ERSTER PROZESSTAG

Synagogen-Attentäter von Halle redet vor Gericht

Stephan Balliet wollte Juden in der Synagoge von Halle töten – am Ende starben zwei Passanten. Am ersten Prozesstag hat er mit selbstbewusstem Ton seine „Mission” erklärt.
Der angeklagte Stephan Balliet (M) sitzt zu Prozessbeginn neben seinen Verteidigern Hans-Dieter Weber (l) und Thomas Rutkowski
Der angeklagte Stephan Balliet (M) sitzt zu Prozessbeginn neben seinen Verteidigern Hans-Dieter Weber (l) und Thomas Rutkowski im Landgericht. Ronny Hartmann
Halle.

Knapp zwei Stunden nach dem geplanten Prozessbeginn trat Stephan Balliet in den Sitzungssaal mit rund 150 Prozessbeteiligten, Angehörigen seiner Opfer und Zuschauern. Anfangs zeigte  sich der Attentäter von Halle, dem seit diesem Tag der Prozess gemacht wird, gegenüber der vorsitzenden Richterin Ursula Mertens wenig redselig über seine Kindheit, die Beziehung zu seinen Eltern und sein soziales Umfeld.

Mit spöttischem Tonfall erzählt er von seiner „Mission”

Als er allerdings Gelegenheit bekam, sich zu den Anklagevorwürfen zu äußern, wurde der heute 28-Jährige immer gesprächiger. Während ihm die Bundesanwaltschaft insgesamt 13 Straftaten vorwirft – die meisten wie etwa den Anschlag auf die Synagoge soll er heimtückisch verübt haben – erzählte er lieber mit selbstbewusstem Tonfall und mit zum Teil spöttischem Lachen über seine ureigenste „Mission”, die Welt von Menschen jüdischen Glabens zu befreien.

In ihnen sieht der merklich verbohrte Angeklagte ein Übel, gegen das er kämpfen müsse. Sprach er von Juden, sprach Stephan Balliet gleichwohl von „Feinden”, wie er sie nannte. Ausgelöst wurde dieses Denken nach seinen Worten mit der Flüchtlingskrise 2015. Damals habe er angefangen, sich „aus Gründen des Selbstschutzes” selbst zu bewaffnen.

Vor seinen Eltern hielt Stephan Balliet angeblich alles geheim

Vor seinen Eltern – ein Rundfunktechniker und eine Grundschullehrerin – hielt er alles geheim. Ob das tatsächlich stimmt, ist unklar. Denn die Eltern pochen auf ihr Aussageverweigerungsrecht und wollen der Verhandlung auf eigenem Wunsch auch nicht beiwohnen.

Den Anschlag in der Synagoge leugnete er in seinem Redebeitrag nicht. Die habe er in den Sommermonaten sogar besichtigt, um die Örtlichkeit genauer kennenzulernen. Mit einem Schwert, Maschinenpistolen, einer Schritflinte, Messern, Sprenggranaten und einem Schwert habe er sich schließlich an jenem 9. Oktober 2019 nach Halle begeben. Mehrere Minuten versuchte er vergeblich mittels Waffengewalt, in die Synagoge zu gelangen. Sein Frustrations- und Stresslevel stieg.

Er wollte Nachahmer für seine Taten gewinnen

Über eine Helmkamera übertrug das Geschehen live ins Internet. Das setzte ihn noch mehr unter Druck: einerseits wollte er nach eigenen Aussagen durch die Übertragung Nachahmer gewinnen. Andererseits fühlte er sich durch das Missgelingen zunehmend der Lächerlichkeit der Internetnutzerschaft ausgesetzt. Die Frage, weshalb er bei seinen genauen Planungen nicht an eine Leiter gedacht habe, beantwortete er unkonventionell mit: „Dann hätte ich mir ja einen Knöchel brechen können”, so Stephan Balliet vor 21 Nebenklägervertretern und den Überlebenden aus der Synagoge.

Eine der Nebenklägerinnen warnte davor, Balliet durch die Berichterstattung eine Plattform für seine Ideologie zu bieten. „Ich bitte Sie alle inständig, berichten Sie nicht nur über den Täter. Berichten Sie nicht nur über seine Perspektive. Geben Sie ihm nicht die Plattform, die er haben will“, sagte Christina Feist in Richtung der Vorsitzenden Richterin, den Prozessbeteiligten und auch Medienvertretern. Sie habe die Befragung von Stephan Balliet als lang und intensiv empfunden.

Am Ende siegte beim Attentäter die Wut über sich selbst

Irgendwann, noch an der Synagoge, übermannte Stephan Balliet schließlich die Wut auf sich selbst. Und zwar so sehr, dass er auf eine Passantin schoß, die kurz nach den Schüssen entlang der Synagoge an ihm vorbeilief. Weil sie ihn ansprach, schoss er auf sie. „Sie lag vor meiner Autotür”, erinnerte sich der gebürtige Eisleber zurück. Um ganz sicherzugehen, dass sein erstes Opfer Jana L. ihn nicht weiter an seinem brutalen Plan hindern konnte, schoss er noch drei weitere Male auf sie.

Was bereits nach der zweieinhalbstündigen Anhörung des Angeklagten feststeht: es hätte noch viel mehr Opfer geben können – wenn seine Maschinenpistolen nicht so oft wegen Ladehemmung ausgesetzt hätten.

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