Rund 2000 Beschäftigte der Metall- und Elektroindustrie aus den Ländern Berlin und Brandenburg fordern am 28. Novemb
Rund 2000 Beschäftigte der Metall- und Elektroindustrie aus den Ländern Berlin und Brandenburg fordern am 28. November 1990 vor dem Gebäude der Treuhandanstalt in Berlin die Sanierung der Betriebe in der DDR. Klaus Franke
Der damalige Treuhand-Chef Detlev Karsten Rohwedder und Treuhand-Vorstandsmitglied Birgit Breuel sprechen am 28. Februar 1991 in Berlin
Der damalige Treuhand-Chef Detlev Karsten Rohwedder und Treuhand-Vorstandsmitglied Birgit Breuel sprechen am 28. Februar 1991 in Berlin Andreas Altwein
Die Treuhand-Zentrale in Berlin.
Die Treuhand-Zentrale in Berlin. Hubert Link
Wirtschaft nach der DDR

Warum die Treuhandanstalt immer noch viel Zorn auf sich zieht

Die Treuhandanstalt hat – wie keine andere Behörde aus den Wendejahren – kein gutes Image. Jetzt zeigen geöffnete Akten, was damals hinter den Kulissen wirklich geschah.
Neubrandenburg

Achtung, das ist kein Scherz und kein Druckfehler! „Wir machen Schweiss Maschinen die praktisch direkt in Finsterwalde konnen fabriziert werden, da sie im moment eigentlich keine Machinen im Programm haben ... und darum sind wir stark interessiert in die vollständige Firma.” Original mit diesen und weiteren Aussagen bewirbt sich im Frühjahr 1991 ein belgischer Unternehmer bei der Treuhandanstalt um den VEB Schweißtechnik Finsterwalde (Brandenburg) mit damals rund 1200 Mitarbeitern. Der Inhaber einer Handelsgesellschaft in Belgien, die Autowerkstätten beliefert, will ein DDR-Unternehmen kaufen, dessen schwedische Gründerwurzeln in den 1920er-Jahren liegen. Der VEB Schweißtechnik gehört in der DDR zu den Devisenbringern, Produkte werden bis nach Japan und Indien verkauft.

Der Belgier erhält den Zuschlag für den Betrieb mit einen geschätzten Investitionsbedarf von 17 Millionen D-Mark. Die Produktion läuft weiter, doch die vereinbarten Investitionen fließen nicht. Stattdessen verkauft der Investor Immobilien im Millionen-Wert. Beschäftigte warten vergeblich auf Gehaltszahlungen – bis 1995 zwei Mitarbeiter einen Insolvenzantrag stellten. Nur in einer juristisch ausgefeilten Rettungsaktion von Belegschaft, Gewerkschaft, Kommune sowie Landes- und Bundesregierung gelingt es, das Unternehmen vor dem Absturz zu bewahren. Heute zählt die Firma rund 500 Mitarbeiter – und kann Gewinne schreiben.

Wirtschaftliches Chaos in den frühen 90er-Jahren

Dieses Beispiel wirft ein Schlaglicht auf das wirtschaftliche Chaos der frühen 1990er-Jahre im Osten des wiedervereinigten Deutschlands. Mit rund 30 Jahren Abstand kommen jetzt immer neue Details über die größte Industrieholding der Welt ans Tageslicht, die die Wirtschaft in den neuen Ländern in die Markwirtschaft überführen sollte. „Viele Akten sind inzwischen frei zugänglich”, sagt Andreas Malycha. Der in Ostberlin geborene Historiker hat die Akten für das Institut für Zeitgeschichte München-Berlin mehrere Jahre lang gesichtet, aufbereitet und eingeordnet. Ihre Forschungsergebnisse sind in diesem Monat erschienen.

Allerdings lagen Malycha auch Steine im Weg, wie er berichtet. Der Historiker wollte hinter die Kulissen schauen und parallel zu den Treuhand-Akten auch bislang verschlossene Aufzeichnungen von Bundeskanzleramt und Bundesministerien einsehen. „Die Verkürzung der Schutzfristen war eine langwierige Prozedur und hat sich bis zu zwei Jahre hingezogen”, sagt er.

