ANALYSE

Über das blinde Privileg, westdeutsch zu sein

Erneut müssen sich Ostdeutsche für ihre angebliche Demokratie-Unfähigkeit rechtfertigen. Die Debatte, angestoßen durch eine neue Studie, zeigt nach Ansicht unseres Autors aber nur eines: Westdeutsche sind sich ihrer Privilegien nicht einmal bewusst.
Carsten Korfmacher Carsten Korfmacher
Spielt die Herkunft aus Ost oder West heute noch eine Rolle? Blickt man auf politische Einstellungen, dann anscheinend schon.
Spielt die Herkunft aus Ost oder West heute noch eine Rolle? Blickt man auf politische Einstellungen, dann anscheinend schon. Rainer Jensen
Neubrandenburg.

Nur vier von zehn Ostdeutschen – 42 Prozent – halten die deutsche Demokratie für die beste Staatsform. Damit sind sie deutlich skeptischer als Westdeutsche, von denen mehr als drei Viertel – 77 Prozent – dieser Meinung sind. Dies geht aus einer neuen Studie des Allensbacher Instituts für Demoskopie hervor. Die Veröffentlichung der Studienergebnisse führte zu einer schrillen öffentlichen Debatte, in deren Kurs wieder einmal die ostdeutsche Demokratie-Fähigkeit in Zweifel gezogen wurde. Ostdeutsche seien „unzufrieden mit unserer Staatsform”, titelten mehrere große Zeitungen, die Tageszeitung „Welt” urteilte sogar, der Osten sei „unwillig, den Pluralismus zu ertragen”.

Die Debatte zeigt beispielhaft, wie wenig Verständnis in der – westdeutsch dominierten – Öffentlichkeit für die ostdeutsche Lebensrealität herrscht. Kein Wunder: Drei Viertel aller Westdeutschen glauben, dass der Unterschied zwischen Ost und West keine Rolle mehr spielt. Diese Blindheit aber kann man nur an den Tag legen, wenn man selbst von der Ungleichheit zwischen Ost und West profitiert.

Diese Konstellation – bestehend aus einer faktischen Ungleichheit und einer gleichzeitigen Blindheit gegenüber dieser Ungleichheit – könnte man „das westdeutsche Privileg” nennen. Dem liegt keine Boshaftigkeit zugrunde: Ein Fisch ist blind gegenüber dem Wasser, das seinen Lebensraum bildet. Und so wie Männer, Heterosexuelle oder Deutsche blind gegenüber ihren Privilegien im Vergleich zu Frauen, Homosexuellen oder Nicht-Deutschen sind, sind Westdeutsche blind gegenüber ihren Privilegien, die sie im Vergleich mit Ostdeutschen haben.

Ostdeutsche wurden von ihrer Heimat verlassen

Das westdeutsche Privileg hat eine wirtschaftliche Dimension. In Westdeutschland sind auch 30 Jahre nach der Wiedervereinigung Renten, Löhne und Erbmasse höher, die Arbeitslosigkeit niedriger. Das Nettovermögen eines westdeutschen Haushalts ist durchschnittlich mehr als doppelt so hoch wie das eines ostdeutschen Haushalts. Hinzu kommen vielfältige Mangelerfahrungen vor allem im ländlichen Raum, vom Ärztemangel über schließende Schulen bis zur fehlenden Netzabdeckung, die vielen Ostdeutschen das Gefühl geben, weniger wert zu sein.

Doch das westdeutsche Privileg geht weiter und es geht tiefer. Es drückt sich aus durch die Abwesenheit einer Vielzahl von negativen Erfahrungen, die Westdeutsche schlicht nicht machen müssen. Ostdeutsche sind von ihrer Heimat verlassen worden. Die Rituale, die Strukturen, die Orte, an denen Erinnerungen und kindliche Sehnsüchte weiterleben können – all dies ist weg, einverleibt von einer Bundesrepublik, deren Gesellschaft die ehemaligen DDR-Bürger nicht selten als Fremde wahrnahm. Hinzu kommen die vielfältigen Abwertungserfahrungen, die Ostdeutsche nach der Wende erfuhren: die Massenarbeitslosigkeit im Ostdeutschland der 1990er, die Entwertung der eigenen Lebens- und Arbeitsbiografie, die bis heute andauernden Vorurteile.

