Ostdeutschland

Scharfe Kritik an Rechtsextremismus-Studie

Im Wahlkampf attackieren sich auch Koalitionspartner. Die CDU will sich die Lage in Ostdeutschland nicht schlechtreden lassen – und schon gar nicht von der SPD.
dpa
Iris Gleicke, Beauftragte der Bundesregierung für die neuen Länder, hatte die Studie des "Göttinger Instituts für Demokratieforschung" zu "Ursachen des Rechtsextremismus in Ostdeutschland" vorgestellt.
Iris Gleicke, Beauftragte der Bundesregierung für die neuen Länder, hatte die Studie des „Göttinger Instituts für Demokratieforschung” zu „Ursachen des Rechtsextremismus in Ostdeutschland” vorgestellt. Maurizio Gambarini
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Berlin/Dresden.

In der Union regt sich weiter Unmut über eine Studie zum Rechtsextremismus in Ostdeutschland. Sie war zu dem Ergebnis gelangt, dass Ostdeutsche in besonderer Weise anfällig für Rechtsextremismus sind. Zudem wurden der sächsischen Regierung Versäumnisse im Kampf gegen Rechts vorgeworfen. Kritik gibt es nun auch an der Auftraggeberin der Studie: die Ostbeauftragte der Bundesregierung, Iris Gleicke (SPD). Ihr Haus wies das zurück.

„Die von Frau Gleicke vorgestellte Studie grenzt an einen Skandal. Immer deutlicher wird, dass sie wissenschaftlichen Anforderungen auch nicht im Entferntesten gerecht wird“, sagte Unionsfraktionschef Volker Kauder der „Bild“-Zeitung (Mittwochausgabe) Der Ansatz, sich auf 40 Interviews zu stützen, sei „mehr als zweifelhaft“. Gleicke hätte diese Studie nie veröffentlichen dürfen, sagte Kauder und verlangte eine Stellungnahme der SPD-Politikerin.

Kritik aus Reihen der Union

Ähnlich argumentierte der Dresdner CDU-Politiker Arnold Vaatz, der als Vize-Vorsitzender der CDU/CSU-Bundestagsfraktion für den Aufbau Ost zuständig ist. Er nannte die Studie „abwegig und wissenschaftlich stümperhaft“. Die Wissenschaftler des Göttinger Instituts für Demokratieforschung hätten nur Freital, Heidenau und Erfurt in die Untersuchung einbezogen. Von diesen drei Städten ausgehend habe man dann ein Urteil über ganz Ostdeutschland gefällt.

„Der Nutzen dieser Studie ist gleich null, der Schaden für Ostdeutschland aber enorm“, sagte Vaatz. Der Aufbau Ost sei eine „beispiellose Erfolgsgeschichte für alle Menschen in Deutschland“: „Eine Ostbeauftragte, die durch einseitige Extremismusforschung den Linksextremismus faktisch unter Schutz stellt, hat ihre Aufgabe verfehlt.“ Bereits in der vergangenen Woche war die Studie aus den Reihen der Union getadelt worden.

Gleicke ließ die Anschuldigungen zurückweisen. „Iris Gleicke sieht keine Veranlassung, an Inhalt und Methodik der Studie zu zweifeln“, sagte ein Sprecher der Ostbeauftragten der in Halle erscheinenden „Mitteldeutschen Zeitung“ (Mittwoch). Das von ihr nach einer öffentlichen Ausschreibung betraute Göttinger Institut sei renommiert und genieße einen hervorragenden Ruf. Die Gefahr, die vom Rechtsextremismus in Ostdeutschland ausgehe, sei völlig unbestreitbar und werde nur noch von Ignoranten geleugnet.

Autoren geben Fehler zu

Kritik hatte sich noch an einem anderen Punkt entzündet. Die Zeitung „Die Welt“ hatte am Montag in ihrer Online-Ausgabe davon berichtet, das Göttinger Institut habe für die Studie Experten „erfunden“. Später erfolgte der Hinweis, die Forscher hätten in einigen Fällen andere Namen verwendet, um die Quellen zu anonymisieren.