Aufsicht über die Treuhand erstaunlich lax

Doch seine Geduld hat sich gelohnt und ihm eine Überraschung beschert. „Bei der Privatisierung der ostdeutschen Industriebetriebe spielte die THA in der öffentlichen Wahrnehmung die Hauptrolle, während die Bundesregierung stets im Hintergrund blieb”, schreibt er in seinem Buch. So sei die Treuhand für alle Fehler und Pannen verantwortlich gemacht worden. Dabei habe sich die Behörde entlang der Grundlinie einer Wirtschaftspolitik bewegt, die von der damaligen christlich-liberalen Bundesregierung seit Anfang der 1980er Jahre umgesetzt wurde: „Der Ruf nach einem Rückzug des Staates setzte die Rahmenbedingungen für die Geschäftspolitik der Treuhand”, so Malycha.

Erstaunlich sei für ihn gewesen, wie erstaunlich lax anfangs die Fachaufsicht über die Treuhand durch das Bundesfinanzministerium gehandhabt worden sei. Das habe sich nach anderthalb Jahren jedoch stark gewandelt. Immer wieder auffällig: Bundeskanzler Helmut Kohl und sein Kanzleramt verstanden es, den Regierungschef aus dem Treuhand-Schlamassel weitgehend heraus zu halten.

Rohwedder und Breuel als Vorstandschefs

Ab 1992 stieg der Druck auf die Treuhand, weil die Ergebnisse ihres Handels immer sichtbarer wurden. Mit dem rapiden Anstieg der Arbeitslosigkeit bekam es die Treuhand mit starkem Gegenwind zu tun: Demonstrationen, Betriebsbesetzungen, aufgeschreckte Landesregierungen sorgen dafür, das die Zügel angezogen werden. Der Bundestag trat in Aktion, der Bundesrechnungshof mischte sich ein und die getriebene Bundesregierung ließ eine innere Revision aufbauen.

Die Treuhandanstalt hatte im vereinigten Deutschland zwei Vorstandschefs: Den 1991 ermordeten Detlef Rohwedder und seine Nachfolgerin Birgit Breuel. „Für beide stand im Grundsatz die Privatisierung an erster Stelle, eine Sanierung sollte dann durch die Erwerber erfolgen”, schätzt Malycha ein. Die Forderung, sanierungsfähige Unternehmen zuerst zu sanieren, habe die Treuhand aber bis zu ihrem Ende begleitet. „Von dem Grundsatz der schnellen Privatisierung hätten man eher abgehen sollen”, schätzt der Historiker ein. So seien auch Unternehmen liquidiert worden, die nach einer längeren Sanierung wieder hätten durchstarten können. Erst nach 1993/94 sei der Versuch einer Kurskorrektur unternommen worden.

Manager in Hauruck-Aktionen gesucht

Das Scheitern der Treuhandanstalt an ihrer Mammutaufgabe hat einen Preiszettel: Bei ihrer Auflösung hatte sie Ende 1994 einen Schuldenberg von 204,4 Milliarden Euro angehäuft. Die finanzielle Bruchlandung hat nicht nur mit der zweifelhaften Privatisierungsstrategie, sondern auch mit dem zur Verfügung stehenden Personal zu tun. In Hauruck-Aktionen wurden Manager gesucht, teils wurden sie von anderen Unternehmen ausgeliehen. Mangelware waren Juristen, die wasserdichte Privatisierungsverträge ausarbeiten konnten. Immer angewiesen blieb die Treuhand auf externe Berater und Helfer.

Das hat, im Verbund mit dem Wirken zweifelhafter Manager, die Floskel von den „Glücksrittern im Osten” begründet. Eine von Breuel beauftragte Untersuchung der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Treuarbeit kam zu einem ernüchternden Ergebnis: Bei rund 90 Prozent der Privatisierungen wurden Mängel festgestellt.

