Kreml-Chef Wladimir Putin sprach am Mittwochnachmittag bei einem Festakt zur Feier der russischen Staatsgründung vor 1160
Kreml-Chef Wladimir Putin sprach am Mittwochnachmittag bei einem Festakt zur Feier der russischen Staatsgründung vor 1160 Jahren in Veliky Novgorod. Vormittags hatte er eine Teilmobilmachung verkündet. Ilya Pitalev (AFP)
Kommentar

Unterschätzt Putin nicht!

Manche bejubeln schon die vermeintliche Wende in Russlands Krieg gegen die Ukraine. Doch Putin wird nicht aufgeben, meint unser Autor. Russland sei schon oft unterschätzt worden.
Neubrandenburg

Es ist eine eiserne Regel des russischen Überfalls auf die Ukraine: Je öfter Präsident Putin etwas abstreitet, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass es genau so kommt. Noch wenige Tage vorher hatte er verneint, dass er eine Teilmobilisierung anordnen würde. Doch jetzt ist es so weit: Die Lage ist offenbar so desaströs, dass er mit der Mobilisierung eingesteht, das die „Spezialoperation“ alles andere als nach Plan verläuft.

Der Kremlchef muss liefern, um seine Macht zu sichern

Wer aber geglaubt hätte, dass der Herrscher im Kreml wegen der Erfolge der Ukrainer aufgeben würde, darf sich selbst das Etikett „naiv“ aufkleben. Diverse Ex-Generäle und Militäranalysten aller Art bejubelten schon die vermeintliche Wende im Kampf, zurückzuführen auf westliche Waffen.

Doch Raketenwerfer und Panzerhaubitzen haben auch dafür gesorgt, dass sich Putin jetzt in die Enge gedrängt fühlt. Der Kremlchef muss liefern, um seine Unterstützer zu besänftigen. Und er will liefern, um seine großrussische Mission zu erfüllen.

Unterschätzt wird, welche Kapazitäten Russland mobilisieren kann

Warnungen hat es genug gegeben, jetzt ist es geschehen: Der Krieg erreicht mit der Teilmobilisierung die nächste Eskalationsstufe. Wenn Putin seine Truppen in der Ukraine aufstockt, ist eines gewiss: Das Ausmaß der Zerstörungen im Land wird größer. Schon wird der Ruf nach weiteren Waffenlieferungen aus der CDU lauter. Doch Panzer bringen keinen Frieden.

Unterschätzt wird, welche Kapazitäten Russland mobilisieren kann, wenn Putin sein Land mit Patriotismus hinter sich bringt. Dann rächt sich eines: Fast sieben Monate nach dem Überfall liegt die Diplomatie immer noch im Dämmerschlaf.

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