gesundheitskonzepte auch durchsetzen muss, um einen Lockdown zu verhindern.

 

Aus der Schweriner Landtagsfraktion wurde bekannt, dass sich AfD-Mitglieder scheuten zuzugeben, geimpft zu sein, aus Angst, der offiziellen Linie zu widersprechen. Wie haben Sie das erlebt?

Ich kenne solche Vorwürfe aus der Partei: Mitglieder, die sich impfen lassen, seien nicht mehr AfD-authentisch, hieß es da beispielsweise. Es gibt nach meinem Empfinden viele AfD-Mitglieder, die sehr verbohrt sind.

 

Wie haben Sie es selbst mit dem Impfen gehalten?

Ich bin nicht geimpft, aber ich habe niemandem einen Vorwurf gemacht, wenn er sich impfen lassen hat. Das ist schließlich eine individuelle Entscheidung.

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Die Corona-Politik war ein Fixpunkt ihrer Entscheidung. Gab es weitere?

Der Austritt des Parteivorsitzenden Jörg Meuthen aus der Partei. Das hat mich persönlich sehr berührt, auch wenn ich im Gegensatz zu Herrn Meuthen eher erzkonservativ ausgerichtet bin. Aber früher war die Vielfalt und Vielseitigkeit der AfD ihre Stärke. Heute sehe ich immer weniger eine Balance zwischen den liberalen, bürgerlichen Kräften und den eher rechten Kräften, die sich um Björn Höcke scharen.

 

Das Fass zum Überlaufen brachte für Sie das Verhalten der AfD im Ukraine-Konflikt.

Ich fand es schlimm, dass unsere Fraktion im Bundestag sitzenblieb, als alle anderen Fraktionen den ukrainischen Botschafter mit stehenden Ovationen begrüßten. Bei vielen Diskussionen zum Thema Ukraine-Krieg habe ich feststellen müssen, wie Putin-affin viele AfD-Mitglieder bis in die Parteispitze hinein sind. Alles wurde getan, um diesen Konflikt aus Sicht der Russen zu rechtfertigen. Das kann nicht sein. Krieg ist Krieg, das kann man nicht schönreden. Die Leute, die sich für die Ukraine einsetzten, wurden immer mehr in die Ecke gedrängt.

 

In Brandenburg und im Bund stehen mit den mehrfach verschobenen Parteitagen und den Wahlen des neuen Führungspersonals Richtungsentscheidungen an. Was erwarten Sie in Brandenburg?

Ich erwarte, dass sich das Lager der stellvertretenden Landesvorsitzenden Birgit Bessin, die in der Tradition des Ex-Vorsitzenden Kalbitz steht, gegen das Lager um den eher gemäßigten Bundestagsabgeordneten René Springer durchsetzen wird. Damit wird es auch in der Brandenburger AfD zu einem weiteren Aderlass kommen. Unter Kalbitz hatten wir bei der letzten Landtagswahl 23,5 Prozent erreicht, bei der Bundestagswahl 2021 stimmten nur noch etwa 18 Prozent der Brandenburger für die AfD. Ich denke, das wird weiter abnehmen, auch, weil der AfD die Themen fehlen.

 

Inwiefern?

Das Thema Erschließungsbeiträge für Grundstücksbesitzer haben die Freien Wähler besetzt. Da ist nichts zu holen für die AfD.

 

Sie haben zu Ihrem Parteiaustritt erklärt, dass „das Projekt AfD als gesamtdeutsche Partei gescheitert“ sei. Wie kommen Sie darauf?

Ich erwarte durch die aktuelle Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts, wonach die AfD als Verdachtsfall durch den Verfassungsschutz beobachtet werden darf, dass sich die Partei noch mehr in eine Opferrolle begibt. Das dürfte zu einer weiteren Radikalisierung führen, auch, weil aufgrund des Gerichtsurteils weitere gemäßigte AfD-Mitglieder die Partei verlassen werden. Ich erwarte bei den anstehenden Landtagswahlen in Westdeutschland deutlich schwächere Wahlergebnisse als vor fünf Jahren. Die AfD wird auf Dauer einzig in Ostdeutschland weiter Erfolge feiern.

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