VITANAS AN OAKTREE VERKAUFT

Pflegen für die Rendite

Dass die Pflege in Deutschland zu einer milliardenschweren Branche geworden ist, zeigt das Beispiel des Verkaufs der Pflegeheimkette Vitanas.
Das Vitanas-Pflegeheim in der Neubrandenburger Südstadt.
Das Vitanas-Pflegeheim in der Neubrandenburger Südstadt. Sebastian Langer
Neubrandenburg.

Oaktree heißt auf Deutsch Eichbaum. Eichen symbolisieren die Ewigkeit, sie können 30 Menschen-Generationen überdauern und bis zu 1400 Jahre alt werden. Oaktree heißt auch eine amerikanische Investmentgesellschaft. Sie ist eine der größten auf der Welt und verwaltet mehr als 100 Milliarden Dollar für ihre Kunden. Im vergangenen Sommer hat Oaktree in Deutschland investiert und die private Pflegeheimkette Vitanas gekauft – dem Vernehmen nach für 500 Millionen Euro. Oaktree Capital Management, so heißt es, will aber nicht mehrere Generationen lang, sondern nur fünf bis zehn Jahre bleiben – und Vitanas anschließend gewinnbringend verkaufen.

Was bedeutet das für die mehr als 700 Menschen, die in den Vitanas-Heimen in Neubrandenburg, Ueckermünde, Schwerin und Potsdam betreut werden – und was für die Pflegerinnen und Pfleger? Eines steht fest: Eine Besonderheit ist Oaktrees Einstieg in den deutschen Pflegemarkt nicht. Seitdem die Bundesregierung Anfang der 90er Jahre den Markt für Privatunternehmen geöffnet hat, steigt deren Anteil in der Branche stetig.

Das ist eine Entwicklung, den die Gewerkschaften gar nicht gerne sehen. „Wir finden, Pflege und Privatinvestoren, das passt nicht zusammen“, sagt Christian Wölm vom Verdi-Fachbereich Gesundheit und Soziale Dienste. „Was hat Profitmaximierung in der Gesundheitsversorgung zu suchen? Die Kapitalgeber erwarten vor allem eine entsprechende Rendite“, ist sich Wölm sicher, „sonst springen sie wieder ab.“

Oaktree will investieren und Heime modernisieren

So spricht das auf Sozialimmobilien spezialisierte Beratungsunternehmen Terranus von Jahresrenditen von fünf bis acht Prozent – nicht übel in Zeiten niedriger Zinsen. Und das Investitionsrisiko ist dank Demografie überschaubar: Eine Studie der Bertelsmann-Stiftung prognostiziert für MV, dass im Jahr 2030 rund 110.000 Menschen im Land pflegebedürftig sind, das wären knapp 30.000 mehr als heute. In Brandenburg soll die Anzahl Pflegebedürftiger sogar noch stärker steigen: von rund 112.000 auf etwa 174.000 Menschen.

Doch können Pflegeheime wirklich so schnell auf mehr Gewinne getrimmt werden? „Das geht eigentlich nur über Personalkosten“, sagt Harald Hahne, Vorsitzender des Vitanas-Gesamtbetriebsrats. Und gerade in Ostdeutschland, wo der Organisierungsgrad des Pflegepersonals noch niedriger als ohnehin schon in der Branche ist und Betriebsräte wie Gewerkschaften also wenig Kraft haben, sei es deshalb sehr schwer, so Hahne, Oaktree nicht als klassische Heuschrecke zu sehen, die auf dem Rücken von Pflegekräften möglichst viel Profit erwirtschaften will.

Politik hat neue Pflegekräfte versprochen

Der Betriebsrat sieht allerdings auch die andere Seite der Medaille und hofft auf die von Oaktree versprochenen Investitionen, um die Häuser weiterzuentwickeln. „Da sind einige ambitionierte Projekte dabei“, sagt Hahne, „aber alle sind bisher erst in der Planungsphase.“ Gewerkschafter Christian Wölm berichtet von tagesaktuellen Controllings, es sei spürbar, „dass das gesamte Unternehmen komplett durchleuchtet wird.“ Jedoch würde auch viel Geld in die Hand genommen und in die Infrastruktur gesteckt, es gäbe Sanierungen und Neubauten.

Doch wie die Häuser im Nordosten konkret davon profitieren, das kann oder will der Konzern nicht sagen. Von den Heimleitungen in Ueckermünde, Schwerin und Neubrandenburg hört man entweder, dass sich seit dem Verkauf eigentlich nichts geändert habe und auch das Hygienekonzept noch dasselbe sei wie vor einem Jahr – oder, dass man leider keine konkreteren Auskünfte geben dürfe.

Vitanas war schon vor Oaktree in Privatbesitz, schon damals haben hier Pflegerinnen in MV für einen Verdienst unter dem Tarif bedürftige Menschen betreut. Der neue Besitzer hat angekündigt, mit seinem Geld deutlich mehr Heimplätze zu schaffen und die bestehenden grundlegend zu modernisieren. Und die neue Regierung hat bekanntlich 8000 neue Pflegekräfte für Deutschland versprochen, proportional dürfen sich die Vitanas-Häuser in MV somit auf drei ganze GroKo-Pflegerinnen freuen – wenn die Politik denn welche findet. Dennoch: Aufbruchstimmung mischt sich mit Unsicherheit, wie es bei Vitanas in den nächsten Jahren weitergeht – und wie lange man noch Geldgebern gehört, deren Name im Deutschen für die Ewigkeit steht.

Stadt. Land. Klassik! - Konzert in Neubrandenburg

Kommende Events in Neubrandenburg

zur Homepage