Brisante Zitate

RKI relativiert Wielers Aussagen zu Migranten auf Intensivstationen

Es klingt alarmierend, was unter Berufung auf RKI-Chef Lothar Wieler berichtet wird: Die Intensivstationen sollen vor allem durch Menschen mit Migrationshintergrund belegt sein. Nordkurier hakte nach.
In einem Gespräch mit Chefärzten soll sich RKI-Chef Wieler zu Corona-Patienten mit Migrationshintergrund geäu&s
In einem Gespräch mit Chefärzten soll sich RKI-Chef Wieler zu Corona-Patienten mit Migrationshintergrund geäußert haben. Sommer/Hanschke/NK-Combo
Berlin

Es sind heikle Aussagen, die RKI-Chef Prof. Lothar Wieler bei einem internen Treffen gemacht haben soll. Die BILD-Zeitung berichtet von einem Gespräch zwischen Wieler und mehreren Medizinern, aus dem hervorgehen soll, dass der überwiegende Teil der schweren Coronafälle in Deutschland Patienten mit Migrationshintergrund sind.

Tabu: Patienten mit Migrationshintergrund

Umfragen unter Chefärzten von Intensivstationen hätten ergeben, „dass es offensichtlich eine Gruppe gibt, die die Politik mit Corona-Warnungen überhaupt nicht erreicht. Das sind Menschen mit Migrationshintergrund”, wird Dr. Thomas Voshaar, Chef der Lungenklinik Moers, zitiert. „Nach meiner Erhebung hatten immer über 90 Prozent der intubierten, schwerstkranken Patienten einen Migrationshintergrund.“

RKI-Chef Wieler habe daraufhin betont, ihm sei die Problematik bekannt. Es sei allerdings schwierig, das Thema offiziell aufzugreifen: „Ich habe das genauso gehört“, so Prof. Wieler laut BILD. „Aber es ist ein Tabu.“ Er habe versucht, auf bestimmte Menschen zuzugehen.

Die Sätze sind laut BILD in einer Telefonschalte mit Wieler und Chefärzten am 14. Februar gefallen. „Wir müssen über Imame auf diese Religionsgruppen eingehen. Das Ganze hat für Berlin riesige Auswirkungen. Das ist ein echtes Problem“, soll Wieler weiter gesagt haben.

Aussagen, die Fragen aufwerfen, die der Nordkurier am Mittwoch dem Robert Koch-Institut gestellt hat. Wenn das Gespräch tatsächlich so stattgefunden hat – hätte man nicht schon längst auf das „Problem“, wie Wieler es demnach selbst nennt, reagieren müssen? Warum wurden die erwähnten Zustände und Schwierigkeiten bislang nicht konkret benannt – um sie dann schnellstmöglich lösen zu können?

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Es waren „nur Überlegungen“

„Die Inhalte sind nach der Erinnerung von Herrn Wieler in einigen Teilen nicht korrekt wiedergegeben“, antwortet RKI-Sprecherin Marieke Degen dem Nordkurier. „Insbesondere erfolgten keine abschließenden Feststellungen, sondern nur Überlegungen. Das haben wir dem Bild-Journalisten auch so mitgeteilt.“

Vor allem die hohe Zahl an Patienten mit Migrationshintergrund sei aus dem Zusammenhang gerissen. „Diese Zahlen bezogen sich auf konkrete Berichte von Ärzten dreier Intensivstationen in drei Großstädten in Deutschland. Die Zahlen spiegeln nicht die Situation in ganz Deutschland wider.“

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Dietrich-Bonhoeffer-Klinik: Unter 1 Prozent

Zumindest im Kreis Mecklenburgische Seenplatte trifft diese Einschätzung voll und ganz zu. „Von den zirka 110 bisherigen COVID-19-Patienten, die im Dietrich-Bonhoeffer-Klinikum intensivtherapeutisch behandelt werden mussten, hatten weniger als 1 Prozent einen Migrationshintergrund“, so Kliniksprecherin Anke Brauns zum Nordkurier.

Und wie sieht es in Berlin aus, wo der Anteil der Bürger mit Migrationshintergrund auf 35 Prozent geschätzt wird? Mischa Moriceau, Sprecherin der Vivantes-Gruppe, zum Nordkurier: „Bei Vivantes wird nicht erfasst, ob Patient*innen einen Migrationshintergrund haben.” Auch das RKI betont in seiner Antwort: „Daten, die dem RKI gemäß §11 des Infektionsschutzgesetzes übermittelt werden, enthalten keine Informationen zu einem etwaigen Migrationshintergrund der Fälle.“

Informationen zu COVID-19 für Bürger seien in vielen Sprachen, unter anderem auf den Webseiten der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) und der Integrationsbeauftragten abrufbar.

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