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Reportage aus Chemnitz

:

Und plötzlich hört der Lärm auf

Am Gedenkort versammelten sich Menschen offenbar zum Trauern. Polizisten trennten sie von den Protestlern.
Am Gedenkort versammelten sich Menschen offenbar zum Trauern. Polizisten trennten sie von den Protestlern.
Simon Voigt

Was bringt ein Konzert gegen Rechts in Chemnitz, dieser zutiefst verunsicherten und zerrissenen Stadt? Unser Autor erlebte vor Ort einerseits das Gemeinschaftsgefühl der Konzertteilnehmer, andererseits aber die Spaltung der Bevölkerung. Wobei sich spät am Abend plötzlich doch noch so etwas wie Verständigung einstellte.

Am Tag danach ist nicht mehr viel übrig vom großen Konzert. Der Parkplatz ist wieder ein Parkplatz. Die vielen Dixiklos und Getränkewagen sind verschwunden. Die Bühne steht zwar noch, wird aber schon in ihre Einzelteile zerlegt. An einem Hochhaus gegenüber hing in der vorigen Nacht noch ein großes Plakat: „Die Würde des Menschen ist antastbar. Artikel 1 (1) Grundgesetz, Stand: 27.08.2018.“ Es ist inzwischen verschwunden, jetzt werden dort wieder Sonderangebote beworben.

Was bleibt also von diesem Montag in Chemnitz? Von den 65 000 Menschen, die hier aus allen Richtungen zusammengekommen waren, die gefeiert haben und die mehrfach laut „Nazis Raus!“ über den Platz riefen. Die, so hieß es eindringlich wie abgedroschen, „ein Zeichen setzen“ wollten gegen jene Ereignisse des 27. August und der Tage danach, an denen Rechtsextreme und nicht ganz so extreme Rechte in der Stadt unterwegs waren.

Rechtsextreme, Mitläufer, AfD und Pegida

Einige von ihnen zeigten den Hitlergruß. Einige brüllten „Adolf Hitler Hooligans“, andere beließen es „nur“ bei „Merkel muss weg“ oder „Lügenpresse“. Wieder andere beschimpften Polizisten, weil sie ihren Demonstrationszug stoppten. Es gab auch jene, die Migranten verjagten, wie auf Videos zu sehen ist.

Und natürlich gab es auch solche, die ihre berechtigten Sorgen beim Thema Migration und Flüchtlinge auf die Straße trugen. Die in den Demos mitliefen, ohne etwas gegen das Verhalten der anderen Teilnehmer zu sagen und später auf Nachfrage beharrlich erklärten, nichts mit solchen Leuten am Hut haben zu wollen. Am vorigen Wochenende, eine Woche nach dem tragischen Tod von Daniel H. marschierten AfD-Politiker und das offen fremdenfeindliche Pegida-Bündnis demonstrativ gemeinsam über die Straße. Mit 6000 Teilnehmern waren sie trotz mehrerer Gegenproteste in der Überzahl.

Am Montag nun also das große Konzert als lauter, musikalischer Protest gegen diese Bilder. „Wir sind nicht naiv, wir geben uns nicht der Illusion hin, dass man ein Konzert macht und damit die Welt gerettet hat und alle Probleme gelöst sind. Aber manchmal ist es wichtig und notwendig, dass man sich nicht so allein fühlt“, sagte Felix Brummer, Sänger der Band Kraftklub.

Die Band kommt aus Chemnitz, singt Texte wie: „Ich steh auf keiner Gästeliste, Ich bin nicht cool in meiner Stadt, Die voll mit Nazis ist, Rentnern und Hools“. Die wissen, wie man sich als Außenseiter fühlt.

Was bleibt vom „Wir sind mehr“, wenn alle wieder weg sind?