Ostdeutscher Sachverstand im Hintertreffen

Dazu kam erschwerend, dass ostdeutscher Sachverstand zunehmend ins Hintertreffen geriet, wie Malycha in seinen Recherchen feststellte. Zwar seien etwa 70 Prozent der Treuhandmitarbeiter Ostdeutsche gewesen. Dieses Verhältnis kehrte sich in den mittleren und höheren Leitungsebenen um. Ende 1992 stammten von 132 Abteilungsleitern in der Zentrale 23 aus dem Osten, bei Direktoren waren es 2 von insgesamt 47. Dazu kamen die Gehaltsunterschiede: So erhielten nach der Aktenlage Beschäftigte aus den neuen Bundesländern etwa 30 bis 50 Prozent der Bezüge gleichrangiger Westkollegen.

In der Zeit ihres Bestehens musste sich die Treuhand in ihrer Personalpolitik auch ausgiebig mit sich selbst beschäftigen – schon aus Gründen der öffentlichen Selbstdarstellung. So sei von außen, etwa durch Bündnis90/Grüne im Bundestag, das Problem der „alten Seilschaften” an die Treuhand-Spitze herangetragen worden.

„Da kursierten immer neue Listen”, schaut Historiker Malycha zurück. Dabei sei es um Mitarbeiter gegangen, die schon in DDR-Ministerien oder der Staatlichen Plankommission mittlere oder höhere Funktionen bekleidet hatten. „Auf Bitten der Bundesregierung musste die Treuhandführung dem nachgehen”, so Malycha. Das habe Energie und Zeit gekostet.

Keine Gnade für Stasi-Mitarbeiter

Auf eine Initiative, die Bundeskanzler Kohl zugeschrieben wurde, wurden in der Treuhand „Vertrauensbevollmächtigte” installiert, die den alten Seilschaften nachspüren sollten. Erfunden und angewandt wurde das Kriterium der „objektiven Kompromittierung”. Das war dann erfüllt, wenn eine höhere Funktion in DDR-Behörden ausgeübt worden war.

Größere finanzielle Konsequenzen habe es allerdings nicht gegeben, berichtet Buchautor Malycha. Das habe auch daran gelegen, dass Treuhandchefin Breuel versucht habe, möglichst viel Sachverstand in der Behörde zu halten. Für sie habe vor allem bewiesene Loyalität gezählt. Keine Gnade habe es für Mitarbeiter gegeben, die laut Akten der damaligen Gauck-Behörde als einstige Stasi-Mitarbeiter enttarnt worden waren.

Unterbewertung von Grundstücken

Schließlich sei das Thema alte Seilschaften auch zum Gegenstand von 25 Fallstudien geworden. Darin wurden Privatisierungen untersucht, an denen Ostdeutsche beteiligt waren. Das Ergebnis sei eindeutig gewesen, so Malycha: Es habe nicht nachgeweisen werden können, dass Entscheidungen zum Nachteil der Treuhand getroffen worden waren oder Käufer ungerechtfertigt bevorzugt wurden. In einem Fall sei eine massive Unterbewertung von Grundstücke zutage getreten. „Das war zweifellos ein Fehler, hat es aber auch bei vielen anderen Privatisierungen gegeben”, fasst Malycha zusammen.

Allerdings stießen auch unterschiedliche Mentalitäten zwischen Ost und West aufeinander. „Es gab Vorgesetzte, die nicht mit Ostdeutschen arbeiten wollten”, berichtet der Historiker. Manager aus dem Westen hatten offenbar wenig Zutrauen in die Fähigkeiten Ostdeutscher und legten kaum verhohlene Überheblichkeit an den Tag.

„Mit diesen Negern kann man nicht arbeiten”

Das zeigt eine Tagebuchnotiz eines Vorstandsmitglieds über die Äußerungen des damaligen Vizepräsidenten der Treuhand, auf die Malycha im Bundesarviv gestoßen ist: „Einmal behauptet er, man dürfe nicht so viele Ostmitarbeiter beschäftigen, wenn man die Qualität der Arbeit im Auge behalte. Mit diesen Negern könne man nicht arbeiten.”

Unter dem Strich steht für den Historiker die Erkenntnis, dass die Treuhandanstalt fachlich und vom Umfang der zugedachten Aufgaben überfordert war. Die Treuhand sei durch Deindustrialisierung und Massenarbeitslosigkeit zum politischen Blitzableiter für enttäuschte Hoffnungen und Erwartungen im Osten worden. Die dahinter stehende Wirtschaftspolitik der Bundesregierung sei dagegen aus dem Sichtfeld geraten.

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