Laut neuen Zahlen der Bundesregierung ist in diesen Branchen das Lohngefälle zwischen Ost und West besonders groß.
Laut neuen Zahlen der Bundesregierung ist in diesen Branchen das Lohngefälle zwischen Ost und West besonders groß. NK-Grafik
Besonders Industriearbeitsplätze fehlen in Ostdeutschland, hier die Schiffbauhalle der MV-Werften in Stralsund (Mecklenbu
Besonders Industriearbeitsplätze fehlen in Ostdeutschland, hier die Schiffbauhalle der MV-Werften in Stralsund (Mecklenburg-Vorpommern). (Archivbild) Stefan Sauer
Löhne in Ost und West

Ungerechtigkeit für die nächsten 52 Jahre

Bei den Löhnen ist die Kluft zwischen Ost- und Westdeutschland weiterhin deutlich spürbar, ganz besonders in bestimmten Branchen. Linkenpolitiker Bartsch fordert eine radikale Angleichung.
Berlin

Wenn sich nichts ändert, könnte diese Ungerechtigkeit noch weitere 50 Jahre fortbestehen. Bis 2073 könnte es dauern, bis in Ost- und Westdeutschland gleiche Löhne gezahlt werden. Davon geht zumindest die Linksfraktion im Bundestag aus und rief die Bundesregierung 2019, zum 30. Jahrestag des Mauerfalls, zum Handeln auf. Neue Zahlen zeigen nun, dass auch die Ampel-Parteien SPD, Grüne und FDP gut etwas zu tun haben, sollten sie demnächst eine Koalition bilden. So sieht es zumindest der Co-Vorsitzende der Linksfraktion im Bundestag, Dietmar Bartsch, der ein Angleichen der Löhne in Ost und West fordert. „Millionen Ostdeutsche sind bei der Bezahlung weiterhin Arbeitnehmer zweiter Klasse“, sagte er. Die neue Koalition solle daher die „Ost-West-Spaltung des Arbeitsmarktes“ beenden und eine Angleichung bis 2025 im Koalitionsvertrag verankern, so der Politiker aus Mecklenburg-Vorpommern.

Interview mit Dietmar Bartsch: „Diese Stigmatisierung der Ostdeutschen ist falsch“

Wie groß die Kluft bei den Löhnen ist, zeigt eine Antwort des Bundesarbeitsministeriums auf eine Anfrage von Bartsch. So lag das Bruttomonatsentgelt sozialversicherungspflichtig Vollzeitbeschäftigter Ende 2020 in Westdeutschland bei 3540 Euro, in Ostdeutschland waren es 2890 Euro. Die Differenz lag damit bei 22,5 Prozent – und zwar im Durchschnitt, in einigen Branchen fällt sie noch einmal deutlicher aus. In die Berechnungen fließt das mittlere sogenannte Median-Einkommen ein, das die oberen 50 Prozent von den unteren 50 Prozent trennt.

Textilbranche mit den größten Differenzen

Im Median verdienen Arbeiter bei Textilfirmen im Osten gut 2000 Euro und im Westen fast 3400 Euro. Hier liegt die Lücke also sogar bei fast 70  Prozent. Besonders groß ist auch die Kluft in der Autoindustrie, wo der Ostlohn im Median bei 3600 Euro liegt, wobei im Westen 5100 Euro gezahlt werden. Auch im Maschinenbau (40,4 Prozent), bei der Herstellung von IT-Gütern (39,8) und in der Schifffahrt (38,9) fallen die Unterschiede deutlich aus.

Legende: Elektronik = Herstellung von Datenverarbeitungsgeräten, elektronischen und optischen Erzeugnissen, Unternehmensberatung = Verwaltung und Führung von Unternehmen und Betrieben, Unternehmensberatung

Abstände geringer an Universitäten und bei Helfertätigkeiten

„Lohnunterschiede von 40  Prozent und mehr in der Industrie sind durch nichts zu rechtfertigen“, sagte Bartsch. „Es kann nicht nur darum gehen, dass die Ampel eventuell ein paar Ostdeutsche in Führungspositionen holt, sondern wir brauchen gleichwertige Lebensverhältnisse im gesamten Land.“ Er spielt damit auf die noch laufenden Koalitionsverhandlungen an.

So hatte die Arbeitsgruppe „Gleichwertige Lebensverhältnisse“ vergangene Woche ein Abschlusspapier vorgelegt, in dem es heißt: „Wir verbessern die Repräsentation Ostdeutscher in Führungspositionen und Entscheidungsgremien in allen Bereichen. Für die Ebene des Bundes legen wir bis Ende 2022 ein Konzept zur Umsetzung vor.“ Zur Ampel-Antwort auf das Lohngefälle ist noch nichts bekannt.

Bartsch hatte in seiner Anfrage gezielt nach den Branchen gefragt, in denen die Abstände am größten sind. Geringer soll der Abstand zum Westen etwa in akademisch geprägten Berufen oder bei Helfertätigkeiten sein, wie die gewerkschaftsnahe Hans-Böckler-Stiftung in ihrem „Lohnspiegel“ angibt. Bei den Helfertätigkeiten würde sich der flächendeckende Mindestlohn bemerkbar machen, der also zumindest im unteren Einkommensbereich für Gleichheit sorge.

Auch innerhalb der Ost-Länder starkes Gefälle

Auch innerhalb der Ostdeutschen Bundesländer ist das Einkommensgefälle spürbar, so die Stiftung. In Brandenburg beträgt, „auch aufgrund des prosperierenden Berliner Umlandes“, demnach der Lohnrückstand gegenüber dem Westen 13,9 Prozent für vergleichbare Tätigkeiten. In Mecklenburg-Vorpommern sind es schon 15,3 Prozent weniger, in Sachsen gar 18,2 Prozent. Als Ursache nennt die Stiftung neben dem Fehlen von Industriearbeitsplätzen vor allem eine geringere Verbreitung von Tarifverträgen.

Es gebe aber noch einen weiteren, wenig beachteten Faktor: Die Arbeitnehmer im Osten seien bereit, „einen relativ niedrigen Lohn zu akzeptieren“, besonders bei Neueinstellungen. Dies haben die Ökonomen Christoph S. Weber und Philipp Dees von der Universität Erlangen in einer Analyse für die Böckler-Stiftung geschrieben. Ostdeutsche würden sich demnach zwar höheren Löhne wünschen, sähen aber selten die Chance, diese auch durchzusetzen. „Arbeitgeber könnten sich dies zunutze machen und niedrigere Löhne zahlen“, so die Wissenschaftler. Denn wenn die Erwartungshaltung erst einmal geringer sei, dann würde dies auch ausgenutzt werden.

Dass dieser Effekt im Osten stärker zum Tragen komme als im Westen, liege wieder an der geringeren Tarifbindung. „In Abwesenheit von Tarifverträgen werden Löhne grundsätzlich freier verhandelt“, so die Wissenschaftler. Und dass diese die Lohn-Mauer offenbar tatsächlich einreißen können, zeigte sich zuletzt in der Gebäudereinigung. Seit vergangenem Dezember haben die rund 2000 Beschäftigten der Branche im Landkreis Vorpommern-Greifswald laut der Industriegewerkschaft Bauen-Agrar-Umwelt (IG BAU) Anspruch auf dieselbe Bezahlung wie ihre Kollegen in Westdeutschland – ein kleiner Schritt mehr auf dem Weg zum Ende der Ungerechtigkeit.

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