Den einen zu weitreichend, den anderen zu laff: Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) sieht sich derzeit Kritik von
Den einen zu weitreichend, den anderen zu laff: Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) sieht sich derzeit Kritik von allen Seiten ausgesetzt. Klaus-Dietmar Gabbert
Stiko-Mitglied

Kritik an Lauterbach wegen Forderung nach Impfung für alle

Ein Stiko-Mitglied fragt: Wie soll die Stiko ihre Empfehlungen unabhängig von der Politik geben, wenn der Gesundheitsminister zum Thema Viertimpfung schon alles zu wissen scheint?
Berlin

Rüdiger von Kries griff gestern zu deutlichen Worten: „Es wäre besser, wenn Lauterbach seine Zunge etwas besser im Griff hätte“, sagte der Mediziner, der Mitglied in der Ständigen Impfkommission (Stiko) ist, dem Sender „Welt“. Für ihn sei nicht nachvollziehbar, warum der SPD-Bundesgesundheitsminister öffentlich solchen Druck wegen einer allumfassenden Empfehlung zu einer vierten Impfung aufbaue.

Kries versteht den Druck auf eine Viert-Impfung von Lauterbach nicht

Lauterbach sagt seit Wochen bei jeder sich ihm bietenden Gelegenheit, dass er allen erwachsenen Menschen eine vierte Schutzimpfung gegen das Coronavirus empfiehlt – stets mit Verweis auf die Wissenschaft. Erst gestern sagte er wieder in einem Zeitungsinterview: „In einem Interview mit den Zeitungen der Funke Mediengruppe forderte Lauterbach gestern klare Impfem­pfehlungen für sämtliche Altersgruppen. „Wir sollten nicht nur sagen, was die über 70-Jährigen machen sollen. Wir müssen auch eine Antwort für den 40-Jährigen haben.“

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Wissenschaftler Rüdiger von Kries hielt dem entgegen, die Wissenschaft sei eigentlich noch gar nicht so weit. Weiter sagte er: „Es gibt zurzeit keine Notwendigkeit, blitzschnell zu handeln. Es gibt keinen Grund, warum Lauterbach sich zu impfrelevanten Fragen äußert, bevor die Stiko sich mit diesen befasst hat.“ Die Unabhängigkeit der Kommission sei schließlich ein hohes Gut und dürfe nicht infrage gestellt werden. Der Druck seitens des Gesundheitsministers sei „unan­genehm“, so von Kries.

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Die Situation ist allerdings nichts Neues. In den zurückliegenden Corona-Jahren war seitens der Politik immer wieder massiver Druck auf die Stiko und ihren Vorsitzenden Thomas Mertens ausgeübt worden, weil das Gremium sich – ganz Wissenschaftler – Zeit mit seinen Entscheidungen ließ, vor allem hinsichtlich der Fragen, ob die Corona-Schutzimpfungen auch für Kinder empfehlenswert sind und ob Booster-Impfungen wirklich für alle Altersgruppen sinnvoll sind.

Opposition reihte sich gestern schnell ein in die Kritik am Impf-Vorpreschen

Die Opposition reihte sich gestern schnell in die Kritik am Impf-Vorpreschen Lauterbachs ein. Der CDU-Gesundheitspolitiker Tino Sorge sagte, ebenfalls gegenüber dem Sender „Welt“, Lauterbach setze die Stiko über die Medien bewusst unter öffentlichen Druck. Das habe nichts mit der von Lauterbach sonst so hochgehaltenen Wissenschaft zu tun.

Der FDP-Gesundheitspolitiker Andrew Ullmann sagte der Nachrichtenagentur AFP zufolge, er halte das Drängeln von Lauterbach „für fehl am Platz“. Er sprach von „Staatsmedizin, die meistens wissenschaftsbefreit ist.“

Auch die Linke äußerte sich dahingehend. Es könne nicht die Aufgabe des Gesundheitsministers sein, „die Empfehlungen des zuständigen wissenschaftlichen Fachgremiums zu konterkarieren.“

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