Interview mit Frauke Hildebrandt

„Ostdeutsche haben einfach schlechtere Ausgangsbedingungen“

Die Tochter der legendären Sozialministerin Regine Hildebrandt, die Potsdamer Professorin Frauke Hildebrandt (SPD), meint, dass Ostdeutsche noch immer benachteiligt werden.
Bis zum Aufschwung Ost ist es noch weit – findet zumindest Frauke Hildebrandt. 30 Jahre nach der Wende seien die Ostdeutschen immer noch benachteiligt.  Foto: Jens Wolf
Bis zum Aufschwung Ost ist es noch weit – findet zumindest Frauke Hildebrandt. 30 Jahre nach der Wende seien die Ostdeutschen immer noch benachteiligt. Jens Wolf
Potsdam

Frau Hildebrandt, sind Ostdeutsche heute benachteiligt?

Ostdeutsche haben einfach schlechtere Ausgangsbedingungen als Westdeutsche: Unter all denen, die heute in Führungspositionen der Wirtschaft, der Stiftungen und der Politik sind, haben nur 1,7 Prozent eine ostdeutsche Biografie. Die Ostdeutschen sind also massiv unterrepräsentiert. Selbst in Ostdeutschland sind heute nur zwischen 25 bis 30 Prozent Ostdeutsche in Spitzenjobs zu finden.

Und das ist eine große Gefahr für unser Land: Wenn eine so große Bevölkerungsgruppe so unterrepräsentiert ist, verabschiedet sie sich aus dem System. Das ist nicht nur ungerecht, sondern kann zu einer Destabilisierung der Demokratie führen.

Wo sehen Sie konkrete Benachteiligungen?

Es gibt immer noch zwei Tarifgebiete, „Ost“ und „West“, in Deutschland. Auch die Renten sind in Ost und West noch immer nicht angeglichen. Es gibt kein Dax-Unternehmen im Osten, weite Teile des Ostens sind deindustrialisiert. Da nützen dann Straßen ohne Schlaglöcher auch nichts.

Und dann haben Sie die Biografien, zum Beispiel die des Vaters einer guten Freundin, ein promovierter Biologe, der nach der Wende als ABM-Kraft in seinem eigenen Institut arbeiten musste, und den Eintritt in den Ruhestand hinausschieben musste, weil die Rente sonst nicht gereicht hätte. Vergleichbare Entwürdigungen sind in fast alle Familien vorgekommen.

In der Wendezeit ist in Ostdeutschland vielen Menschen Unrecht geschehen und es hat ihnen nichts genutzt, sich dagegen zu wehren – und das, obwohl die allermeisten die Wende wollten. Das ist eine Erfahrung, die kann einen schon resignieren lassen. Zumal, wenn man dann noch hört: Nun jammert mal nicht so viel rum. Himmel!

Wollen Sie weiter eine Ossi-Quote?

Ja. Ich glaube, dass wir schnell mehr Menschen aus dem Osten in Spitzenpositionen brauchen, damit die Ost-Themen auch in Spitzengremien einfach auf dem Schirm sind. Was reden wir denn dauernd über Bayern? Es geht darum, welche Themen gesetzt werden und welche nicht. Also um Vernetzung, Macht und Geld. Glauben Sie im Ernst, dass jemand freiwillig darauf verzichtet – zugunsten der Ossis?

Ich denke, dass man mehr kämpfen muss, wenn man mehr Einfluss haben will. Und eine Quote ist ein hilfreiches Instrument.

Hängt der Aufstieg der AfD für Sie mit dieser Benachteiligung zusammen?

Wahrscheinlich ist sie auch deshalb groß geworden, aber bestimmt nicht nur deswegen. Es ist doch so: Wer sagt, in unserem Land ist alles gut, hat die Menschen mit den realen – und nicht einfach nur gefühlten – Erfahrungen, die ich beschrieben habe, nicht im Blick. Und das sind ja viele Menschen. Mich ärgert das.

Das gesamte Interview mit Frauke Hildebrandt können Sie am Montag in allen Ausgaben des Nordkurier und Uckermark Kurier lesen.

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