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Forscher warnt

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Pestizid-Verbot könnte den Bienen sogar schaden

Voll bepackt mit Pollen und Blütenstaub ist diese Biene im Anflug auf einer blühenden Sonnenblume.
Voll bepackt mit Pollen und Blütenstaub ist diese Biene im Anflug auf einer blühenden Sonnenblume.
Patrick Pleul

Die EU hat drei Pestizide verboten, die angeblich Bienen gefährden – dafür feierten sich Politiker. Doch nun hat sich Deutschlands führender Bienen-Experte zu Wort gemeldet.

Das am vergangenen Freitag beschlossene EU-Freilandverbot für drei als bienenschädlich geltende Pflanzenschutzmittel könnte Bienen womöglich mehr schaden als nutzen. „Das generelle Verbot dieser Mittel sehe ich nicht unkritisch“, sagte jetzt der Doktor der Agrarwissenschaft und Imker Klaus Wallner von der Landesanstalt für Bienenkunde an der Universität Hohenheim in Stuttgart. Er hätte sich eine detaillierte fachliche Diskussion über das Thema gewünscht.

Oder andersherum: Womöglich wurde in Brüssel nicht faktenbasiert, sondern lediglich mit Blick auf die öffentliche Meinung entschieden. Wallmer formuliert das für ihn entscheidende Defizit in der Debatte etwas zurückhaltender: „Der gesamte Naturhaushalt hätte in den Blick genommen werden müssen.“

Der Applaus kam aus nahezu allen Parteien

Kern seiner Befürchtung ist, dass viele Bauern jetzt auf den Rapsanbau verzichten könnten. Der Raps als entscheidende Nahrungsquelle sei für das Überleben der Bienen aber wichtiger, als die drei jetzt verbotenen Neonicotinoide aus dem Ackerbau zu verbannen.

Die EU-Staaten hatten einem Freilandverbot für drei Insektenmittel am Freitag zugestimmt. Bundesagrarministerin Julia Klöckner (CDU) sprach von einem „guten Tag für den Schutz der Bienen in Deutschland und in Europa“. Bundesumweltministerin Svenja Schulze (SPD) sagte, das Artensterben aufzuhalten, sei „eine der zentralen politischen Aufgaben unserer Zeit“.

Applaus für die Zustimmung Deutschlands zu dem Verbot gab es auch von den Grünen. Die Entscheidung sei aber nur ein Baustein, um das Insektensterben aufzuhalten, meinten sowohl die Grünen als auch die SPD-Bundesumweltministerin. Auch die sogenannte Beizung, also das direkte Behandeln des Saatgutes mit Pflanzenschutzmitteln, ist mit der Entscheidung nicht mehr möglich. Wallmer vermutet, dass die Bauern nun andere Wirkstoffe großflächig auf die Äcker brächten, die neben Schädlingen nützliche Kleinstlebewesen wie Käfer und Spinnen vernichten könnten.

Pestizid große Gefahr für Bienen

Solche rabiaten Mittel sind sogar im Bio-Anbau erlaubt. Dazu gehört zum Beispiel ein Pestizid namens Spinosad. Es ist in die höchste Gefahrenklasse für Bienen eingestuft und tötet fast alles, was Flügel hat, außerdem ist es höchst schädlich für Wasserorganismen. Erlaubt im Bio-Landbau ist es, weil es von einem Bakterium produziert wird, das auch in der Natur vorkommt.

Unschädlichere Stoffe, die allerdings künstlich erzeugt werden, sind dagegen verboten. Jetzt also auch die drei Neonicotinoide, von denen eines bei einem der größten je durchgeführten Freilandversuche in Mecklenburg-Vorpommern bei sachgerechter Verwendung keinen nachweisbaren negativen Effekt auf Bienenvölker hatte.

Verbot könnte Aus für Rapsfelder bedeuten

Bienenkundler Wallmer befürchtet aber nicht nur den möglichen Einsatz von gefährlichen Ersatzprodukten. Vielen Landwirten könnte das womöglich zu teuer sein und sie würden ihre Produktion von Raps auf Soja umstellen. Für die in diesen Tagen so zauberhaft gelb leuchtenden Landschaften in Mecklenburg-Vorpommern und Brandenburg mehr als nur ein optischer Verlust.

„Das wäre dann ein dramatischer Bumerang“, sagt Wallner, „die Bienen müssten dann nämlich verhungern.“ Den wenigsten Imkern und Politikern sei bewusst gewesen, dass die Verbotsentscheidung den Bienen gar nichts bringe und die Ersatzmaßnahmen die Lage verschlechtern könnten.

Spritzmittelspuren im Honig seien an seinem Institut in den vergangenen Jahren übrigens nicht nachweisbar gewesen, betonte Wallner, der das Rückstandslabor an seinem Institut leitet. Wer auch den Wildbienen wirklich helfen wollte, müsse dafür Sorge tragen, dass es genügend und vielfältige blühende Pflanzen gebe.