Windräder vor dem Braunkohletagebau Garzweiler: Die Energiekrise könnte sich im Jahr 2023 weiter verschärfen.
Windräder vor dem Braunkohletagebau Garzweiler: Die Energiekrise könnte sich im Jahr 2023 weiter verschärfen. Federico Gambarini
Energie

Kommt die richtige Energiekrise erst nächstes Jahr?

Die Politik vermittelt den Bürgern, dass man nur diesen einen Winter überstehen müsste. Doch für 2023 sieht es in punkto Energie noch düstererer aus.
Berlin

Politik und Wirtschaft schwören die Bürger auf einen harten Winter ein. Inflation und Energiepreise haben ungeahnte Höhen erreicht, die Wirtschaft kühlt bedrohlich ab, es droht eine Gasmangellage, die für viele Unternehmen existenzbedrohende Ausmaße annehmen könnte. Und doch bekommt man das Gefühl, dass die Zuspitzung der Lage einen Zeitstempel hat.

Wenn der nächste Frühling kommt, wird allerorts suggeriert, ist das Schlimmste überstanden. Dann verbrauchen wir wieder weniger Gas, weil es wärmer wird. Dann greifen die neuen strategischen Energie-Partnerschaften mit Ländern wie Katar oder Saudi-Arabien. Und dann kann man auch ruhigen Gewissens die Verlängerung der deutschen Atomkraftwerke auslaufen lassen.

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Und außerdem: Die Gasspeicher sind randvoll, die Preise für Gas und Öl an den Terminbörsen sind massiv gesunken und an den Küsten stauen sich die Flüssiggas-Tanker, die das europäische Festland mit LNG versorgen möchten. Der kommende Frühling ist das Licht am Ende dieses langen, dunklen Tunnels, den wir seit Monaten durchwandern und dessen Wände nur mit Horrorprognosen und Hiobsbotschaften gepflastert zu sein scheinen.

„Dieser Winter wird schwierig, aber der Winter 2023 könnte noch schlimmer werden”

Doch mittlerweile mehren sich die Anzeichen, dass das, was wir da in der Ferne sehen, nicht das Licht des Tunnelendes ist, sondern ein herannahender Zug, der immer mehr Fahrt aufnimmt und die Aufschrift „Energiekrise 2.0” trägt.

„Dieser Winter wird schwierig, aber der Winter 2023 könnte noch schlimmer werden”, warnte zuletzt die Vizedirektorin des Internationalen Währungsfonds (IWF), Gita Gopinath, im Gespräch mit dem Handelsblatt. Die Energiepreise würden noch für längere Zeit hoch bleiben, die Krise nicht so schnell verschwinden.

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Dabei ist ihre Warnung nicht bloß genereller Natur. Sie ist speziell an die Bundesrepublik gerichtet: „Deutschland ist ein Industriestandort”, erklärt Gopinath, „und bekommt deshalb diese Schocks derzeit besonders deutlich zu spüren”.

Entspannung an Energiemärkten nur vorübergehend

Was genau ist damit gemeint? Die Befürchtung des IWF ist, dass die Entspannung an den Energiemärkten nur vorübergehend ist. Sollten die Preise im kommenden Jahr wieder anziehen, würde sich die angespannte Situation zuerst bei den energieintensiven Unternehmen verschärfen und dann die gesamte deutsche Wirtschaft anstecken.

Im Zuge einer anschließenden Rezession ist davon auszugehen, dass die Energiepreise im Laufe der Zeit fallen und die Inflation eingefangen wird – doch in der industrielastigen deutschen Wirtschaft wäre der größte Schaden zu diesem Zeitpunkt schon entstanden. In der Tat ist es so, dass Analysten zunächst einmal eine Beruhigung am Gasmarkt erwarten.

Vor genau einem Jahr (21. Oktober 2021) kostete eine Megawattstunde im Terminkontrakt an der niederländischen Energiebörse noch rund 43 Euro, in der Spitze ist der Preis in diesem Jahr auf knapp 350 Euro angestiegen.

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Mittlerweile liegt der Kontrakt bei deutlich unter 130 Euro und die Analysten der Investmentbank Goldman Sachs erwarten, dass der Preis im Laufe des Winters und spätestens im ersten Quartal 2023 sogar auf unter 100 Euro fällt. Der Hauptgrund dafür ist, dass die europäischen Gasspeicher gut gefüllt sind und die Panikkäufe der europäischen Staaten, die den Preis mit nach oben trieben, abgenommen haben.

