CORONA-KRISE

Virus-Planspiel endete in echten Seuchen-Gau

Die Bundesregierung hat 2012 ein theoretisches Szenario untersucht, in dem sich ein neuartiges SARS-Corona-Virus aus Asien in Europa ausbreitet. Auch wenn sich das hypothetische vom tatsächlichen Geschehen unterscheidet, sind die Ergebnisse der Risikoanalyse beängstigend.
In einer Risikoanalyse, die sich mit dem Ausbruch eines hypothethischen Sars-Virus auseinandersetzt, rechnete die Bundesregierung im Jahr 2012 mit 7,5 Millionen Toten alleine in Deutschland.
In einer Risikoanalyse, die sich mit dem Ausbruch eines hypothethischen Sars-Virus auseinandersetzt, rechnete die Bundesregierung im Jahr 2012 mit 7,5 Millionen Toten alleine in Deutschland. Hans Klaus Techt
Berlin.

Das Gesundheitssystem steht kurz vor dem Kollaps, das gesellschaftliche Leben kommt zum Stillstand, die Wirtschaft bricht ein, Hunderttausende Menschen sind infiziert, die Zahl der Toten steigt von Tag zu Tag: Noch vor Wochen wurden sie belächelt und beschimpft, die Panikmacher und Schwarzseher, die in der Corona-Pandemie eine neuzeitliche Pest gesehen haben.

Jetzt, da das Ausmaß der Krise klarer wird und das Virus in unserer Mitte angekommen ist, stellt sich vor allem eine Frage: Wie gut vorbereitet sind wir? Hat sich vor dem Ausbruch in China Anfang Dezember überhaupt schon einmal jemand Gedanken darüber gemacht, was genau passiert, wenn ein Virus in Europa grassiert, gegen das wir keine Arzneimittel, keinen Impfstoff, kein Heilmittel haben?

Risikoanalyse mit vielen Parallelen

Die Antwort lautet: Ja. Die Bundesregierung hat sich bereits 2012 mit einem Szenario beschäftigt, das erschreckend genau den Fall beschreibt, der gerade eingetreten ist: In einer sogenannten „Unterrichtung durch die Bundesregierung“ wurde Anfang Januar 2013 eine Risikoanalyse veröffentlicht (Drucksache 17/12051 vom 3. Januar 2013). Darin setzten sich Experten mit der Frage auseinander, was in Deutschland im Fall eines neuartigen, sich rasant ausbreitenden Virus aus der SARS-Familie im schlimmsten Fall geschehen könnte.

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„Das Szenario beschreibt eine von Asien ausgehende, weltweite Verbreitung eines hypothetischen neuen Virus, welches den Namen Modi-SARS-Virus erhält“, heißt es in dem Gutachten. Der Virus stamme „aus Südostasien, wo der bei Wildtieren vorkommende Erreger über Märkte auf den Menschen übertragen wurde. Da die Tiere selbst nicht erkranken, war nicht erkennbar, dass eine Infektionsgefahr bestand“. Das Ereignis sollte laut angenommenem Szenario hypothetisch in einem Februar in Asien beginnen, aber erst Wochen später in seiner vollen Dimension erkannt werden. In der Realität tauchte Corona Anfang Dezember 2019 in Wuhan in China auf und wurde erst Ende Dezember in seiner Bedeutung erkannt.

Jahrelange Pandemie vorausgesagt

Auch die Übertragung nach Deutschland wird akkurat wiedergegeben: Hypothetisch soll der erste Fall im April in Deutschland auftreten, faktisch war es Ende Januar 2020. Der Zeitunterschied ist in etwa derselbe. In dem fiktiven Szenario reisen mehrere infizierte Personen „nach Deutschland ein, bevor den Behörden die erste offizielle Warnung durch die WHO zugeht“. Zum Höhepunkt der ersten Erkrankungswelle, die dem Gutachten zufolge nach rund 300 Tagen erreicht ist, sind etwa sechs Millionen Menschen in Deutschland infiziert. Zur Erinnerung: Momentan haben wir Tag 51, die erste Corona-Infektion wurde am 28. Januar bei einem Mitarbeiter des Automobilzulieferers Webasto in Stockdorf im Landkreis Starnberg in Oberbayern festgestellt.

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Das Ergebnis des Gutachtens ist beängstigend: „Über den Zeitraum der ersten Welle (Tag 1 bis 411) erkranken insgesamt 29 Millionen, im Verlauf der zweiten Welle (Tag 412 bis 692) insgesamt 23 Millionen und während der dritten Welle (Tag 693 bis 1052) insgesamt 26 Millionen Menschen in Deutschland. Für den gesamten zugrunde gelegten Zeitraum von drei Jahren“ – nämlich bis in diesem hypothetischen Szenario ein Impfstoff gefunden ist – „ist mit mindestens 7,5 Millionen Toten als direkte Folge der Infektion zu rechnen.“

Studie ging von einer höheren Sterblichkeit aus

Die Sterblichkeit könnte sich noch erhöhen, da viele Patienten „aufgrund der Überlastung des medizinischen und des Pflegebereiches keine adäquate medizinische Versorgung beziehungsweise Pflege mehr erhalten können“. Derzeit rechnet die Bundesregierung auf Basis von Schätzungen des Robert-Koch-Instituts damit, dass rund 70 Prozent der deutschen Bevölkerung, also knapp 58 Millionen Menschen, am tatsächlichen Corona-Virus erkranken.

