NK-INTERVIEW IN KABUL

Was abgeschobene Afghanen in ihrer Heimat erwartet

Vor Kurzem wurde ein 20-jähriger Asylbewerber aus Neubrandenburg zu Unrecht nach Afghanistan abgeschoben. Aber was passiert, wenn solche Menschen aus dem Flieger steigen? Nordkurier-Reporter Carsten Korfmacher sprach darüber in Kabul mit dem Direktor der Friedrich-Ebert-Stiftung in Afghanistan.
Carsten Korfmacher Carsten Korfmacher
FES-Landesdirektor Mirco Günther (links) bei einem Gespräch mit dem Vorsitzenden des Hohen Afghanischen Friedensrates Mohammad Karim Khalili (rechts) im Dezember 2017.
FES-Landesdirektor Mirco Günther (links) bei einem Gespräch mit dem Vorsitzenden des Hohen Afghanischen Friedensrates Mohammad Karim Khalili (rechts) im Dezember 2017. FES Kabul
Kabul/Neubrandenburg.

(Nordkurier-Reporter Carsten Korfmacher) Mal ganz praktisch gefragt: Was passiert mit Personen, die nach Afghanistan abgeschoben werden? Sie steigen aus dem Flugzeug aus – und dann?

(Mirco Günther, Direktor der Friedrich-Ebert-Stiftung in Afghanistan) Dann werden sie von den zuständigen staatlichen Institutionen und Vertretern der internationalen Gemeinschaft in Empfang genommen. Zunächst können sie bis zu 14 Tage mit Unterstützung der Internationalen Organisation für Migration in einem Gästehaus in Kabul unterkommen. Danach gibt es eigentlich nichts. Die sogenannten freiwilligen Rückkehrer bekommen in der Regel eine finanzielle Starthilfe. Letztlich kann auch diese natürlich nur ein Tropfen auf den heißen Stein sein.

Werden die Abgeschobenen denn privat aufgefangen?

Bei Weitem nicht alle haben soziale Netze in Kabul oder anderswo, die sie unterstützen. Gerade diejenigen, die abgeschoben wurden, ziehen sich nicht selten zurück und haben Angst auf die Straße zu gehen. Wir können uns nicht wirklich vorstellen, welchen psychischen Belastungen sie vor und während der Abschiebung und erst recht jetzt, wo sie zurück sind, ausgesetzt sind.

Welche Bedrohungen gibt es für abgeschobene Afghanen?

Abgeschobene Personen aus Europa gelten nicht selten als „Versager“, häufig kehren sie deshalb mit schweren psychologischen Problemen zurück. In Afghanistan kann ihnen niemand professionell helfen. Konservativere Elemente der Gesellschaft unterstellen ihnen auch nicht selten eine „Verwestlichung“. Zudem wird fälschlicherweise angenommen, dass sie wohlhabend sein müssen, wenn sie in Europa waren. Das kann sie zum Ziel von Erpressungen und Entführungen machen.

Das größte Problem jedoch ist, und daran sind wir in Deutschland nicht unschuldig, dass viele Menschen in Afghanistan inzwischen glauben, dass es bei Abschiebungen nur Straftäter und Gefährder treffe. Dem ist aber mitnichten so. Nicht nur auf dem jüngsten Flug mit 69 Abgeschobenen, mit dem auch Nasibullah S. nach Afghanistan kam, waren zahlreiche gut integrierte junge Afghanen, die sich nichts zuschulden hatten kommen lassen.

Ist der Fall „Nasibullah S.“ eine typische Geschichte? Sie klingt abenteuerlich: Sein Vater soll von den Taliban erschossen und er verfolgt worden sein. Sind Ihnen ähnliche Fälle bekannt?

