Mit einer immer noch steigenden Inflation und einer sich abkühlenden Wirtschaft im Euroraum befindet sich EZB-Chefin Chri
Mit einer immer noch steigenden Inflation und einer sich abkühlenden Wirtschaft im Euroraum befindet sich EZB-Chefin Christine Lagarde momentan in einer misslichen Lage. Marcus Brandt
Geldpolitik

Warum die EZB über Deutschlands Arbeitslose stolpern könnte

Inflation und Arbeitslosigkeit steigen und die Wirtschaft kühlt ab. Es wird immer klarer: Die EZB ist ein lahmer Gaul und der Euro eine Schönwetterwährung.
Berlin

Wenn am Mittwoch die Arbeitslosenzahlen in Deutschland vermeldet werden, dann wird eine Person ganz genau hinsehen: die Chefin der Europäischen Zentralbank, Christine Lagarde. Denn die Entwicklung der Arbeitslosigkeit in Europas größter Volkswirtschaft ist maßgeblich entscheidend für die Möglichkeiten, die ihre EZB in der Inflationsbekämpfung hat. Kurz gesagt: Je mehr Arbeitslose es gibt, desto weniger Zinsspielraum hat die Notenbank – und desto schwieriger wird der Kampf gegen die Inflation. Warum? Weil steigende Arbeitslosenzahlen mit einer abkühlenden Wirtschaft einhergehen: Unternehmen entlassen Mitarbeiter oder stellen keine mehr ein, weil sie befürchten, dass sich zukünftig ihr Umsatz verringert.

Lesen Sie auch: Bauzinsen steigen auf höchsten Stand seit mehr als zehn Jahren

Wenn die Notenbank nun in eine abkühlende Wirtschaft hinein die Zinsen anhebt, entzieht sie den Unternehmen durch die Erhöhung der Kreditkosten den finanziellen Spielraum, um durch die Krise zu navigieren. Es entstehen Engpässe und eine wirtschaftliche Abwärtsspirale droht – besonders dann, wenn diese Entwicklung in Europas zahlungskräftigster Volkswirtschaft eintritt. Um das zu verhindern, müsste die EZB in einer solchen Lage eigentlich die Zinsen senken, um Europas Unternehmen mit Liquidität zu versorgen. Doch genau das ist nicht möglich, weil die Inflation im Euroraum zuletzt auf 10,7 Prozent und damit in bisher ungeahnte Höhen geklettert ist.

EZB darf den Bogen nicht überspannen

Ein Ende der inflationären Fahnenstange ist nicht in Sicht, wie Lagarde vergangene Woche selbst attestierte. Es sei noch „mehr in der Pipeline”, sagte sie am Rande der letzten Sitzung des EZB-Rats, auf der eine weitere Leitzinserhöhung um 75 Basispunkte auf nunmehr 2,0 Prozent entschieden wurde. Aufgrund dieses Inflationsdrucks müsse die Notenbank womöglich noch mehrmals die Zinsen erhöhen. Dabei wolle sich der EZB-Rat aber an der Entwicklung der Wirtschaft orientieren – und die Arbeitslosenzahlen spielen hier eine entscheidende Rolle. „Der Zinsanstieg ist richtig”, urteilte der Chef des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung, Marcel Fratzscher. Die Zentralbank müsse aber gleichzeitig „aufpassen, dass sie den Bogen nicht überspannt und die Rezession verschärft”.

Die EZB wandert also auf einem schmalen Grat über einem Abgrund, während die Kräfte von Inflation und Rezession sie in entgegengesetzte Richtungen zerren. Dass eine solche Gratwanderung nicht zu einem Absturz führen muss, zeigt das Beispiel der US-amerikanischen Notenbank: Die Fed hob als eine der ersten Zentralbanken in den westlichen Industriestaaten die Leitzinsen an. Interessant dabei: Weder die Höhe der einzelnen Zinsschritte, noch das bisher erreichte Zinsniveau sind außergewöhnlich.

Schnellste Zinsanhebungen der Geschichte

Historisch einmalig jedoch ist die Geschwindigkeit der Zinsanhebungen: Weder vor der Finanzkrise im Jahr 2008, noch beim Dot-Com-Crash zur Jahrtausendwende, noch in den Krisenjahren nach 1987 und 1994 wurden die Leitzinsen in den USA so schnell angehoben wie in den vergangenen sechs Monaten. Das Ergebnis: Anders als in Europa deuten alle relevanten amerikanischen Wirtschaftsdaten darauf hin, dass die Inflation in den USA in den kommenden Monaten deutlich abkühlen wird.

Natürlich ist die Ausgangslage in den USA eine andere: Krieg und Energiekrise wirken sich jenseits des Atlantik nicht annähernd so stark aus wie in Europa, die amerikanische Staatsverschuldung lässt sich aufgrund des Dollars als Weltleitwährung leichter beherrschen, das amerikanische Bankensystem ist solider aufgestellt und die US-Wirtschaft hat generell geringere Wachstumsprobleme als die europäische. Dennoch stellt sich die Frage, warum die EZB nicht ähnlich rigoros vorgeht wie ihr amerikanisches Gegenüber.

