Die Deutsche Bahn hat sich von einer kundenfreundlichen und übersichtlichen Preispolitik verabschiedet.
Die Deutsche Bahn hat sich von einer kundenfreundlichen und übersichtlichen Preispolitik verabschiedet. Oliver Berg
Mobilität

So trickst die Deutsche Bahn ihre Kunden aus

Der Fahrgastverband Pro Bahn bescheinigt dem Ticketportal desr Bahn Trickserei. Die Preispolitik sei weder übersichtlich noch kundenfreundlich. Das ist nicht der einzige Vorwurf.
Berlin

Am Anfang steht das Lob: Der Fahrgastverband ProBahn bescheinigt der Deutschen Bahn (DB), ihren Kunden eine sehr populäre Fahrplanauskunft im Internet oder per App zu bieten. Das sei eine bundesweit bekannte Möglichkeit zum Planen von Reisen mit öffentlichen Verkehrsmitteln, auch über die DB hinaus, heißt es vom Verbraucherverband, der sonst mit seiner Kritik nicht lange hinter dem Berg hält.

Wichtige Funktionen sind entfallen

Und die folgt dann auch prompt. Anlass der Rüge ist die kürzlich erfolgte Modernisierung der eben noch gelobten elektronischen DB-Auskunftsplattform, über die auch der Fahrkartenverkauf abgewickelt wird. Dabei seien wichtige Funktionen entfallen, kritisiert Jörg Bruchertseifer, Fahrplanexperte von ProBahn. „Eine hochwertige Reiseplanung erfordert kompakte Übersichten und Karten für die Wege, zum Beispiel beim Umsteigen“ erläutert er. Dieses Angebot werde nicht mehr gemacht. „Dieser Rückschritt ist für uns aus Fahrgastsicht ausgesprochen unverständlich“. Die Deutsche Bahn antwortete bisher nicht auf eine Nordkurier-Anfrage zu den Vorwürfen.

Völlig unverständlich ist laut ProBahn zudem die erneuerte Angabe der Preise für eine gesuchte Strecke. Die Darstellung der Preise folge nun einer Logik, die vielen Reisenden nicht entgegenkomme, so der Kommentar.

Ein Beispiel: Wer mit der Bahncard 50 für die 2. Klasse von Waren/Müritz nach München fahren will, erhält als ersten Preis für einen Frühzug am heutigen Donnerstag einen Betrag von 147,90 Euro angezeigt – erst beim Umblättern wird aber klar, dass es auch günstiger ginge. Zum Vergleich: Ein Fahrgast ohne Rabattkarte könnte auf Anhieb schon für 109,90 Euro einsteigen. ProBahn hegt einen Verdacht: Möglicherweise solle versucht werden, erst die teuren Tickets zu verkaufen.

Auch das Kartellamt hat ein waches Auge auf die Bahn

Immer ausgefeilter spielt die DB auf der Klaviatur verschiedener Preismodelle: Supersparpreis, Sparpreis, Flexpreis, Flexpreis Plus – in der Summe am Ende abhängig vom Wochentag, an dem die Reise starten soll.

ProBahn beobachtet das Treiben schon seit längerem und vermutet, dass die Deutsche Bahn auf diesem Weg verdeckt und trickreich die Preise erhöht. Anlass war im vergangenen Jahr die Einführung unterschiedlicher Normalpreise – mit Schwankungen von 31 Prozent je nach Wochentag. Wobei die höchsten Preise freitags und sonntags kassiert würden, also an den Tagen mit den meisten Fahrgästen. Die DB hielt dagegen und verwies darauf, dass die Preisgestaltung im Internet nachvollziehbar sei.

Jetzt hat ProBahn noch einmal nachgelegt und eine „umfassende, vom Erlösstreben eines Konzerns unabhängige Fahrplanauskunft für den gesamten öffentlichen Verkehr“ gefordert. Dabei kann der Fahrgastverband auf Rückendeckung durch das Bundeskartellamt setzen.

Die Wettbewerbshüter hatten erst im April die Deutsche Bahn abgemahnt und dem Unternehmen nach einer mehrmonatigen Untersuchung den Missbrauch von Marktmacht und eine „mögliche Diskriminierung“ vorgeworfen. Dabei war es unter anderem darum gegangen, dass die DB durch entsprechende Vertragsklauseln verhindere, dass auch unabhängige Ticketportale DB-Fahrkarten zu Sparpreisen verkaufen.

Deutsche Bahn setzt App als Machtinstrument ein

Die Abmahnung durch das Kartellamt, zu der die Deutsche Bahn noch Stellung beziehen kann, zeichnet das Bild eines Staatskonzerns, der mithilfe seines Internetportals bahn.de und der App seine Macht einzusetzen weiß, um sich Wettbewerbsvorteile zu verschaffen. Dazu zähle auch, dass anderen Mobilitätsdienstleistern der Zugang zu Echtzeit-Informationen über Zugverspätungen und -ausfällen durch die DB verweigert werde. Diese Daten seien jedoch für das Geschäftsmodell von Wettbewerbern unverzichtbar.

 

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