Im Berliner „Tagesspiegel“ (Mittwoch) gab einer Autoren der Studie handwerkliche Fehler zu. „Es war zweifellos ein Fehler, dass wir im Namensverzeichnis nicht mit Sternchen noch einmal gekennzeichnet haben, welche Interviewpartner anonymisiert wurden“, zitierte die Zeitung den Autoren Danny Michelsen. Dies werde man in einer überarbeiteten und ergänzten Buchpublikation beheben.

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Kommentare (13)

Man darf nicht sagen, dass Menschen aus bestimmten Kulturkreisen oder aus bestimmten Ländern ehr dazu neigen in unserem Land Straftaten zu begehen. Was aber geht, Deutsche zu diffamieren. Und das aus den Reihen der Bundesregierung! Das muss endlich ein Ende haben!

Zunächst finde ich es schade, dass von mehreren Seiten die Studie als rein Wahlkampf-geleitet abgetan wird (u.a. auch, sehr polemisch und populistisch, vom Chefredakteur des Nordkurier). Erhellend ist jedoch, wie sowohl der Gegenwind als auch die geringe Qualität der Gegenargumente die zentralen Befunde der Studie bestätigen. Dort ist u.a. vom Wunsch nach einer möglichst reinen (Ost-)Identität die Rede, also auch dem Ausblenden vieler Probleme. Ja, Rechtsextremismus war vor, vor allem jedoch aber seit der Wende ein massives kriminelles und gesellschaftliches Problem im Osten (und ja, in etwas anderer Form auch im Westen). Die CDU als vielerorts seit der Wende regierende Partei hat in der Tat häufig weggesehen und möchte nun nicht auf das Wegsehen und Versagen angesprochen werden. Sie geht noch einen Schritt weiter und negiert sogar das rechtsextreme Problem ("hier ist alles super!"). Aus meiner Sicht ist das extrem unreif: ja, wir haben seit der Wende viel geschafft, aber vieles ist auch schiefgelaufen. Reif wäre, beides anzuerkennen und nicht wie die drei Affen zu reagieren. Der Vorwurf der Unwissenschaftlichkeit ist lächerlich und beweist höchstens die Unwissenheit (und m.E. auch Bösartigkeit) der Vorwerfenden. Die Methode von Experteninterviews, die mit Hilfe von Kodierungen und Klassifizierungen ausgewertet werden (Stichwort "grounded theory") ist spätestens seit den 1960er Jahren Stand der Wissenschaft in der qualitativen sozialwissenschaftlichen Forschung. Die sich dabei ergebenden Muster von Beobachtungen und Ursachen sind einerseits selbstverständlich zunächst primär auf die untersuchten Städte anwendbar, aber eben auch auf andere, strukturell ähnliche (Stichwort DDR-Sozialisation, Wende-Erfahrungen, Zivilgesellschaft) Kommunen und gesellschaftliche Gruppen anwendbar. Diese Anwendbarkeit ist natürlich nicht zu 100% gegeben, aber mit einer realistischen *statistischen* Wahrscheinlichkeit. Man kann das ganze auch noch mit anderen quantitativen Zahlen komplettieren: u.a. die erhöhte Rate (Straftaten / Einwohnerzahl) von rechtsextremistischen Gewalttaten im Osten. In ganz Deutschland gibt es einen Bodensatz an autoritärem, chauvinistischem und letztlich auch rechtsextremem Gedankengut. Primär im Osten zeigt sich dieses Gedankengut offener und gewalttätiger. Spiegel-Online hat übrigens die zentralen Aussagen der Studie gut zusammengefasst: http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/rechtsextremismus-in-ostdeutschland-studie-untersucht-freital-und-heidenau-a-1147970.html

