BUNDESTAGSWAHL

Warum die stärkste Partei nicht automatisch den Kanzler stellt

Ein Blick in die Geschichte der Bundesrepublik zeigt: Es ist nicht gesagt, dass die Partei, die die meisten Stimmen erhalten hat, auch den Kanzler stellt.
Die SPD-Kanzler Willy Brandt (links) und Helmut Schmidt regierten jeweils für längere Zeit in Konstellationen, bei d
Die SPD-Kanzler Willy Brandt (links) und Helmut Schmidt regierten jeweils für längere Zeit in Konstellationen, bei denen die CDU stärker war. Entscheidend waren damals die Stimmen der FDP. Kurt Rohwedder
Berlin ·

Es klingt logisch: Wer die meisten Stimmen bei der Wahl holt, wird Bundeskanzler – den ersten Prognosen am Wahlabend zufolge also entweder SPD-Kandidat Olaf Scholz oder CDU-Kandidat Armin Laschet. Mehr zu den Ergebnissen lesen Sie in unserem Livticker.

Doch ganz so einfach, wie man vielleicht zunächst denken würde, ist es nicht, selbst wenn dann irgendwann feststehen wird, wer mehr Stimmen bekommen hat. Denn die Deutschen wählen ihren Bundeskanzler nicht direkt, sondern die Wahl erfolgt durch den neuen Bundestag, der an diesem Sonntag gewählt wird. Wer die Mehrheit der Stimmen erhält, wird Bundeskanzler.

Zwei SPD-Kanzler holten weniger Stimmen als die Unions-Herausforderer

In der Regel geht der Kanzlerwahl eine Einigung über eine Koalition aus mehreren Parteien voraus – und es ist keineswegs gesagt, dass diese Koalition auch die Partei enthält, die die meisten Stimmen erhalten hat. Wahrscheinlich wird der Kanzlerkandidat dieser stärksten Partei zwar als erstes versuchen, eine Regierung zu bilden. Doch in der Geschichte der Bundesrepublik war es schon öfter so, dass am Ende der bei der Wahl Zweitplatzierte als Kanzler das Rennen machte.

So haben Helmut Schmidt und Willy Brandt nicht nur ihr SPD-Parteibuch gemein, sondern auch die Tatsache, dass sie – zum Teil über längere Zeit – Kanzler waren, obwohl die Union (CDU/CSU) im Bundestag die stärkere Partei war. Diese Konstellation gab es nach den Wahlen 1969, 1976 und 1980.

Mit Helmut Schmidt als Kanzlerkandidat wurde die SPD nie stärkste Partei

Willy Brandt, der von 1969 bis 1974 Kanzler war, gelang es nur bei der Wahl 1972, mehr Stimmen als die Union zu erringen. Helmut Schmidt, der 1974 nach Brandts Rücktritt ins Amt kam und 1982 per Misstrauensvotum von Helmut Kohl gestürzt wurde, gelang mithin gar keine Bundestagswahl, bei der er als stärkster Kandidat vom Platz ging. In allen Fällen regierte die Union mit der FDP des in dieser Zeit ohnehin nur aus diesen drei Fraktionen bestehenden Bundestags.

Seinerzeit war vieles anders und manches leichter – die FDP war zum Beispiel der automatische „Königsmacher” eines Bundeskanzlers. Und sie ermöglichte es Willy Brandt und Helmut Schmidt, ihre Mehrheiten gegen die Union zu bilden. Anders als heute hatte die FDP das allerdings auch schon im Vorfeld der Wahl erklärt. Dieses Mal halten sich die meisten Parteien fast alle Koalitionsparteien offen.

Die Union bekleidete in den Zeiten, in denen sie zwar sätrkste Fraktion war, aber nicht den Kanzler stellte, allerdings ein Spitzenamt, das protokollarisch noch vor dem Bundeskanzler steht: Als stärkste Fraktion stellte sie den Bundestagspräsidenten. 

Auf die kleineren Parteien kommt es an

Auch dieses Mal dürfte es deshalb auf das Verhandlungsgeschickt der Kanzlerkandidaten ankommen: Wer kann FDP und Grüne - sowie, falls sie ins Parlament einzieht, die Linke - von sich überzeugen? Oder wird die zweitplatzierte Partei – sei es nun die CDU oder die SPD – sich auf ein Bündnis mit der stärksten Partei einlassen?

Alles Fragen, die sich erst in den kommenden Monaten klären werden. Bis dahin kann realistischerweise eigentlich niemand sagen, wer Bundeskanzler wird.

Hinweis: Dieser Artikel erschien ursprünglich am Sonntagnachmittag um 16.30 Uhr und wurde nach Vorliegen der ersten Wahlergebnisse aktualisiert.

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Kommentare (1)

ist das nicht. Das wäre das normalste der Welt und entspreche wahrscheinlich den Willen der meisten Wähler. Denn es kann doch nicht sein das eine Partei die meisten Wählerstimmen hat und eine andere den Kanzler stellt. Dies passt aber zu dem ganzen Irrsinn in Deutschland.