Hohe Arbeitslosigkeit in Spanien und Griechenland

Die Antwort lautet: Sie kann es nicht. Der Grund dafür ist nicht etwa die hohe Staatsverschuldung der europäischen Krisenländer. Die Folgen dieser Verschuldung ließen sich zum Beispiel durch das zuletzt eingeführte, vielkritisierte Staatsanleihenkaufprogramm TPI durchaus bändigen. Der Grund liegt vielmehr in der Natur des Wirtschaftsraums Europa selbst: Europa ist volkswirtschaftlich zu heterogen, um eine einheitliche Geldpolitik zu verkraften. Und das Tauziehen zwischen Arbeitslosigkeit und Inflation verdeutlicht diese Tatsache einmal mehr.

Wie sieht das im Detail aus? Die Arbeitslosigkeit in der Europäischen Union ist äußerst ungleich verteilt. Im August 2022 lag nach jüngsten Zahlen von Eurostat die Gesamtarbeitslosenquote in der EU bei 6,0 Prozent und in der Eurozone bei 6,6 Prozent. Deutschland belegte mit 3,0 Prozent einen sehr guten vierten Platz, nur Malta und die Nicht-Euro-Länder Polen und Tschechien hatten mit Quoten zwischen 2,9 und 2,4 Prozent eine bessere Beschäftigung. Am anderen Ende des Spektrums jedoch nimmt die Arbeitslosigkeit katastrophale Ausmaße an. In Spanien sind 12,4 Prozent der erwerbsfähigen Bevölkerung arbeitslos, in Griechenland sind es 12,2 Prozent. Auch in Zypern (8,6), Italien (7,8) und Frankreich (7,3) lag die Arbeitslosenquote weit über dem Durchschnitt.

EZB bringt einfach keine PS auf die Straße

Gleichzeitig unterscheiden sich auch die Inflationsdaten innerhalb der Eurozone zum Teil deutlich voneinander, wie am Montag von Eurostat veröffentlichte Zahlen zeigen. Demnach kämpfen die baltischen Staaten Estland (22,4), Litauen (22,0) und Lettland (21,8) mit Inflationsraten von deutlich über 20 Prozent. Auch die Niederlande (16,8), die Slowakei (14,5) und Belgien (13,1) sehen sich mit massiven Preissteigerungen konfrontiert. Auf der anderen Seite haben es zum Beispiel Frankreich (7,1), Spanien (7,3) oder Malta (7,5) mit vergleichsweise moderaten Inflationsraten zu tun.

Das Problem für die Europäische Zentralbank ist, dass Staaten mit einer verhältnismäßig geringen Inflation und hoher Arbeitslosigkeit, wie Frankreich oder Spanien, eine grundsätzlich andere Geldpolitik benötigen als Staaten mit einer hohen Inflationsrate und einer geringen Arbeitslosenquote, wie Deutschland, die Niederlande, Estland oder Litauen.

Während es anderen Notenbanken also gelingt, bei der Inflationsbekämpfung die notwendigen PS auf die Straße zu bringen, sieht sich die EZB aufgrund der wirtschaftlichen Unterschiede in der Eurozone zum Status eines lahmen Gauls degradiert. Den Euro macht dies zu einer Schönwetterwährung: Wenn alles prima läuft, dann funktioniert auch alles. Doch je schwieriger es wird, desto geringer werden die Handlungsoptionen der Zentralbank.

Deutsche Firmen wollen weniger Personal

Es besteht durchaus die Gefahr, dass der strukturbedingte Schlingerkurs der EZB dazu führt, dass die Notenbank auf ihrer Gratwanderung quasi auf beiden Seiten in den Abgrund stürzt: Aufgrund von zu späten und zu zögerlichen Zinserhöhungen gerät die Inflation in immer mehr Euro-Ländern außer Kontrolle – und gleichzeitig reißt die Energiekrise, die sich auch durch Zinsanpassungen nicht beheben lässt, die gesamte Eurozone in eine tiefe Rezession. So weit muss es nicht kommen. Doch die Anzeichen verdichten sich.

Auch interessant: Hohe Inflation beschert Staat sprudelnde Steuereinnahmen

Immer mehr Analysten gehen davon aus, dass Europa, anders als die USA, den Höhepunkt der Inflation noch nicht gesehen hat. Und gleichzeitig spricht die Datenlage zunehmend für einen spürbaren Einbruch in Europas größter Volkswirtschaft. „Vor dem Hintergrund der wirtschaftlichen und politischen Unsicherheiten lässt der Personalbedarf weiter spürbar nach”, urteilte zuletzt die Bundesagentur für Arbeit, die am Mittwoch ihre Arbeitsmarktstatistik für Oktober vorlegen wird.

zur Homepage