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So waren die „Baseballschlägerjahre” im Nordosten

30 Jahre Einheit: Viel war da in diesem Jubiläumsjahr von Freiheit die Rede, vom Aufbruch und Zusammenhalt damals. Eine Kurzfilm-Reihe beleuchtet jetzt einen brutalen anderen Aspekt.
Springerstiefel gehörten zu den Erkennungszeichen der Skinheads, die in den neunziger Jahren in Ostdeutschland für U
Springerstiefel gehörten zu den Erkennungszeichen der Skinheads, die in den neunziger Jahren in Ostdeutschland für Unruhe sorgten. Bernd Thissen
Neubrandenburg ·

Nach der Wende begann in Ostdeutschland nicht nur eine neue Freiheit, sondern auch eine Zeit der Rechtlosigkeit, die Platz für bis dahin für unvorstellbar gehaltene Gewaltausbrüche ließ. „Das ständige Gefühl, dass man aufpassen muss.“ So beschreibt eine Betroffene diese Periode unter dem Stichwort „Baseballschlägerjahre“ auf Twitter.

Neonazis griffen gern zum Baseballschläger

Aufpassen vor Neonazis, die den Wegfall alter Autoritäten und die fehlenden Strukturen nach dem Mauerfall nutzten, um selbst die Macht zu ergreifen und Jagd auf Andersdenkende, auf Menschen mit dunkler Hautfarbe oder auch einfach nur auf Jungs mit einem Skateboard unter dem Arm machten. Und das gerne auch mit Baseballschlägern, unter den Nazi-Skins nach der Wende besonders beliebt. In der DDR gab es dieses westliche Produkt ja noch nicht. Moderne, brutale Zeit.

Mehr lesen: Nordkurier-Chefredakteur Jürgen Mladek erinnert sich an die Baseballschlägerjahre

„Baseballschlägerjahre“, so titelte der ZEIT-Journalist Christian Bangel vergangenes Jahr seine persönlichen Erinnerungen an diese Zeit. Es war ein Bericht von ständiger Gewalterfahrung, von der dauernden Furcht, zur falschen Zeit am falschen Ort auf Neonazis zu treffen.

Hunderte berichteten von ihren Erfahrungen

Im Internet trafen diese Geschichten einen Nerv – Hunderte berichteten unter dem Schlagwort „Baseballschlägerjahre“ von ähnlichen Erfahrungen. Auch im Nordosten gab es sie, diese brutalen und bis heute meistens eher beiläufig betrachteten Gewalttaten, die oft von Jugendlichen ausgingen. Noch waren diese jungen Rechtsradikalen nicht in Parteistrukturen organisiert. Die Verrohung kannte kein Maß. Das sogenannte „Bordsteinkantenbeißen“ wurde in den 90ern ohne Skrupel praktiziert.

Bundesweit Schlagzeilen machten indes erst die Vorgänge rund um Rostock-Lichtenhagen und Todesopfer auch aus unserer Region, die wir am Ende dieses Artikels im Gedächtnis halten. Neben solchen Exzessen gab es in Mecklenburg-Vorpommern und der Uckermark auch noch zahllose weitere rechtsextremistische Übergriffe.

Sechs Episoden laufen im RBB

Im März 1999 zum Beispiel hat ein 19-Jähriger in Schwedt einen libanesischen Flüchtling niedergestochen und schwer verletzt. Das Opfer war zuvor einfach nur an seiner Wohnung vorbeigelaufen. Vier Monate später prügelten fünf Rechtsextremisten auf einem Volksfest in Eggesin zwei Vietnamesen fast zu Tode. Im März 2000 gab es einen Brandanschlag auf eine Flüchtlingsunterkunft in Pasewalk, im Juli wurden zwei Iraker und ein Türke bei einem Volksfest in Malchow von 40 Besuchern verprügelt, im September in Prenzlau ein elfjähriges Mädchen aus Afghanistan von zwei rechtsradikalen Jugendlichen geschlagen und gewürgt.

Der RBB und ZEIT online haben das Thema filmisch aufbereitet. Unter dem Titel „Baseballschlägerjahre“ sind sechs Episoden ab sofort in der ARD-Mediathek und am Mittwoch um 23.05 Uhr im RBB zu sehen.

Im Gedenken: Einige der Todesopfer rechtsextremistischer Gewalt im Nordosten

Dragomir Christinel - Der Rumäne Dragomir Christinel wird am 15. März 1992 in einem Asylbewerberheim bei einem Angriff einer Gruppe deutscher Jugendlicher in Saal bei Rostock zu Tode geprügelt. Der 18-Jährige stirbt an Hirnblutungen. Der Überfall ist ein Racheakt für einen Streit zwischen Deutschen und Rumänen am Vorabend. Im Juni wird ein 18-Jähriger Angreifer zu einer Jugendstrafe von zweieinhalb Jahren verurteilt.

Mohammed Belhadj - In der Nacht zum 22. April 2001 wird nahe Jarmen der 31-jährige Asylbewerber Mohammed Belhadj erschlagen. Vier Männer aus Greifswald zwischen 18 und 22 Jahren treten und schlagen an einem Kiessee bei Zarrenthin auf ihn ein. Der Algerier ertrinkt nach einem Steinwurf ins Gesicht. Als einer der Schläger auf dem Nachhauseweg fürchtet, Belhadj sei tot, sagt ein Kumpan: „Es war doch nur ein Scheiß Ausländer.“

Eckard Rütz - Eckard Rütz wird am 25.11.2000 in Greifswald von drei Neonazis brutal ermordet. Sie treten und prügeln auf den Obdachlosen mit Baumstützpfählen ein. Er wird kurz darauf blutüberströmt mit schweren Kopfverletzungen gefunden – tot. Die Täter sagen zu ihrem Motiv: „So einer wie Rütz liegt dem deutschen Steuerzahler auf der Tasche.“ Einer der 16-jährigen Täter ist bis kurz vor dem Verbrechen NPD-Mitglied.

Marinus Schöberl - Am 12. Juli 2002 wird der 16-jährige Marinus Schöberl aus Gerswalde von drei Jugendlichen mit rechtsextremem Hintergrund in einer ehemaligen Schweinemastanlage in Potzlow ermordet. Die Täter behaupten, er sehe aus „wie ein Jude“, urinieren auf ihn und schlagen ihn. Nach dem „Bordsteinkantenbeißen“ und dem Sprung auf seinen Kopf werfen sie ihn in eine Jauchegrube. Ob er zu diesem Zeitpunkt noch lebt, ist unbekannt.

Horst Gens - Vier junge Männer entführen am 22. April 1997 in Sassnitz auf der Insel Rügen den Arbeitslosen Horst Gens. Sie schlagen den 50-Jährigen, werfen ihn anschließend in einen Straßengraben. Dann kommen sie nochmals vorbei und erschlagen Gens mit einem 30 Kilogramm schweren Stein. Der Staatsanwaltschaft Stralsund sagen die 18 bis 29 Jahre alten Männer zu ihrer Tat, sie wollten „Assis klatschen“. Das Landgericht Stralsund verurteilt die Täter wegen Mordes zu Jugendstrafen zwischen sechs und zehn Jahren.

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Kommentare (2)

- abkotzen im Strahl

aus dem das kroch (B. Brecht). Siehe Wahlergebnisse der AfD!