Papst Franziskus hat sich nachdenklich über den russischen Angriffskrieg auf die Ukraine geäußert.
Papst Franziskus hat sich nachdenklich über den russischen Angriffskrieg auf die Ukraine geäußert. Andrew Medichini
Krieg in der Ukraine

Papst stellt Frage nach Mitschuld der Nato

Eine Äußerung von Papst Franziskus hat für Wirbel gesorgt: Er hatte darin angedeutet, er sehe eine Mitverantwortung der Nato für den russischen Angriffskrieg. Wie war das gemeint?
Rom

Papst Franziskus hat in einem Interview seinen Wunsch bekräftigt, nach Moskau zu reisen, um dort mit dem russischen Präsidenten Wladimir Putin zu sprechen und ihn zu drängen, den Krieg gegen die Ukraine zu beenden. Gleichzeitig fragt das Oberhaupt der katholischen Kirche, ob nicht auch das Verhalten der Nato, die Ausdehnung des Bündnisses in den vergangenen Jahrzehnten bis an Russlands Grenzen, Putins Entscheidungen, die Ukraine zu überfallen, beeinflusst haben könnte. In der Ukraine sind die Christen enttäuscht: Die Fixierung des Papstes auf Moskau nehmen vor allem die Katholiken mit Großerzbischof Swjatoslaw Schewtschuk mit Befremden wahr.

Papst-Interview sorgt für Wirbel im Netz

Als am Dienstagabend das Interview, das der Papst mit der italienischen Zeitung „Corriere delle Sera“ geführt hat, öffentlich wurde, mischten sich bei Beobachtern vor allem in der westlichen Welt Staunen, Ungläubigkeit und Fragen. Denn Franziskus fragte in dem Gespräch, ob vielleicht „das Bellen der Nato vor den Toren Russlands“ den Kreml-Chef dazu motiviert habe, den Konflikt zu entfesseln: „Eine Wut, von der ich nicht sagen kann ob sie (dadurch) verursacht wurde, aber vielleicht doch (dadurch) erleichtert wurde.“ Hat die Nato den Kriegsgrund geliefert?

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Franziskus regte in dem Interview außerdem an, man möge doch über solche Entwicklungen nachdenken. In der Verurteilung Russlands blieb er in dem Gespräch allerdings glasklar: „Es ist nicht denkbar, dass ein freier Staat einem anderen freien Staat den Krieg erklärt.“ Weiter sagte Franziskus: „Am ersten Tag des Krieges habe ich den ukrainischen Präsidenten Selenskyj angerufen, Putin hingegen habe ich nicht angerufen.“

Vatikan-Experte Politi ordnet die Äußerungen ein

Einer der besten Vatikankenner ist der Journalist und Franziskus-Biograph Mario Politi. Im Gespräch stellt er die Position des Papstes nochmals klar heraus. „Russland trägt die Verantwortung für diesen Krieg.“ Seit Kriegsbeginn habe sich Franziskus „immer wieder sehr klar geäußert und gesagt, wer die Verantwortung für die Massaker, die Blutbäder, das Leiden der vergewaltigten Frauen und Mädchen und die Brutalität übernehmen muss: allein Russland.“

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Gleichzeitig aber, so erklärt Politi, sei Franziskus die Unterscheidung wichtig, „dass die Welt nicht naiv“ sein möge: „Der Papst sieht und benennt die direkte und aktuelle Verantwortung, weist aber auf die geopolitischen Wurzeln des Konfliktes hin, die aus seiner Sicht durch die Nato-Osterweiterung gelegt worden sein könnten.“

Orthodoxer Patriarch Kyrill I. greift Franziskus’ Gedanken auf

Am Mittwoch griff das russisch-orthodoxe Kirchenoberhaupt, Patriarch Kyrill I., die Gedanken des Papstes auf. Ihm, den Franziskus heftig kritisierte, kamen die Fragen des römischen Pontifex gelegen. Kyrill erinnerte daran, dass Russland zugesichert worden sei, dass sich das westliche Militärbündnis Nato kein bisschen nach Osten ausweiten werde.