Vielleicht auch deswegen hatten sie Verstärkung eingeladen: Den Rapper Trettmann, er kommt ebenfalls aus Chemnitz, die Rapper Marteria und Casper, die Band K.I.Z. aus Berlin, Die Toten Hosen. Und Feine Sahne Fischfilet, die von vielen, zeitweise auch vom Verfassungsschutz, als gefährlich linksradikal eingestufte Band aus Vorpommern. Deren Sänger Jan „Monchi“ Gorkow, sagte: „Das, was in Chemnitz passiert ist, hätte auch in jedem anderen Bundesland genau so passieren können.“ Aber wenn es passiere, müsse man etwas dagegen unternehmen. Auf der Bühne stellte er zudem klar: „Wer meint, Menschen abstechen zu müssen, wer meint, Messer ziehen zu müssen, in irgendwelchen Streitigkeiten, ist ein verficktes Arschloch.“

Laut der örtlichen Regionalzeitung „Freie Presse“ trugen zahlreiche Unterstützer aus Chemnitz und ganz Deutschland die Kosten für das Konzert, die Musiker bekamen keine Gage. Vielmehr übernahmen sie einen Großteil der Kosten selbst, sagte zumindest Christoph Möller, Geschäftsführer der Veranstaltungsagentur Landstreicher Booking, die alles organisierte. „Wir nehmen keine Steuergelder in Anspruch“, betonte zudem Sören Uhle, Geschäftsführer der städtischen Chemnitzer Wirtschaftsfördergesellschaft, die das Konzert veranstaltete und an den kommenden drei Montagen weitere Konzerte folgen lassen will.

Was stört es, dass viele extra anreisten?

Natürlich standen an diesem Abend längst nicht nur Chemnitzer auf dem Platz. Viele kamen von weither, weil hier wieder all die Künstler auftraten, die sie im Sommer bei Festivals sehen konnten. Die Besucher kamen aus Leipzig und Dresden, Frankfurt am Main, Berlin und Hamburg, aber eben auch aus Chemnitz. Der Autor dieser Zeilen reiste aus Neubrandenburg an. Das Publikum war gut gemischt, überwiegend jung, es waren aber auch Familien mit Kindern dabei und Rentner.

Zwischendurch riefen linke Gruppen den Schlachtruf „Alerta Antifascista!“, wobei nur ein Teil der Masse da so wirklich mitgrölte. Denn so richtig „links“ dürfte nur ein harter Kern gewesen sein. Mehr Einigkeit erzeugten Rufe wie „Nazis Raus!“ oder das berühmte „Arschloch“ aus der Gegen-Rechts-Hymne „Schrei nach Liebe“.

Auch wenn sich das Publikum vielleicht nicht in allen Punkten einig war, galt, wofür das Motto des Konzerts, „Wir sind mehr“, stehen sollte: In Chemnitz versammelten sich Zehntausende, die gegen Gewalt, Rassismus und Fremdenhass ihren Mund aufmachen wollten. Da ist es auch nicht so wichtig, dass viele extra angereist waren.

Kann ein Konzert die Wende bringen?

Aber wie geht es nun weiter in Chemnitz? Kann ein Konzert mit glasklarer politischer Botschaft die Wende bringen in einer aufgewühlten Stadt, die seit einer Woche im Fokus der bundesweiten, ja internationalen Öffentlichkeit, steht? Der späte Abend nach dem fünfstündigen Konzert gab einen Vorgeschmack darauf, wie schwer diese Wende wird. Tote Hosen-Sänger Campino hatte das Publikum mit den Worten verabschiedet: „Wenn es heute Abend gewaltfrei bleibt, war das ein klares 5:0.“ Alle wussten, wie brenzlig die Stimmung in der Stadt gerade ist. Gegenproteste von „Pro Chemnitz“ waren zwar gar nicht erst zugelassen worden, weil die Innenstadt großflächig für das Konzert abgesperrt war.

