Auch die Montagsdemo in Greifswald blieb friedlich.
Auch die Montagsdemo in Greifswald blieb friedlich. Stefan Sauer
Tweet über Demos

„Radikalisierung? Nicht zu sehen.“ – Und alle regen sich auf

Ein prominenter Fernseh-Journalist sorgt mit einer eigentlich unspektakulären Alltagsbeobachtung für Furore im Internet. Ein Kommentar.
Templin

Beschimpfungen, Pfefferspray, politisch zwielichtige Teilnehmer und Rangeleien mit der Polizei beherrschen die Berichterstattung über die Demonstrationen gegen Impfpflicht und Corona-Maßnahmen. Kommt es zu Zwischenfällen auf einer oder einzelnen von Hunderten Demos, wie sie an Wochenenden und Montagen zurzeit regelmäßig im ganz Deutschland stattfinden, wird vieles davon prominent in den Medien thematisiert. Berichte über kleine und große Proteste, die vollkommen oder größtenteils friedlich verlaufen, sind im Gegensatz dazu oft nur eine Meldung oder einen lustlosen Artikel wert.

So empfinden es viele Menschen, die Woche für Woche für Grundrechte und Selbstbestimmung auf die Straße gehen. Dass es sich bei ihnen zum allergrößten Teil um ganz normale, friedliche Bürger handelt, werde – wenn überhaupt – stets mit journalistisch hochgezogener Augenbraue erwähnt, indem in wirklich jedem Artikel die berühmten „Teilnehmer aus dem rechten Spektrum“ oder eben vereinzelte Zwischenfälle auf anderen Veranstaltungen geradezu zwanghaft dazugeschrieben würden, klagt ein Großteil der Demonstranten.

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Harmloser Tweet, riesige Resonanz

Auf der Neubrandenburger Demo sagte am Montag eine ältere Dame zu mir: „Wir gehen hier jede Woche mit Musik, Kerzen und Lichterketten gegen die drohende Impfpflicht spazieren. Die Stimmung ist immer bestens, auch mit der Polizei. Warum wird nie groß darüber berichtet, wie friedlich und fröhlich unser Protest ist? Und vor allem: Wie viele Menschen in ganz Deutschland zu ähnlichen Demos gehen und die gleichen Erfahrungen machen?“

Dass Berichte – und seien sie noch so kurz – über den friedlichen und bürgerlichen Charakter der gegenwärtigen Demos gegen Impfpflicht und eingeschränkte Grundrechte offenbar wirklich Mangelware sind, zeigt die Resonanz auf einen aktuellen Tweet des Journalisten Rolf-Dieter Krause, ehemals WDR-Programmchef und bis 2016 Leiter des ARD-Studios in Brüssel. Er besuchte den Montagsspaziergang in Templin, um sich, wie er sagt, ein eigenes Bild der Proteste zu machen. Der Journalist auf Twitter: „Ich wollte es mal mit eigenen Augen sehen: Montagsspaziergang in Templin, Uckermark. 15.000 Einwohner, ca. 400 Teilnehmer (entspricht ca. 100.000 in Berlin). Keine blöden Sprüche, kein Krawall, eine bunt gemischte Bürgergesellschaft. Polizei: entspannt. Radikalisierung? Nicht zu sehen.“

Am Folgetag hat Krauses Tweet bereits mehr als 7500 Likes und wurde mehr als 1600 Mal geteilt. Etliche Kommentatoren freuen sich und berichten in Kurzversion von ihren Erfahrungen auf sogenannten Corona-Demos, Tenor: „Endlich sagt's mal einer, bei uns ist es auch immer friedlich!“ oder „Danke! Kommen Sie doch auch mal bei uns gucken!“ Nicht wenige antworten zustimmend, aber zynisch, nach dem Motto: „Ach, nee – auch schon gemerkt?“

„Aber auf anderen Demos...”

In den Kommentaren auf Krauses Beobachtungen in Templin finden sich allerdings auch Stimmen, die die üblichen Stichworte fallenlassen: Auf anderen Demos gäbe es „Neonazis“ und „Übergriffe“, Politiker und Journalisten würden zu „Zielscheiben“ eines „auf Telegram mobilisierten“ Demo-Mobs. Diejenigen, die Krauses Tweet bejubeln, würden die Tatsache verkennen, dass Journalisten in anderen Städten andere Beobachtungen gemacht hätten, fasst ein Fernseh-Autor zusammen.

Bestätigt wird damit eben jener Reflex, der zu Frust und Resignation vieler wöchentlicher Demo-Teilnehmer und vermutlich auch zu Rolf-Dieter Krauses Demo-Besuch in der Uckermark geführt hat: Friedliche Bürger, keine Radikalisierung? Ganz normale Leute, die schlicht vom Unwohlsein über die aktuelle Politik mobilisiert wurden? Dieses Bild darf so offenbar auf keinen Fall stehen bleiben.

Aber warum nicht, wenn es doch vielerorts so ist? Natürlich dürfen Gewalt und Extremismus in der Berichterstattung über Proteste nicht unkommentiert bleiben. Zehntausende Demonstranten in ganz Deutschland fühlen sich jedoch zurecht verkannt, wenn Gewalt und Extremismus gebetsmühlenartig auch dort hineininterpretiert werden, wo sie unterwegs waren. Dort, wo wieder mal alles friedlich war.

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