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Zurück nach Rom. Dem Vatikan sei an einer Verhandlungslösung gelegen, sagt dort Politi. Am Tiber zögen die Diplomaten des Papstes einen historischen Vergleich: „In der Vatikan-Diplomatie erinnert man sich ans Jahr 1962, an die Kuba-Krise, als die beiden Weltmächte USA und Sowjetunion am Rande eines Atomkrieges standen: „Der damalige US-Präsident John F. Kennedy und der damalige Kreml-Chef Nikita Chruschtschow waren klug genug, die Sicherheitsinteressen beider Seiten zu sehen“, sagt der Vatikan-Kenner, „die Sowjetunion baute ihre Raketen auf Kuba ab, die USA entfernten ihre Jupiter-Raketen aus der Türkei.“

Selenskyj betont vor Gesprächen Kompromissbereitschaft

Kardinalstaatssekretär Pietro Parolin setze im aktuellen Konflikt auf eine Lösung, die die legitimen Interessen beider Seiten berücksichtige. „Der Papst will die weitere Eskalation verhindern und strebt gleichzeitig an, nicht nur in der Kategorie der bisherigen militärisch-politischen Blöcke zu denken“, sagt Politi, „er will aus den alten Schemata herauskommen und neue Regelungen auf Weltebene anstreben, so wie es in der KSZE-Schlussakte von Helsinki 1975 mit der Unverletzlichkeit der Grenzen geregelt wurde.“

Papst will „jedes mögliche Zeichen setzen“

Eine Verhandlungslösung, ernsthafte Gespräche zwischen dem Oberhaupt von 1,3 Milliarden Katholiken mit dem Aggressor? Politi verweist auf den Realitätssinn des Papstes, der bereits Mitte März auf stillen diplomatischen Kanälen gegenüber dem russischen Präsidenten sein Interesse an einem Treffen in Moskau signalisiert hatte. „Ich bin Pessimist“, betont der 85-jährige Papst heute, „aber wir müssen jedes mögliche Zeichen setzen, damit der Krieg zum Stillstand kommt.“ Daher sei er nach wie vor gewillt, nach Moskau zu fahren, derzeit aber nicht in die ukrainische Hauptstadt Kiew: „Ich spüre, dass ich nicht gehen sollte.

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Zuerst muss ich nach Moskau gehen, zuerst muss ich Putin treffen.“ Bisher habe er allerdings noch keine Antwort des russischen Präsidenten auf seine Initiative für ein Gespräch in Moskau erhalten. Franziskus gibt nicht auf: „Wir haben noch keine Antwort erhalten und beharren weiter darauf – obwohl ich befürchte, dass Putin zu diesem Zeitpunkt nicht zu diesem Treffen kommen kann und will.“

In der Ukraine blicken vor allem die römisch-katholischen Christen mit Unverständnis nach Rom. Sie hatten schon lange vor dem Überfall mit einem Besuch des Papstes gerechnet. Stattdessen schickte ihnen Franziskus die Kurienkardinäle Konrad Krajewski und Michael Czerny. Sie sollten den Menschen „die Nähe und Sorge des Heiligen Vaters in Rom“ übermitteln. Und auch die griechisch-katholischen Christen sind irritiert: Großerzbischof Swjatoslaw Schewtschuk erteilt fast täglich einem Kompromiss mit den russischen Angreifern indirekt eine Absage. „Wir in der Ukraine beten heute intensiv für den Frieden“, sagt das Oberhaupt der griechisch-katholischen Kirche der Ukraine am Montag zum Krieg. „Aber wir verstehen, dass man keinen Kompromiss mit dem Teufel, mit dem Bösen eingehen darf“, fügt der 51-Jährige hinzu.

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Kommentare (1)

Der Zusammenbruch des Warschauer Vertragspaktes oblag nicht in der Verantwortung der NATO. Sowjetunion und nachfolgend Russland wurden zu keiner Zeit Steine in den Weg gelegt neue Partner für ein Verteidigungsbündnis zu suchen. Anscheinend wollte kein Staat mehr mit Russland. Was nicht verwundert, schaut man sich die jüngere Geschichte Osteuropas an.