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Steinbrück attackiert - Merkel doziert

Was zählt mehr beim TV-Duell: Argumente oder Darstellung?
Was zählt mehr beim TV-Duell: Argumente oder Darstellung?
Kay Nietfeld

Wer hat das Rennen beim TV-Duell gemacht? Die Kanzlerin oder ihr Herausforder? Der SPD-Mann wirkt auf jeden Fall deutlich spritziger. Allerdings zeigt auch er seine Schwächen.

Nachdem sie zuletzt den Namen ihres Herausforderers bewusst gemieden hat, kommt Angela Merkel an diesem Abend nicht drumherum. Zumal ihr die Moderatoren gleich mit der ersten Frage die Steilvorlage dafür liefern. Habe sie Mitleid mit Peer Steinbrück angesichts der erdrückenden Umfragewerte zu ihren Gunsten. Sie glaube nicht, dass Herr Steinbrück Mitleid nötig habe, meinte die Kanzlerin.

Das bestätigt der Herausforderer dann auch während der gesamten TV-Debatte. Klare-Kante-Peer beweist der Öffentlichkeit wieder einmal, dass er eben ein begnadeter Rhetoriker ist. Der natürlich auch die richtigen Fragen stellen kann. Beispielsweise zur Pkw-Maut. Als die Kanzlerin auf die Frage von Stefan Raab, wie sie zur Pkw-Maut-Idee von Horst Seehofer stehe, ausweicht, hakt Steinbrück sofort nach. Die Aussagen zur Pkw-Maut seien „entweder von erstaunlicher Unkenntnis geprägt“ oder aber es findet „ein gewisser Irrsinn“ statt. Er würde gerne wissen, wie sie konkret zur Maut stehe. Ungewohnt klar antwortet Merkel: „Mit mir wird es keine Pkw-Maut geben.“ Was immerhin zumindest eine klare Ansage ist, die später durch den Wähler eingefordert werden könnte. Da kann sich auch Steinbrück freuen, der seinen kleinen Etappensieg feiert: „Ich stimme ihnen ausdrücklich zu und sende freundliche Grüße nach München.“

Oft sind sie sich ziemlich einig

Inhaltlich sind die Kandidatin und ihr Herausforderer in vielen Themen allerdings nicht weit auseinander: Griechenland, Euro-Politik, Bundeswehreinsatz in Syrien – immer wieder stimmen sich beide bei den grundsätzlichen Themen zu. „Wir sind uns zu oft einig“, twittert ein User im ARD-Chat. Aber im Stil können beide kaum unterschiedlicher sein. „Stimmt doch nicht!“ – bellt Steinbrück zurück, als ihm vorgehalten wurde, dass es nur eine leere Drohung gegenüber der Schweiz gewesen sei, als er ankündigte, die Kavallerie zu satteln. Merkels Ex-Finanzminister ist in seinem Element und rasselt danach Stichpunkt um Stichpunkt herunter. Gleich danach folgt ein weiterer gelungener Konter Richtung Peter Kloeppel: „Das müssen Sie mir jetzt mit Wikipedia nachweisen.“

Die Kanzlerin dagegen erklärt, schweift aus, gerät ins Dozieren. Da lässt sich eine Kanzlerin natürlich auch von einem Journalisten nicht unterbrechen. Die Konsequenz: Gut eine halbe Stunde nach Beginn des Rededuells hat sie fünf Minuten länger gesprochen als ihr Herausforderer, so dass er drei Fragen am Stück beantworten kann. Ab und an scheint er versucht, Attacke zu reiten. Dabei hat ihn seine Frau Gertrud doch davor gewarnt, scharfe Attitüden kämen nicht gut an beim Wähler. Plötzlich kommt aber sogar Steinbrück ins Stocken. Ausgerechnet bei einer Frage, die er hätte erwarten müssen. „Verdienen Politiker genug Geld?“ Eine Anspielung auf seine Interview-Aussage, dass der deutsche Kanzler zu wenig verdiene. Eine der vielen Rückschläge in der frühen Wahlkampfphase. Dazu werde er nie wieder etwas sagen, so Steinbrück. Merkel hat leichtes Spiel: „Ja, Politiker verdienen genug.“

Raab mag Steinbrück

Gleich anschließend liefert ausgerechnet Manuela Schwesig, Mitglied in seinem Kompetenzteam, dem Moderatorenteam eine Vorlage, die für den einzigen schweren Tiefschlag des Abends gegen Steinbrück sorgt. Sie habe erst vor kurzem dafür geworben, dass die SPD wieder die Rente ab 65 Jahren einführe, wird ihm vorgehalten.  Wie könne er dann die Rente mit 67 verteidigen. „Sprechen sie denn nicht miteinander“, fragt Raab provozierend.

Fast zum Schluss kommt Leben ins Studio, als Raab seine Sympathien für Steinbrück bekennt. Warum werde er nicht Vize-Kanzler in einer großen Koalition – das wollten doch die meisten Wähler. Doch der Herausforderer lässt sich nicht aus der Reserve locken: „Ich will Sekt oder Selters.“