ALTERSARMUT

Mehr Rente als Gehalt? In den Niederlanden kein Problem

In Deutschland steigt die Zahl der armen Rentner seit Jahren an. Wie lässt sich dieser Prozess aufhalten? Schier unglaubliche Ergebnisse haben unsere Nachbarn im Westen erzielt.
In den Niederlanden ist bereits Realität, wovon in Deutschland die meisten Rentner nur träumen: eine nachhaltige, ho
In den Niederlanden ist bereits Realität, wovon in Deutschland die meisten Rentner nur träumen: eine nachhaltige, hohe und stabile Altersvorsorge für jeden. Julian Stratenschulte
Berlin ·

In Deutschland leben laut Statistischem Bundesamt 564.000 Rentner von Sozialhilfe. Hochgerechnet auf 83,1 Millionen Bürger und 21,2 Millionen Rentner mag diese Zahl gering erscheinen. Und doch muss sie aus zwei Gründen beunruhigen: Erstens hat sich die Zahl der Rentner, die von der Grundsicherung leben, in den vergangenen zehn Jahren um 36 Prozent erhöht und sie wird sich aufgrund eines sinkenden Rentenniveaus und der Zunahme von Niedriglohnjobs in den kommenden Jahren auch weiter erhöhen.

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Und zweitens liegt die Dunkelziffer deutlich höher. Nach Schätzungen des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) nehmen rund 625.000 Haushalte, oder 60 Prozent aller Anspruchsberechtigten, die Grundsicherung im Alter nicht wahr, sei es aus Scham, Unwissenheit oder weil die bürokratischen Prozesse sie überfordern. Die Frage, wie die Bundesrepublik mit ihrer wachsenden Altersarmut umgeht, gewinnt somit zunehmend an Dringlichkeit.

Niederlande koppeln Rentenhöhe nicht an das Einkommen

Ein Blick in die Niederlande macht deutlich, dass es auch anders geht. Dort erhalten ältere Menschen nämlich nicht nur eine Rente, die höher ist als ihr Gehalt – es gibt dort auch eine automatisierte Mindestrente, die die Bürger vor der Altersarmut schützt. Und zwar innerhalb eines Rentensystems, das nachhaltig wirtschaftet. Wie funktioniert das? In den Niederlanden basiert das Rentensystem auf drei Säulen: Erstens gibt es eine staatliche Mindestrente, die derzeit bei 1.301 Euro für Alleinstehende und 1.779 Euro für Paare liegt. Diese Grundrente ist an die Lohnentwicklung gekoppelt und beträgt in voller Höhe für Alleinstehende 70 Prozent des Mindestlohns. Spannend ist, dass die Mindestrente gleichzeitig als soziales Sicherheitsnetz fungiert: Sie ist nämlich nicht abhängig vom Einkommen in der Erwerbszeit, sondern vom Aufenthaltsstatus.

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Für jedes Jahr, das ein Bürger in den Niederlanden gelebt oder gearbeitet hat, erhält er zwei Prozent der Mindestrente, die volle Summe wird also nach 50 Jahren Aufenthalt fällig. Somit erwerben auch Langzeitarbeitslose, Alleinerziehende oder Bürger in geringfügigen Beschäftigungen Jahr für Jahr einen höheren Anteil an dieser ersten Säule des niederländischen Rentensystems. Hinzu kommt eine betriebliche Altersvorsorge, die verpflichtend ist, zu 50 Prozent von den Arbeitgebern getragen und am Aktienmarkt angelegt wird. Und die dritte Säule besteht aus der staatlich geförderten privaten Altersvorsorge.

Kombination aus Umverteilung und Aktien

All dies führt zu einem nahezu unglaublichen Ergebnis: In den Niederlanden bekommen fast alle Rentner mehr als sie vor der Rente verdienten. Gleichzeitig ist das Rentensystem nachhaltig finanzierbar und stellt eine „effektive Absicherung von Altersarmut” dar, wie das DIW in dieser Woche in einer Studie zum deutschen Rentensystem diagnostizierte. Der grundlegende Unterschied zu Deutschland ist, dass in den Niederlanden deutlich mehr umverteilt wird, aber trotzdem hohe Renten für Gutverdiener erreicht werden. Wie ist das möglich?