2023 wird Gasspeicher zur Herausforderung

Doch im kommenden Jahr wird es deutlich schwieriger, die Gasspeicher so aufzufüllen wie im Jahr 2022, weil Gaslieferungen aus Russland nach Europa wahrscheinlich vollständig ausfallen werden. Erdgaspreise von über 200 Euro sind deshalb im Laufe des kommenden Jahres wieder möglich. Zwar gibt es mittlerweile Alternativen: In den Niederlanden und in Deutschland werden derzeit drei schwimmende LNG-Terminals in Betrieb genommen, die für Flüssiggaslieferungen unter anderem aus den Vereinigten Arabischen Emiraten gedacht sind.

Norwegen bringt gerade eine Pipeline ans Netz, die über Dänemark nach Polen reicht und jährlich zehn Milliarden Kubikmeter Gas liefern kann. Rund fünf Milliarden Kubikmeter könnten über eine neue Pipeline von Polen in die Slowakei transportiert werden. Doch bis die neue Infrastruktur so funktioniert, wie sie funktionieren soll, wird Zeit vergehen.

Experten gehen davon aus, dass die in diesem Jahr auf den Weg gebrachten Pläne erst ab 2024 oder 2025 ihre volle Wirkung entfalten. So sagte zuletzt Saad al-Kaabi, Energieminister des weltweit größten LNG-Exporteurs Katar, dass Europa in diesem Winter keine Probleme beim Thema Gas haben wird, aber bis 2025 mit Engpässen rechnen muss.

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Hinzu kommt, dass selbst der von Goldman Sachs wohlwollend prognostizierte Gaspreis von 100 Euro pro Megawattstunde für die deutsche Wirtschaft ein beschwerliches Plateau darstellt – denn vor der Corona-Pandemie lag der Preis jahrelang teils deutlich unter der Marke von 20 Euro.

Im kommenden Jahr zeichnen sich neben dem Gaspreis noch zwei weitere Probleme im Energiesektor ab: Die Debatte könnte sich demnächst nämlich zunehmend auf die Preise von Strom und Öl verlagern. Der Ölpreis hat sich nach seinen Hochs nach Kriegsbeginn wieder stabilisiert. Einer der Hauptgründe dafür war, dass die USA im Zuge der Inflationsbekämpfung einen Teil ihrer strategischen Erdölreserven freigegeben haben, aus denen auch Europa beliefert wird.

Freigegeben wurden 180 Millionen Barrel Rohöl, wobei ein Barrel rund 159 Liter entsprechen. Das hat nicht nur die Spritpreise an amerikanischen Tankstellen gesenkt und die teils verheerenden Zustimmungswerte für US-Präsident Joe Biden beim amerikanischen Wähler verbessert – es hat auch den weltweiten Ölpreis gedrosselt.

Jetzt läuft dieses Programm aus und gleichzeitig müssen die nationalen Reserven wieder aufgefüllt werden, was zu einer Verknappung am Markt und damit einem Anstieg des Ölpreises führt. Die jüngste Förderkürzung der OPEC+ um zwei Millionen Barrel pro Tag wird diese Lage noch verschärfen.

Frankreich hat Probleme mit Atomkraftwerken

Auch beim Strom sieht es derzeit alles andere als rosig aus. Deutschlands wichtigster Stromlieferant Frankreich hat massive Probleme mit seinen Atomkraftwerken, die für 70 Prozent der französischen Stromproduktion verantwortlich sind. Zuletzt waren 32 der 56 Kernkraftwerke aufgrund von technischen Problemen oder langwierigen Wartungsarbeiten außer Betrieb, die Stromproduktion aus französischer Atomkraft fiel auf einen historischen Tiefstand.

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Auch Polen hat die Stromlieferungen nach Deutschland eingeschränkt, um die eigenen Preise zu senken. Gepaart mit einem hohen Preis für Erdgas, das in Deutschland ebenfalls zur Stromproduktion genutzt wird, wird sich dies spätestens im Laufe des kommenden Jahres in höheren Strompreisen für Bürger und Unternehmen niederschlagen. Die kommunalen Energieversorger erwarten im Jahr 2023 „tendenziell Preissteigerungen um die 60 Prozent”, wie ein Sprecher des Verbandes kommunaler Unternehmen mitteilte.

All dies bedeutet: Die Bundesrepublik täte gut daran, eine nachhaltige Energiestrategie entwickeln, die über den Wechsel ins Jahr 2023 hinausgeht. Denn der Tunnel der Energiekrise endet nicht im kommenden Frühling und das entgegenkommende Licht im Schacht wird größer, bedrohlicher – und teurer.

 

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