Ja, solche Geschichten gibt es tatsächlich. Dabei ist wichtig zu sagen, dass es die typische Geschichte nicht gibt. Dafür sind die Zahlen viel zu hoch und Schicksale zu verschieden. Abschiebungen gibt es auch nicht nur aus Deutschland, sondern auch anderen EU-Ländern. Die Türkei führt in sehr großen Zahlen Afghanen zurück, ohne dass das eine größere Öffentlichkeit mitbekommt.

Der Großteil afghanischer Flüchtlinge lebt übrigens in den Nachbarländern Pakistan und Iran. Über eine Million von ihnen sind in den letzten Jahren zurückgekehrt, weil sie sich dort diskriminiert fühlten. Sie leben in wirtschaftlich und sozial enorm prekären Verhältnissen, ebenso wie die circa 1,8 Millionen Binnenvertrieben innerhalb Afghanistans.

Haben Sie in Afghanistan eine Veränderung der Sicherheitslage wahrgenommen?

Die Sicherheitslage hat sich seit 2014, dem Jahr, als die meisten internationalen Truppen abgezogen wurden, spürbar und deutlich verschlechtert. Das gilt besonders für Regionen, die wir zuvor für vergleichsweise sicher hielten, im Norden Afghanistans und Kabul selbst. Die Hauptstadt ist heute einer der gefährlichsten Orte des Landes mit Blick auf die zivilen Opferzahlen. Anschläge gibt es kontinuierlich.

Unsicherheit in Afghanistan hat aber auch viele andere Gesichter: korrupte staatliche Sicherheitsorgane, private Milizen, zivile Tote auch durch Angriffe der westlichen Allianz und afghanischen Armee, Entführungen, Gewalt gegen Frauen sowie wirtschaftliche und soziale Not.

Was halten Sie von der deutschen Diskussion über die Frage, ob Afghanistan zumindest in Teilen sicher ist?

Etwa 40 Prozent des afghanischen Staatsgebietes werden von den Taliban und anderen Aufständischen kontrolliert oder umkämpft. Die Sicherheitslage ist stark im Fluss. Die Bedrohungen gerade für Zivilisten sind auch nicht durch bewusst vorsichtiges Verhalten eliminierbar. Wie gesagt: Wir mussten in den vergangenen Jahren schmerzlich lernen, dass auch Gebiete die wir für eher sicher hielten, es heute nicht mehr sind.

Wie sollte Deutschland mit Flüchtlingen aus Afghanistan umgehen?

Wir sollten vor allem ehrlich sein in der Diskussion. Afghanistan ist kein sicheres Land für Abschiebungen. Und wir sollten, das regen ja mittlerweile auch Arbeitgeberverbände und mittelständische Unternehmen an, darüber sprechen, ob man den Spurwechsel zwischen Asyl und Integrationsperspektive im Arbeitsleben wirklich so kategorisch ausschließen muss.

Dass die Bleibeperspektive von Geflüchteten momentan in keinem Zusammenhang zu ihrer Integrationsleistung steht, kann nicht in unserem Interesse sein.

Afghanistan hat nun 40 Jahre Krieg erlebt. Was muss passieren, damit hier irgendwann einmal Frieden und Wohlstand einkehren? Was kann man von außen tun, was muss das Land selbst tun?

Als internationale Gemeinschaft können wir die schwierigen Friedensprozesse in Afghanistan und seiner Nachbarschaft unterstützen. Das ist Teil der Verantwortung, die wir 2001 übernommen haben. Deutschland spielt hier eine wichtige Rolle. Geführt, gestaltet und letztlich entschieden werden, muss das Ende des Konfliktes aber von den Afghanen selbst.

Der jüngste dreitägige Waffenstillstand zwischen Regierung und Taliban zum Ende des Fastenmonats Ramadan macht etwas Mut. Zumindest hat er gezeigt, was möglich ist. Der Weg wird lang und schmerzhaft sein, für alle Seiten. Zunächst sollten wir aber erst einmal hoffen, dass die Parlamentswahlen im Oktober und die Präsidentschaftswahlen im kommenden Jahr nicht eine weitere Verschlechterung der Sicherheitslage bringen.

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