Trumps Vorwurf
Macht sich Deutschland abhängig von Russland?

Angela Merkel und Donald Trump haben über das Projekt "Nord Stream 2" unterschiedliche Auffassungen.
Angela Merkel und Donald Trump haben über das Projekt "Nord Stream 2" unterschiedliche Auffassungen.
Dmitry Lovetsky / NK-Montage

US-Präsident Donald Trump hat Deutschland vor der UN-Versammlung vorgeworfen, sich abhängig von Russland zu machen. Es geht dabei um Erdgas. Was ist dran an den Vorwürfen?

„Deutschland wird komplett abhängig sein von russischer Energie, wenn es nicht sofort seinen Kurs ändert” – auf diese gewaltige Drohung Donald Trumps in der UN-Vollversammlung reagierten der deutsche Außenminister Heiko Maas (SPD) und seine Kollegen mit einem Schmunzeln.

Am Dienstag hielt der US-Präsident seine Rede bei der UN-Generaldebatte in New York. Nach einer langen Einleitung, in der er die angeblichen Errungenschaften der USA durch seine bisherige Amtszeit aufzählte, kritisierte er auch die deutsche Regierung. Seine Kritik zielt vor allem auf den geplanten Bau der Erdgas-Pipeline Nord Stream 2 an, die von Russland durch die Ostsee nach Lubmin in Vorpommern führen wird.

Falsche Energiezahlen aus Russland

Die Kritik von Trump ist nicht neu: In der Vergangenheit hatte er immer wieder behauptet, dass Deutschland bis zu 70 Prozent seiner Energie aus Russland bezöge. Doch das stimmt nicht: Zwar ist Deutschland der größte ausländische Käufer von russischem Erdgas, allerdings bezieht es laut der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe (BGR) nur geschätzt 38 Prozent seines Gesamtverbrauchs an Gas von der russischen Firma Gazprom.

Der Anteil von Gas im deutschen Energieverbrauch liegt den Zahlen zufolge bei 23 Prozent. Laut der Arbeitsgemeinschaft Energiebilanzen waren im Jahr 2015 die Niederlande und Norwegen mit 29 Prozent und 21 Prozent weitere wichtige Erdgas-Lieferanten für Deutschland. Die Energielieferungen aus Russland sind also bei Weitem nicht so hoch, wie der US-Präsident behauptet.

Der Präsident wirft der deutschen Regierung vor, sich durch die neue Pipeline abhängiger von Russland zu machen, obwohl Deutschland durch die Nato vor Putin geschützt werden wolle. Dabei wolle Deutschland nicht genug in den Nato-Verteidigungshaushalt einzahlen.

Ganz Unrecht hat Trump mit seiner Kritik nicht: Die USA zahlen dieses Jahr 706 Milliarden Dollar in das Nato-Budget. Das sind 3,6 Prozent ihres Bruttoinlandsprodukts und mehr als zwei Drittel des Gesamt-Budgets. Deutschland zahlt dieses Jahr 1,24 Prozent. Das Thema ist seit Trumps Amtsantritt ein Zankapfel im Verhältnis zwischen Deutschland und den USA.

Teures Gas aus Übersee

Zu den Vorwürfen kommt aber auch ein handfestes wirtschaftliches Interesse der US-Amerikaner: Die in den vergangenen Jahren hochgefahrene US-amerikanische Gasproduktion – unter anderem durch aus Fracking gewonnenem Schiefergas – führt zu einem Überschuss. Die USA hoffen deshalb auf Europa als potentiellen Käufer für ihr Gas.

Polen hat bereits im November 2017 einen Vertrag für fünf Jahre abgeschlossen, umgeschlagen wird das Gas übrigens im neu gebauten Gas-Terminal in Swinemünde nahe Usedom. Doch die meisten anderen Länder der EU stellen sich quer. Verständlich: Das amerikanische Gas wäre laut einer Analyse des Magazins Oil Price 20 bis 25 Prozent teurer als das russische.

Deutschland braucht perspektivisch mehr Gas

Hinzu kommt: Durch zukünftig drohende Versorgungslücken auf dem deutschen Energiemarkt sind mehr Gaslieferungen nach Deutschland so oder so notwendig. Der Atomausstieg soll bis 2022 abgeschlossen sein, der Kohleausstieg wird folgen. Der Umstieg auf Erneuerbare Energien läuft nur schleppend voran – der Gasverbrauch dürfte also sicher steigen.

Ende 2019 soll die 1200 km lange Nordstream-2-Pipeline fertig sein. Dann werden bis zu 55 Milliarden m³ Erdgas nach Europa geleitet. Das verdoppelt die Menge des direkt aus Russland gelieferten Gases durch Gazprom über die Ostsee. Deutschland würde durch die neue Pipeline angeblich acht Milliarden Euro pro Jahr sparen, behauptet eine Analyse des Instituts ewi Energy Research & Scenarios in Köln. Die US-Regierung überlegt, den Bau mit Sanktionen gegen die beteiligten Firmen aufzuhalten.