#DORFKINDER

Wenn Dorfkinder mit Stadtkindern streiten

Das Agrarministerium will das Leben auf dem Dorf schöner reden, Viele beklagen, dass zu wenig ernsthaft verbessert wird. Nach zwei Tagen Debatte zeigt sich: Der Konflikt ist echt, die Klischees sind riesig.
Julia Klöckners "#Dorfkinder-"Kampagne hat ihr Ziel erreicht: Sie ist Gesprächsthema.
Julia Klöckners "#Dorfkinder-"Kampagne hat ihr Ziel erreicht: Sie ist Gesprächsthema. Sören Stache / Screenshot Twitter (@juliakloeckner)
Neubrandenburg.

Hübsche Bilder gegen miese Stimmung: Das dürfte die Strategie hinter der neuen Kampagne des Bundeslandwirtschaftsministeriums gewesen sein. Ministerin Julia Klöckner (CDU) hatte am Sonntag vier Bilder getwittert, die für das Leben auf dem Dorf werben sollten. Die Aktion steht unter dem Hashtag #Dorfkinder.

Auf den Bildern zu sehen sind glückliche Kinder, die auf einem Acker mit Öko-Strom herumexperimentieren. Kinder, die sich mit ihrer Fußballmannschaft über einen Sieg freuen, junge Feuerwehrleute beim Löschen und eine Gruppe etwas älterer Menschen vor einem scheinbaren Dorfladen. Die Botschaft: Die Menschen auf dem Land halten zusammen, das Leben dort ist lebenswert. „#Dorfkinder lenkt den Blick auf die Menschen, die Tag für Tag daran mitwirken, die Dörfer und Landgemeinden voranzubringen – mit Engagement, Ideen, Leidenschaft. #Dorfkinder bietet unseren Dörfern Motivation und neue Entwicklungsansätze”, heißt es vom Ministerium. Sie seien mit ihrer Region verbunden und stolz auf ihr Zuhause.

Wie das bei Social-Media-Kampagnen, vor allem wenn sie von Behörden losgetreten werden, so ist, ist der Spott erst einmal groß. Doch bei vielen Reaktionen zeigt sich schnell, dass die Sicht auf das Leben in Stadt und Land vor allem von Klischees geprägt ist. Viele Schreiben von vermeintlicher Perspektivlosigkeit, Langeweile, Rechtsextremismus, Probleme also, die es in größeren Städten angeblich nicht gebe. Das alles seien Gründe, warum so viele junge Menschen das Land verließen. So schlicht, so einfach.

Mit 13 besoffen auf dem Spielplatz

Andere Kommentatoren beklagen sich, dass das Ministerium mit seiner Kampagne ernsthafte Probleme ausblende. „Dorfkinder hängen mit 13 Jahren besoffen am Spielplatz ab, weil es keine Jugendzentren gibt”, heißt es auch auf Twitter. Oder: „Dorfkinder fragen, warum ihr Schwimmbad zugemacht wurde.”

„Dorfkinder sind abgefuckt, weil Julia Kloeckner außer einer netten Kampagne nichts für sie tut”, twittert Lilly Blaudszun. Die 18-jährige Jungsozialistin stammt aus einem Dorf bei Parchim und galt bereits für ein paar Tage als große Nachwuchshoffnung der SPD. Weiter schreibt sie: „Viele würden gerne bei sich zuhause aufm Dorf bleiben, das funktioniert aber einfach nicht. Fehlender ÖPNV + digitale Infrastruktur, fehlende Ausbildungsmöglichkeiten usw. Nette Pics, aber das Geld hätte sie auch in etwas stecken können, was Dorfkindern wirklich hilft.” Ob für die Defizite nun allein die CDU-Ministerin Klöckner verantwortlich ist, oder auch die Regierung von Mecklenburg-Vorpommern, wo seit 1998 die SPD an der Macht ist, sei nun dahingestellt.

In diese Kerbe schlagen viele: Schlechtes Internet, schlechte Busanbindung, keine Freizeitangebote. Die hübschen Bilder des Ministeriums könnten nicht davon ablenken, das die Infrastruktur auf dem Land deutlich schlechter als in den Städten sei. So viel ist bis hierhin klar: Das dürfte die eigentlichen Gründe dafür sein, dass die Städte seit Jahren wachsen und die Menschen das Dorfleben hinter sich lassen.

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Die Kampagne spaltet selbst

27.000 Tweets zum Hashtag „Dorfkinder” hat der dpa-Monitoringdienst Buzzrank bis Dienstagabend gezählt. Die Debatte ist also da, der Konflikt ist echt. „Danke für die Aufmerksamkeit, denn darum geht es uns: Die Dörfer ins Gespräch bringen“, twitterte das Ministerium mit Blick auf positive und negative Reaktionen. Man wolle Dorfkinder und ehrenamtlich Engagierte unterstützen, „um gemeinsam etwas zu verbessern“. Später hieß es noch nach einiger Kritik: „Was wir nicht wollen: Dorf vs. Stadt ausspielen“.

Die Frage ist nur, ob das gelingen kann, wenn die Kampagne genau damit beginnt: Menschen gezielt in zwei Gruppen (Stadt und Land) trennen. Auch Klöckners Ministerium arbeitet mit Klischees: Kann es Zusammenhalt und Gemeinschaft etwa nicht in Städten geben, nur weil sie keine Dörfer sind? „Ich hoffe, die Debatte ist ein Anstoß für uns alle, um bestehende Probleme auf dem Land anzugehen”, sagte Klöckner in einer ersten Reaktion. Ernsthafte Probleme haben aber andere aufgezeigt, nicht sie.

Immerhin hat das Ministerium mit #Dorfkinder einen Hashtag aufgegriffen, der schon seit Jahren in verschiedenen Netzwerken rege genutzt wird. Auf Instagram gibt es bereits allerlei Memes und Videos, die sich mit Traktoren, Äckern, Natur und auffällig viel Alkohol beschäftigen. Nun ist der Blick immerhin schon etwas differenzierter geworden.

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