Die ostdeutsche Identität ist an sich problembehaftet

Hier geht es auch um die Tatsache, dass die ostdeutsche Geschichte fast unausweichlich Menschen hervorbrachte, die ein natürliches Unbehagen gegenüber allem Herrschenden empfinden. Und es geht um die komplizierte Aufarbeitung der eigenen Lebensgeschichte, die in einem System stattfand, das Unrechtsort und Heimat zugleich war. Letztendlich aber hat die westdeutsche Interpretation der Geschichte gesiegt. Und wer diese nicht weitererzählt, gilt schnell als „Jammer-Ossi” oder als Ewiggestriger. Auch deshalb fordern Ostdeutsche nicht offensiver Respekt für ihre Geschichte und ihre Lebensleistung ein.

Mit nichts von alledem müssen sich Westdeutsche herumplagen. Sie sehen sie nicht, fühlen sie nicht, sind blind gegenüber der tiefen Schwierigkeit, die in der ostdeutschen Identität eben auch liegt. Diese Schwierigkeit drückt sich häufig erst in der Einschätzung der eigenen politischen Position aus. Und dann ist sie weniger Ausdruck einer fundamentalen Systemkritik oder einer feindlichen Haltung gegenüber der freiheitlich-demokratischen Grundordnung. Vielmehr ist sie eine zutiefst menschliche Reaktion auf gewisse Lebenserfahrungen. Eine ernsthafte Debatte über Demokratie im wiedervereinigten Deutschland muss genau an diesem Punkt ansetzen.

Der Autor wurde vor der Wiedervereinigung in Düsseldorf geboren und lebt seit rund fünf Jahren in Mecklenburg-Vorpommern.

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Kommentare (2)

der NORDKURIER nur ein regionales, landesweites Verbreitungsgebiet hat. Nach Lektüre dieses Artikels komme ich zu dem Ergebnis, daß die in ihm enthaltenen analytischen Gedanken und Schlußfolgerungen richtiger und tiefgreifender sind als manche vom Bund in Auftrag gegebene Studie, die ja eben, weil sie ein Auftragswerk ist, nichts Besseres als Oberflächlichkeit zu bieten haben darf. Herr Korfmacher hat den Vorzug, die Sicht aus zwei Standorten darzulegen und trotzdem nur einen Standpunkt zu beziehen. Dieser Artikel hat es verdient, mindestens überregional, wenn nicht sogar bundesweit, zur Kenntnis genommen zu werden, am besten auch in den Wohlstandsregionen Baden-Württemberg und Bayern. In großen Teilen der westdeutschen Bundesbevölkerung herrscht noch heute eine Ansicht über Ostdeutschland wie zur Zeit nach 1990, als sie glaubte, uns den aufrechten Gang beibringen und vorzuschreiben, die sogenannte soziale Marktwirtschaft als Segen ansehen zu müssen. Immermehr hat sich stellenweise schon die Erkenntnis durchgesetzt, daß bei uns auch Fachleute gewirkt haben, die mehr gelernt hatten als Zwei mal Zwei = Vier. Wir kennen zwei Systeme, sowohl politisch als auch wirtschaftlich und in sozialer Hinsicht. Es wird dem Westen nicht mehr gelingen, uns als dumm, undankbar und demokratieunfähig hinzustellen und uns etwas vorzumachen. Die sogenannten "Volks"parteien ernten jetzt die Früchte ihrer Ignoranz der tatsächlichen Lebensverhältnisse.

Ob Ostdeutsche die deutsche Demokratie gut oder nicht gut finden, können wir jährlich an diversen Kommunalwahlen, Landtagswahlen und Bundestagswahlen messen. Zudem kann man auch herauslesen, 58 Prozent der Ostdeutschen können sich eine noch bessere deutsche Demokratie vorstellen. Zitat Johann Wolfgang von Goethe: „Hierauf sah ich die Gemüther völlig erheitert, und man bewunderte uns beinahe, daß wir eine so große Furcht hatten, es möge irgend jemand auf seinen Lorbeeren einschlafen.“