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Hierbei ist zu beachten, dass das Gutachten von einer höheren Sterblichkeit ausgeht, als sie derzeit in Deutschland zu beobachten ist: Das Papier rechnet damit, dass zehn Prozent aller Corona-Infizierten sterben – in Deutschland gibt es nach Zahlen der John-Hopkins-Universität im amerikanischen Baltimore bei 7689 Infizierten derzeit aber nur 20 Tote (Stand 17. März, 15 Uhr). Das wären 0,26 Prozent. Italien jedoch kommt der hypothetischen Virus-Sterblichkeit deutlich näher: Bei 27 980 Infizierten und 2158 Toten liegt dort die Mortalität bei 7,71 Prozent.

Das Gutachten geht außerdem auf die Gesundheitsversorgung in Deutschland ein, die unter der Last der Entwicklungen völlig zusammenbreche: „Die enorme Anzahl Infizierter, deren Erkrankung so schwerwiegend ist, dass sie hospitalisiert sein sollten beziehungsweise im Krankenhaus intensivmedizinische Betreuung benötigen würden, übersteigt die vorhandenen Kapazitäten um ein Vielfaches“, heißt es in dem Papier. Viele Patienten müssten an den Krankenhaustüren abgewiesen werden und würden deshalb versterben. Ein solches Ereignis würde vor allem in den sozialen Medien zu viel Diskussion und Zweifel an der Notwendigkeit der Maßnahmen führen, die die Ausbreitung des Virus eindämmen sollen. „Es ist von einer vielstimmigen Bewertung des Ereignisses auszugehen, die nicht widerspruchsfrei ist. Dementsprechend ist mit Verunsicherung der Bevölkerung zu rechnen.“

Schwere wirtschaftliche Auswirkungen befürchtet

Gleichzeitig wurde untersucht, wie verschiedene Wirtschaftszweige unter der Pandemie reagieren und inwiefern die Versorgung der Gesellschaft sichergestellt werden würde. Die guten Nachrichten: Bei Elektrizität, Gas und Mineralöl soll es ebenso zu keinen Problemen kommen wie bei der Wasserversorgung und der Abwasserbeseitigung. Somit ist nicht zwingend mit gesundheitlichen Folgeproblemen wie zunehmend mangelnden hygienischen Bedingungen oder ausfallender Stromversorgung zu rechnen.

Auch in der Kommunikation via Telefon oder Internet soll es nicht zu Einschränkungen kommen. Bei Transport und Verkehr sind die Vorhersagen beunruhigender: Durch Personalausfälle und Angst in der Bevölkerung würde der Verkehr in der Luft, auf der Straße und auf der Schiene in jeder Hinsicht eingeschränkt.

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Auch die Produktion und der Verkauf von Lebensmitteln können nicht mehr in gewohnter Weise gesichert werden, da „krankheitsbedingte Ausfälle im Bereich der Landwirtschaft“ zu „deutlichen Verlusten in der landwirtschaftlichen Produktion“ führen würden. Die Auswirkungen auf die Wirtschaft generell seien „immens“.

Statistisch in Zeitraum von 100 bis 1000 Jahren

Auch das ist realistisch: Der Dax verlor bereits ein Drittel seines Wertes, die Wirtschaft steht vor einer Rezession. Direkte Auswirkungen könne all dies laut Risikoanalyse auch für die Bevölkerung haben: „Für private Haushalte, in denen erwerbstätige Personen durch das Ereignis sterben oder arbeitsunfähig werden, ist mit entsprechend schweren wirtschaftlichen Auswirkungen zu rechnen.“

Zu guter Letzt könnte eine weitreichende Pandemie auch gesellschaftlich zu Problemen führen. Es sei nicht auszuschließen, dass sich Teile der Bevölkerung verunsichert und alleine gelassen fühlten und sich deshalb aggressiv und antisozial verhielten. Einbrüche, Diebstähle, Plünderungen, Vandalismus und andere Straftaten seien dann im Bereich des Möglichen.

Die Bundesregierung klassifizierte das Szenario Ende 2012 als „bedingt wahrscheinlich“, statistisch gesehen trete es nur einmal in einem Zeitraum von 100 bis 1000 Jahren auf. Ist der Fall nun eingetreten? Das Bundesgesundheitsministerium verneint: „Unterschiedliche Viren und ihre Ausbreitung sind nur in sehr begrenztem Maße miteinander vergleichbar. Insofern spielt der genannte Bericht bei der aktuellen Lageeinschätzung durch das Robert-Koch-Institut keine Rolle“, sagte eine Sprecherin des Ministeriums dem Nordkurier.

Auch das Robert-Koch-Institut will die Risikoanalyse nicht in Verbindung mit der derzeitigen Pandemie bringen. Bei dem Szenario von 2012 handle es sich nicht um eine „Vorhersage“, sondern um ein Maximalszenario, „um das theoretisch denkbare Schadensausmaß einer Mensch-zu-Mensch übertragbaren Erkrankung mit einem hochvirulenten Erreger zu illustrieren“, sagte ein Sprecher dem Bayrischen Rundfunk.

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