Im Westen wird deutlich mehr vererbt als im Osten. Über Generationen wird so die Ungleichheit zwischen Ost und West zemen
Im Westen wird deutlich mehr vererbt als im Osten. Über Generationen wird so die Ungleichheit zwischen Ost und West zementiert. Rainer Jensen
Grunderbe

Warum die „Erbschaft für alle” vor allem im Osten wirkt

Sollen 18-Jährige 20.000 Euro vom Staat geschenkt bekommen, um durch Erbschaften entstandende Ungerechtigkeiten auszugleichen? Aus ostdeutscher Sicht ist die Antwort eindeutig.
Berlin

Der Ostbeauftragte der Bundesregierung, Carsten Schneider, hat eine klare Haltung: In Deutschland werden Millionenerbschaften zu gering besteuert. Das führt zu sozialer Ungleichheit. Diese sollte ausgeglichen werden, indem man die Steuern auf hohe Erbschaften erhöht und das Geld stattdessen mit einer Art „Erbschaft für alle” umverteilt. Der Vorschlag: 20.000 Euro für jeden 18-Jährigen, die er dann in seine berufliche oder finanzielle Zukunft investieren kann. „Ich halte das für eine sehr spannende Idee”, sagte Schneider am Donnerstag.

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Die Idee wird schon länger diskutiert und hat vor allem in der SPD viele Anhänger. Und es ist keine Überraschung, dass der Vorschlag des Grunderbes vom Ostbeauftragten kam, und nicht von einem anderen SPD-Regierungsvertreter. Denn aus offensichtlichen historischen Gründen leiden die Ostdeutschen ganz besonders unter einer durch Erbschaften forcierten sozialen Ungleichheit.

Millionäre im Westen, Armut im Osten

Während in Westdeutschland die „Wirtschaftswunderkinder” den berühmten deutschen Mittelstand erschufen, wurden in der DDR Betriebe enteignet und verstaatlicht. Bürger konnten im Westen Kapital in Form von Geld, Gold, Aktien und Immobilien anhäufen, während der private Vermögensaufbau im Osten nur stark eingeschränkt möglich war.

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Dadurch entstanden eklatante Unterschiede: Heute machen Ostdeutsche 15 Prozent der Gesamtbevölkerung aus, stellen aber 20 Prozent der ärmeren Hälfte der Deutschen und nur 6 Prozent aller Millionäre. Während es beispielsweise im Hochtaunuskreis in Hessen 278 Millionäre pro 100.000 Einwohner gibt, sind es in Mecklenburg-Vorpommern 17, in Brandenburg 15 und in Sachsen-Anhalt lediglich 9.

Auch die Höhe der Erbschaften zeigt die starken Diskrepanzen zwischen Ost und West. In Mecklenburg-Vorpommern werden durchschnittlich 52.000 Euro vererbt, in Brandenburg 64.000 Euro. In Bayern liegt eine durchschnittliche Erbschaft bei 176.000 Euro, in Hessen bei 173.000 Euro. Insgesamt werden in Ostdeutschland nur 14 Prozent des vererbten Geldvermögens und 8 Prozent des vererbten Immobilienvermögens an die nächste Generation weitergegeben – bei 22 Prozent aller Erbschaften in Deutschland.

Die Entwicklung wird eher schlechter als besser

Es ist außerdem nicht absehbar, dass sich diese Entwicklung umkehrt. Im Gegenteil: Zum Beispiel spricht die Entwicklung der Immobilienpreise dafür, dass die Schere zwischen Ost und West in den kommenden Jahren eher noch weiter auseinandergehen wird. Die Eigentumsquote ist in Ostdeutschland mit 33 Prozent deutlich geringer als in Westdeutschland (49 Prozent). Somit profitieren deutlich mehr Westdeutsche von den explosionsartig gestiegenen Immobilienpreisen der vergangenen 15 Jahre.

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Hinzu kommt, dass es zuletzt zu starken Wertverschiebungen bei Immobilien kam. Während sich die Preise in den urbanen Regionen teilweise vervielfachten, zogen sie im ländlichen Raum nur schwach oder gar nicht an. Diese Entwicklung wird sich nach Expertenmeinung noch verstärken: In Abwanderungsregionen könnten Gemeinden aussterben, wodurch dortige Immobilien, wie heute schon in Teilen Italiens oder Spaniens, komplett wertlos würden. Gleichzeitig werden Eigentumswohnungen in Ballungszentren wie München, Berlin, Düsseldorf oder Frankfurt für Normalverdiener praktisch unbezahlbar.

Viele ostdeutsche Rentner vererben eher Schulden als Vermögen

Zweitens vererben Ostdeutsche am liebsten Geldwerte. Renditetreiber wie Wertpapiere machen im Osten nur ein Fünftel des Erbschaftsvolumens aus, im Westen aber deutlich mehr als ein Drittel. Durch die weltweit grassierende Inflation und die anhaltende Niedrigzinsphase schrumpft Geldvermögen, anstatt sich zu vermehren. Und drittens wird die nächste Generation von Rentnern und Erblassern in Ostdeutschland von jenen Arbeitnehmern gestellt, die zwischen 1990 und 2005 aufgrund ihres Alters eigentlich den Höhepunkt ihrer Einkommensentwicklung erreicht haben müssten, aber mit einer extrem hohen Arbeitslosigkeit konfrontiert waren.

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Viele Ostdeutsche, die sich zur Wendezeit in ihrem beruflichen Sommer befanden, haben heute schlicht weniger Vermögen, und damit auch weniger zu vererben, als ihre westdeutschen Pendants. Der in Ostdeutschland expansive Niedriglohnsektor tut sein Übriges: Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes werden in Mecklenburg-Vorpommern seit zehn Jahren durchgängig die geringsten Gehälter in ganz Deutschland gezahlt, Brandenburg liegt nur knapp darüber. Anstatt ein Vermögen zu vererben, werden viele Rentner im Nordosten deshalb ihre Ersparnisse aufbrauchen oder ihren Erben gar Schulden zurücklassen müssen.

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