Pro-Contra-Kommentar

Vereinigte Staaten von Europa – ist das eine gute Idee?

SPD-Parteichef Martin Schulz hat auf dem Parteitag vorgeschlagen, dass er die Zukunft Europas in einem Staatenbund sieht. Unsere leitenden Redakteure Jürgen Mladek und Gabriel Kords sind da geteilter Meinung.
Jürgen Mladek Jürgen Mladek
Gabriel Kords Gabriel Kords
Mehr Europa, das will Martin Schulz. Aber was passiert dann mit Deutschland?
Mehr Europa, das will Martin Schulz. Aber was passiert dann mit Deutschland? Uli Deck
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Berlin.

Gabriel Kords meint:

Endlich mal wieder eine richtige Vision

Man muss Martin Schulz doppelt dankbar sein für seine Vision der „Vereinigten Staaten von Europa“. Erstens, weil er überhaupt mal eine Vision geäußert hat. Was war das für ein kläglicher Wahlkampf, weil Schulz, der eigentlich durchaus Charisma entfalten kann – wie dann ausgerechnet am Wahlabend zu erleben war – offenbar der Mut fehlte. Statt klarer Kante gab es das für die SPD inzwischen so typische Wischiwaschi mit ein bisschen mehr Gerechtigkeit hier und ein bisschen weniger Steuern da. Das reichte aus gutem Grund nicht, um Kanzler zu werden. Dafür hätte es schon echter neuer Ideen bedurft. Und jetzt hat Schulz eben mal eine geäußert.

Vor allem aber hat er auch inhaltlich recht. Es geht ja nicht darum, Deutschland zugunsten Europas abzuschaffen. Es geht nicht um den Verlust von Identität, sondern um die Stiftung einer neuen. Um es ausgerechnet mal mit Pegida-Sprech zu formulieren: Es geht um nicht weniger als das Abendland, das erstmals seit Jahrhunderten wieder zu einer echten Einheit zusammenwachsen könnte. Dieses neue Europa hätte alles, was der bürokratischen und schwer durchschaubaren EU fehlt: Es wäre demokratisch legitimiert, hätte ein machtvolles Parlament und großes Gewicht in der Welt. Vor diesem Europa muss niemand Angst haben – anders als vor den EU-Bürokraten von heute.

Jürgen Mladek meint:

Bringt erst mal Deutschland in Ordnung!

Natürlich klingt das erst mal wundervoll: Alle Menschen werden Brüder, also wenigstens die Europäer, so wie in der Europa-Hymne mitreißend besungen. Freude schöner Götterfunken – aber ich sehe nur einen Martin Schulz, und da funkelt nichts. Im Moment bekommt die Politik ja nicht einmal in einem relativ überschaubaren Laden wie Deutschland etwas auf die Reihe. Keine Regierung, dafür eine kaputte Polizei und Justiz. Wir haben Abgaben in Rekordhöhe bei gleichzeitig zerbröselnder Infrastruktur. Wir haben ferner viel zu wenig Lehrer, zu wenig Ärzte. Und irgendwie ist die Wiedervereinigung auch nicht ganz abgeschlossen.

Und das soll jetzt alles mit Europa klappen? In sieben Jahren schon? Nie und nimmer! Und überhaupt: Wofür denn eigentlich so einen neuen Superstaat? Friedlich blieben wir untereinander bisher auch so: Die deutsch-französische und deutsch-polnische Aussöhnung waren Musterbeispiele dafür, dass auch Nationalstaaten Hass und Krieg überwinden können. Profitieren vom Zusammenschluss würde natürlich die Wirtschaft. Aber auch die Menschen? Ich befürchte noch böseren Streit als jetzt schon in der EU. Und am Ende eine dicke fette Rechnung, die jemand bezahlen muss. Ich habe da so eine Ahnung, wer das sein wird. Die mit den jetzt schon höchsten Abgaben.