Sie ist nicht valide, denn das was "gemessen" wurde, kann die veröffentlichten Ergebnisse gar nicht stützen. These: Ostdeutsche sind für Rechtsextremismus anfälliger als Westdeutsche. Methode: Qualitative Interviews mit Rexhtsextremismus-Experten in drei ostdeutschen Städten. Blödsinniger geht es kaum. Von den Aussagen weniger Experten kann nicht auf Einstellungen der ostdeutschen Bevölkerung geschlossen werden. Einstellungen lassen sich nur mit quantitativen Methoden im Quer- und Längsschnitt untersuchen, eventuell ergänzt um qualitative Untersuchungen in ausgewählten Gruppen - die dann aber die Bevölkerung widerspiegeln müssten, in Zusammensetzung und Herkunft. Die quantitativen Untersuchungen müssten zudem repräsentativ für die Gesamtbevölkerung Ostdeutschlands sein. Und wenn ein Vergleich zum Westen gezogen werden soll, braucht man dort die selben Untersuchungen. Das sollte eigentlich jedem einleuchten. Die Untersuchung ist zudem auch nicht reliabel, weil sie bei Wiederholung mit anderen Experten vermutlich zu anderen Einschätzungen käme. Sie ist auch nicht objektiv, weil wie gezeigt andere Wissenwchaftler ein anderes Studiendesign wählen würden - selbst bei einer rein qualitativen Untersuchung ist z.B. mehr als fragwürdig, ob institutionelle Rechtsextremismus-Bekämpfer überhaupt in der Lage sind, eine objektive Lagebeurteilung abzugeben. Oder ob man nicht auch hier einen gesellschaftlichen Querschnitt braucht. Fazit: Diese Studie kann nur eine Aussage treffen, wie die Einstellungen und Eindrücke institutioneller Rechtsextremismus-Experten in drei ostdeutschen Städten aussehen. Jede weiterführende Schlussfolgerung widerspricht wirklich allen Regeln der empirischen Analyse und jedem wissenschaftlichen Standard.

Zunächst herzlichen Dank für Ihren elaborierten Kommentar! Sie legen jedoch irrigerweise die Gütekriterien quantitativer Forschung an qualitative Forschung an, was sowohl quantitative als auch qualitative Methodiker verneinen. Für qualitative Forschung gibt es eigene Gütekriterien, die nach Lesen des Methodenteils, für mich erfüllt scheinen (notabene: ich komme aus der quantitativen Sozialforschung und bin erst seit einigen Jahren auch qualitativ unterwegs). Desweiteren ist das Ziel der Studie kein Vergleich von West und Ost und auch kein Vergleich von personenbasierten Einstellungen. Es ist vielmehr, Zitat Originalstudie, "Ursachen und Hintergründe für Rechtsextremismus, Fremdenfeindlichkeit und fremdenfeindlich motivierte Übergriffe in Ostdeutschland sowie die Ballung in einzelnen ostdeutschen Regionen" und betrachtet die interpersonelle bis kommunalpolitische Ebene, unter Einbettung in einen reichhaltigen theoretischen und empirischen Kontext der aktuellen Forschungslage (siehe Einführungsteil). Individuelle Einstellungen werden u.a. in der Längsschnittstudie "Die enthemmte Mitte. Autoritäre und rechtsextreme Einstellung in Deutschland" (Uni Leipzig) gemessen. Dort zeigt sich ein stabiles Muster von höherer Fremdenfeindlichkeit und stärkerer Befürwortung einer rechtsautoritären Diktatur im Osten. Zu Ihrem Argument der verzerrten Auswahl: laut Studie wurden neben den Interviews mit Experten und Bewohnern auch Fokusgruppen ("Die politischen Präferenzen der Befragten waren sehr vielfältig, entsprachen aber oft den bisherigen lokalen und regionalen Stimmenverteilungen, wobei sich im Hinblick auf künftige Wahlen eine deutliche Verschiebung zugunsten der Alternative für Deutschland (AfD) konstatieren lässt."), teilnehmende Beobachtung (an öffentlichen Veranstaltungen, u.a. Stadtratsitzungen, Fußballspiele, Stadtfesten und auch teilweise rechtsextremen Szenetreffs) sowie Dokumenten- und Materialanalyse durchgeführt. Dieser Methodenmix gleicht die Probleme der einzelnen Methoden aus. Die Autoren kontrastieren im Übrigen auch bewußt zwischen den einzelnen Orten und betonen immer wieder, dass wegen der Auswahl von "extremen" Orten keine Verallgemeinerung auf ganz Ostdeutschland möglich ist. Nichtsdestotrotz können m.E., wie ich schon anderweitig erwähnte, Ursachen und Hintergründe auf strukturell und historisch ähnliche Gruppen und Kommunen durchaus gemappt werden.

