INTERVIEW

Simone Lange auf dem Weg an die Spitze der SPD

Vor zwei Monaten war sie noch völlig unbekannt. Jetzt will Flensburgs Oberbürgermeisterin Simone Lange die Führung der SPD übernehmen. Was ihre Kindheit in der DDR damit zu tun hat, verrät sie im Gespräch mit Carsten Korfmacher.
Carsten Korfmacher Carsten Korfmacher
Flensburgs Oberbürgermeisterin Simone Lange kandidiert für den SPD-Vorsitz.
Flensburgs Oberbürgermeisterin Simone Lange kandidiert für den SPD-Vorsitz. Soeren Stache
Neubrandenburg.

Sie haben im Februar bekannt gegeben, für den Vorsitz der SPD kandidieren zu wollen. War das eine plötzliche Entscheidung, oder hat es länger in Ihnen gebrodelt?

Das war nicht langfristig geplant. Aber es war schon so, dass die Unzufriedenheit mit der Parteiführung über Wochen gewachsen ist. Ich empfand es als einen unmöglichen Zustand, dass wir unsere eigene Satzung nicht mehr beachteten. Das Einsetzen von Andrea Nahles als Parteichefin wäre schlicht nicht satzungskonform gewesen. Alle haben das kritisiert, auch die Juristen in der SPD, aber niemand hat was gemacht. An dem Punkt habe ich entschieden: „Dann mache ich das halt“.

Wie waren die Reaktionen auf Ihre Kandidatur?

Ich habe zu Anfang nicht einkalkuliert, dass es eine solch wahnsinniges Echo und eine so große Zustimmung bundesweit geben könnte. Über 70 Ortsvereine stehen mittlerweile hinter mir, die fassen Beschlüsse, mich zu unterstützen. Das zeigt, wie groß das Bedürfnis in der Partei ist, ihren Vorsitzenden selbst zu wählen. Bisher wurde das ja immer von oben herab entschieden. Und letztendlich ist die Frage des Vorsitzes auch eine Identitätsfrage: Die Basis will sich mit dem oder der Bundesvorsitzenden identifizieren.

Glauben Sie, dass Sie eine Chance gegen die Bundestags-Fraktionschefin Andrea Nahles haben?

Ja, davon bin ich überzeugt. Ich weiß, dass ich eine Chance habe und diese Chance ergreife ich gerade. Meine Touren quer durch Deutschland geben mir Rückenwind und Bestätigung. Ich habe Spaß an der Sache und will zeigen, dass Sozialdemokratie wieder Spaß machen und gewinnen kann.

 

Sie haben ein dezidiert linkes Profil, kritisieren die Agenda-Politik und wirtschaftsliberale Strömungen in der Partei – so wie früher Andrea Nahles. Sind Sie heute also die bessere Nahles?

Ich bin deutlich anders. Ich habe eine andere Biografie, einen anderen Werdegang. Ich bin ein ganz anderer Typ. Wer besser oder schlechter ist, das müssen die Genossen entscheiden. Außerdem ist es so, dass die SPD zwei Köpfe an der Spitze braucht. Der eine führt die Fraktion und ist somit auch Teil der Bundesregierung. Der andere führt die Partei und ist somit für den Erneuerungsprozess der SPD verantwortlich. Ich denke sogar, dass hier die Interessen kollidieren, deshalb kann das nicht eine Person alleine machen.

 

Haben Sie das Gefühl, dass Ihre Kandidatur in der Parteiführung unerwünscht ist?

Ich will niemandem etwas unterstellen. Doch ich würde bestimmte Dinge anders machen. Zum Beispiel sollte es ein transparentes Verfahren geben, in dem der Bundesvorstand die Kandidaten für den Parteivorsitz unterstützt, sie einlädt, sie vorstellt, sie durch den Prozess führt. All das ist nicht passiert. Auf die Frage, ob ich mich auf der Website der SPD vorstellen darf, habe ich noch nicht einmal eine Antwort bekommen. Es dauert alles sehr lange und manche Dinge passieren einfach gar nicht – aber ich weiß nicht, warum das so ist.

 

Sie sind in Thüringen groß geworden und haben die letzten Jahre der DDR erlebt. Welche Erfahrungen aus dieser Zeit haben Sie am meisten geprägt?

Ich war 13 Jahre alt, als die Mauer fiel. Da gab es einen Schlüsselmoment, nämlich als mir klar wurde, dass ich in einem ganz anderen Land groß geworden bin, als man uns immer weismachen wollte. Das treibt mich bis heute an, deswegen stehe ich auch für die freiheitliche Demokratie ein und kämpfe dafür. Immer wieder habe ich mich gefragt: Wie kann es sein, dass man in einer Diktatur aufwächst, ohne es zu merken? Das prägt. Und das hat nicht nur mich geprägt, sondern all die Biografien der Menschen, die in Ostdeutschland aufgewachsen sind.

Brauchen die Menschen im Osten eine andere Politik als die Menschen im Westen?

Diese Frage ließe sich ausweiten: Warum ist die AfD im Osten so stark? Warum ist die Parteienlandschaft eine völlig andere? Die Antwort steckt in den Biografien der Menschen, die in Ostdeutschland leben. Wir müssen noch viel besser verstehen, was das Leben in zwei Diktaturen so kurz hintereinander mit uns gemacht hat.

Nach der Wende habe ich oft den Satz gehört „Die Ossis sollen doch endlich zufrieden sein“. Ein ähnlicher Satz wurde auch im Zuge der Flüchtlingskrise im Jahr 2015 immer wieder laut. Doch dieses Mal wurde er über Geflüchtete geäußert. Und das ist der zweite wichtige Punkt: Zufriedenheit. Ich glaube, dass Zufriedenheit nur durch eine Angleichung der Lebensverhältnisse möglich ist, und zwar nicht nur zwischen Ost und West, sondern auch zwischen verschiedenen Bevölkerungsgruppen.

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