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Kommentar zur ZDF-„Affäre”

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Weinerliche Journalisten, unfähige Polizisten

Die Wirklichkeit und der Journalismus - in Sachsen sind das häufig schwierige Begegnungen.
Die Wirklichkeit und der Journalismus – in Sachsen sind das häufig schwierige Begegnungen.
Kay Nietfeld

Sachsen, Pegida – das zieht immer, bedient die gruseligen Klischees, die man halt so im Westen von Dunkeldeutschland pflegt. Unser Autor kann die Aufregung über die ZDF-„Affäre” nicht verstehen. Ein Kommentar.

Wenn in Sachsen etwas passiert, worüber man anderswo kaum ein Wort verlieren würde, gibt es gleich nationale Schlagzeilen. Neulich rief zum Beispiel aufgeregt ein Kollege bei uns in der Nordkurier-Hauptredaktion an, Polizisten wollten seine Kamera oder zumindest die Speicherkarte beschlagnahmen. Er hatte jemanden fotografiert, der das dann plötzlich nicht mehr wollte. Ich rief mit dem zweiten Apparat unseren Rechtsanwalt an, unser Reporter drückte den Polizisten sein Funktelefon in die Hand, der Anwalt stritt sich dann länger mit den Beamten herum, dann war der Fall erledigt.

Kurz gesagt: Fotografieren dürfen wir erst einmal fast alles, nur mit der Veröffentlichung ist es manchmal so eine Sache, aber dagegen kann man ja immer noch klagen. Man hätte aus dem Polizeieinsatz jedenfalls auch einen Skandal konstruieren können, von wegen Angriff auf die Pressefreiheit. Es waren aber nur zwei Streifenbeamte, die sich im Dschungel zwischen Kunsturhebergesetz, Landespressegesetz, allgemeinem Persönlichkeitsrecht, Versammlungsgesetz und Datenschutzgrundverordnung verheddert hatten.

Beim Nordkurier ruft auch schon mal ein wütender Minister an

Anderes Beispiel: Bei uns kann es vorkommen, dass ein wütender Minister bei einem Journalisten anruft und sich bitterlich darüber beklagt, dass er sich falsch dargestellt fühlt. Beim ZDF und speziell, wenn es ein sächsischer Minister wäre, würde man von Repression durch die Politik reden und Rücktritte fordern. Bei uns denkt man sich: Aha, ein unzufriedener Leser!

Gegen mich persönlich hat, anderes Beispiel, das zumindest damals in Teilen unfähige Polizeipräsidium in Neubrandenburg ein Ermittlungsverfahren eingeleitet, weil es ein Interview mit einem Rocker-Boss in den falschen Hals bekommen hatte. Ermittlungen! Gegen einen Journalisten! Einschüchterung, Anschlag auf die Pressefreiheit, Aufschrei! Ich habe mich dann aber überzeugen lassen, dass es nicht böse gemeint, sondern das Präsidium wie gesagt in Teilen einfach unfähig war.

Die einzigen, die hier Vorurteile haben, sind die Hauptstadtjournalisten

Behörden machen ständig Fehler, und wir berichten ja eigentlich wirklich gerne darüber, aber wenn es einen selbst betrifft, muss man nicht gleich so zimperlich sein. Aber nicht in Sachsen, die Hauptstadtjournalisten und die Öffentlich-Rechtlichen finden schon seit längerer Zeit, dass das ein ganz schlimmes Land ist. Aber was soll ich sagen: Ich war gerade dort, und ignorant, wie man als Hinterwäldler aus dem Nordosten nur sein kann, habe ich überhaupt nichts davon gemerkt.

Kommentare (1)

Der Unterschied zu Sachsen besteht darin, dass dort ein "verkappter", urlaubender LKA-Mitarbeiter glaubte die Pressefreiheit zu nötigen und auch noch juristischen Stuss in die Kamera blöken zu müssen. Ebenso war die anschliessende Arbeit der herbeigerufenen Polizisten äußerst zweifelhaft, da diese 2x höchstpersönlich die Journalisten überprüften, was sich auf gesamt 45 Minuten ausdehnte. Die Polizisten waren sicherlich mindestens verunsichert, dass der Anzeiger sich als LKA-Mann ausgab. Das ist aber kein Grund die Presseausweise 45 Minuten zu checken sondern im Zweifel Hilfe von Vorgesetzten telefonisch einzuholen, damit eben kein medialer Supergau passiert. Wäre noch interessanter, wenn sich herausstellt der Hütchenträger ist ein V-Mann in der Pegida.