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Die Antwort liegt in der Kombination aus Umverteilung und Kapitalmarktdeckung. Auf der einen Seite erhalten Spitzenverdiener dieselbe Mindestrente wie zum Beispiel Geringverdiener oder Langzeitarbeitslose. Es wird also massiv von „reich” nach „arm” umverteilt: Die höheren Beiträge der Gutverdiener werden zur Finanzierung der Renten von Geringverdienern genutzt. Zum anderen erhalten aber auch die Gutverdiener eine hohe Rente, da sie zu einer betrieblichen Aktienrente verpflichtet werden, die durch Erträge am Kapitalmarkt auf lange Sicht gesehen stetig wächst.

Ist das in Deutschland auch möglich?

Nun stellt sich eine große Frage: Warum kriegen wir so etwas in Deutschland nicht hin? Das DIW hat darauf eine interessante Antwort: Die Regierungsparteien hielten sich „mit Vorschlägen zurück” und „sehen den Handlungsbedarf als nicht so dringlich”. Mit anderen Worten: CDU und SPD sind schlicht reformunwillig, obwohl bereits seit Jahrzehnten bekannt ist, dass das chronisch unterfinanzierte Rentensystem Mitte der 2020er-Jahre mit dem Renteneintritt der geburtenstarken Jahrgänge zu implodieren beginnen wird. Reformorientierte Vorschläge nach niederländischem Modell gibt es tatsächlich, sie kommen aber aus der Opposition – und zwar aus wirtschaftspolitisch völlig unterschiedlichen Lagern.

Die Linke schlägt eine Mindestrente nach niederländischem Vorbild vor und die FDP fordert eine verpflichtende Aktienrente zur Finanzierung des gesamten Systems. Hervorragende Vorschläge, doch einzeln nutzlos: Das Konzept der Linken ist nur durch massive und zukünftig immer weiter steigende Steuererhöhungen finanzierbar und die FDP-Aktienrente alleine hätte das Potenzial, die Einkommensungleichheit im Alter weiter zu verstärken. Das Beispiel der Niederlande legt nahe, dass aber erst eine Kombination der beiden Vorschläge sowohl wirtschaftlich nachhaltig als auch sozial gerecht ist. Beim Blick auf den Rentenbescheid werden sich in Deutschland wohl einige Bürger mit einem gewissen Bedauern an die Tatsache erinnern, dass sich Linke und FDP in absehbarer Zukunft wohl nicht in gemeinsamer Regierungsverantwortung finden werden.

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Kommentare (3)

Möglich schon aber nicht erwünscht.

Hat Volker Pispers schon 2003 öffentlich vorgerechnet. Sowohl die Gründe für Altersarmut der 2030er als auch die holländische Lösung.

Die CDU hat die Zahlen und Machbarkeit damals abgestritten, uA in der FAZ und Süddeutschen, musste sich nach 6 Monaten der Prüfung (was ihnen bereits VORGERECHNET wurde) in einer Richtigstellung entschuldigen.

Das ist keine Story wert aber ein weiteres Beispiel dafür was geht und was von Staatswegen blockiert wird - mit Hilfe mancher Medienanstalten.

Es wird also massiv von „reich” nach „arm” umverteilt.

Und deswegen wird es in Deutschland nicht besser werden denn, cdu und fdp wollen auch weiterhin blühende Landschaften. Die afd möchte auch weiterhin Geld im Ausland, der Schweiz anlegen und investieren statt in die BRD.

Bei Geld nehmen sich die bekannten 6 Vertreter ohnehin nicht viel. Bis auf die Linke aber wer aus selbstverschuldeten Gründen keine Kontakte zur Großindustrie pflegen kann, (und deshalb auf Parteispenden verzichten kann/muss), der wird in einem Deutschland der Rezession niemals regieren.

Aus dem Dornröschenschlaf werden diese aber auch nie aufwachen, genau wie die Grünen, denen die Realpolitik schneller auf die Füße fallen wird als Rotorblätter.

Die "Player" der Politik kommen gar nicht drumherum als eine Art Investmentverwalter zu fungieren. Ist doch egal wer gewählt wird.

Der ganze Bums hier ist auf Pump finanziert. Aktuelle Laufzeit bis 2096, wenn alles gut geht.

Bisschen spät um den Job hinzuschmeißen, wenn dein Haus und Hof davon abhängt.