der hat aber nichts mit normalem Menschenverstand zu tun, oder liege ich da falsch ? Ihr habt doch einen an der Birne, diese rote Dame luegt und betruegt und phantasiert und das ist wahrscheinlich politischer SPD Standard aber nicht wissenschaftlich. Herr beschuetze mich vorallem roten Uebel.

Es gibt viele Theorien und Methoden in der modernen Wissenschaft, die mit "normalem Menschenverstand" (was immer das bei Ihnen bedeuten mag) unbegreiflich sind, angefangen mit der Relativitätstheorie, Higgs-Boson, und, für einige, auch die Erde als kartoffelförmiger Ellipsoid. Verglichen damit sind Experteninterviews und grounded theory für alle, die die Erde nicht für eine Scheibe halten, vollkommen mit "normalem Menschenverstand" erfassbar. Sie können sich mit Ihrem Stammtisch-Getöse, ihren Beleidigungen und Verleumdungen gern weiterhin lächerlich machen, aber das wird an der Objektivität der Studie nullkommanix ändern. Studienziel war nicht, allen Bewohnern der 5 neuen Bundesländer eine reinzuwürgen und sie pauschal als rechtsextrem zu verunglimpfen. Ziel war es, die komplexen Rechtsextremismus-Ursachen und deren Wechselwirkungen im Osten zu erforschen sowie Gegenmaßnahmen in Politik und Zivilgesellschaft aufzuzeigen. Darum geht es nämlich: Rechtsextremismus ist eine Bedrohung für unser aller Zusammenleben und unsere freiheitlichen Werte und muß, mit den Mitteln der wehrhaften Demokratie, bekämpft werden.

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Und wenn sie löschen dann nennen sie doch bitte auch den Namen des Verantwortlichen und nicht nur "Die Redaktion" oder haben sie kein Rückgrat?

es geistern halt immer noch die Gespenster der SED Kreisleitung durch manche Redaktionsstuben der "Freien Erde" ! Da werden journalistisch sauber ermittelte Fakten ganz einfach mit zweifelhaften Begruendungen zensiert! Kannste nichts machen, ich fuer mein Teil mache mir meistens Screenshots um die URL zu behalten...ansonsten, anoymus ist super u. echter Investigativer Journalismus kein Regierungsorgan !

... ob Sie die Dinge, die Sie hier zuweilen posten, tatsächlich so meinen, oder ob Sie alle nur verkackeiern wollen.

Ich fürchte, dass die erste Vermutung zutrifft.

was wir früher im Staatsbürgerkunde Unterricht, in dialektischem Materialismus und im Polit bei der Armee gelehrt bekommen haben, wir haben darüber gelacht, aber wir haben es verstanden, es hat uns ja nicht betroffen D war geteilt - heute sind diese Warnungen von damals politische Realität - Forschungen zu zunehmendem Rechtsextermismus in Europa, der BRD und DDR gab es schon Mitte der 80er Jahre 85/86/87 dies waren aussagekräftig und er war nicht zu leugnen - den heutigen Osten D im D des 21Jh. mit so einer ;;Studie;; zu überziehen ist ein politische und gesellschaftliche Schande und zeigt wie gespalten unser Land und wie schlecht die gemachte Politik ist - haus gemachtes Problem