Doch trotzdem lag Spannung in der Luft, als die Musik verklungen war. An dem Ort in der Brückenstraße, an dem Daniel H. am Rande des Stadtfests niedergestochen worden war, hatte es den ganzen Tag über schon kleinere Wortgefechte gegeben. Dutzende Kerzen, Karten und Blumen liegen dort auch zehn Tage nach dem Mord. Der Gedenkort wurde vorsorglich mit Zäunen umstellt. Ein Mann stand dort schon am Nachmittag mit einem Schild: „Wir sind Bürger, keine Nazis. An euren Händen klebt das Blut von Daniel.“ Daneben eine Gruppe mit „Refugees Welcome“-Plakaten. Beides keine günstigen Parolen, um einen Dialog zu erzeugen.

Nach dem Konzert entsteht am Gedenkort eine irre Situation

Am späten Abend, als sich die Konzertbesucher Richtung Bahnhof bewegten, waren mehrere offenbar Trauernde am Gedenkort zusammengekommen. Schnell war die stille Gruppe von einer Art Mob umringt, der immer wieder brüllte: „Alerta“ oder „Alle Nazis sind Hurensöhne“. Viele hatten bereits gut getrunken, Flaschen klirrten. Trotz der Bitten, wenigstens an diesem Ort Ruhe zu bewahren, ging das immer so weiter.

Die Trauergruppe blieb stoisch ruhig. Niemand konnte mit absoluter Sicherheit sagen, welchen Hintergrund ihre Mitglieder hatten – ob Angehörige des Toten, Chemnitzer Bürger oder womöglich doch Rechtsextreme, die mit ihrer Anwesenheit genau jene lautstarke Reaktion provozieren wollten. Ein Polizeisprecher sprach bloß von einer „bunt gemischten Gruppe“, auch er wusste nicht genau, ob und zu welchem politischen Spektrum sie gehörten. Aber sollte das bei Trauer überhaupt eine Rolle spielen? Für die Polizei nicht: „Wir wollen hier das Gedenken ermöglichen“, sagte der Sprecher. Dass zumindest einzelne aus der Gruppe der Trauernden ein politisches Motiv hatten, zeigte sich daran, dass einer der Trauernden die laute Gruppe filmte. Ein anderer sagte: „Bald kommt der Tag, da bekommt ihr das alles zurück.“

Einige der weiter entfernt stehenden Passanten, die sich das Spektakel anschauten, redeten längst über andere Themen, führten zum Teil Grundsatzdebatten über Feminismus und andere Fragen, die mit den Ereignissen von Chemnitz eher wenig zu tun haben. Ein Junge sagte zu seinem Kumpel: „Lass mal was futtern gehen und dann weiter gucken.“ Ein paar Meter weiter tanzten junge Leute auf der Straße zur Musik aus einem Bluetooth-Lautsprecher. Eine irre Situation. Wer sie beobachtete, fragte sich vor allem eines: Wer von den Menschen, die sich hier gerade aufhalten, gehört wirklich hierhin?

Und dann hört plötzlich der Lärm auf.

Mal wurde es lauter, mal leiser. Eine Sitzblockade bildete sich. Einige Trauergäste gingen. Auch bei den Linken wurden die Reihen lichter, vor allem die lauten Teilnehmer gingen nach Hause. Nach gut anderthalb Stunden entspannte sich die Lage. Die Polizei zog langsam ab. Plötzlich war der Lärm weg.

Und dann geschah etwas Außergewöhnliches, das man sich an diesen Tagen schon so oft und so viel früher gewünscht hätte. Beide Seiten standen sich am Zaun gegenüber und diskutierten. Über diese respektlose, anders kann man es nicht nennen, Situation, die da gerade entstanden war. Über den Toten, seine Herkunft, Migration, Kriminalität und all die anderen Themen, die die Menschen in diesen Tagen nicht loslassen, die sie auch – jeden aus seiner Warte – an diesen Ort getrieben hatten. Da war plötzlich kein Graben mehr zwischen den Leuten, sondern die Kraft von Argumenten, das ernsthafte Interesse an der Position des Gegenübers.

Und so blieb am Ende dieses Montags in Chemnitz tatsächlich ein Zeichen der Versöhnung übrig.