JOURNALISMUS IN AFGHANISTAN

„Wenn du weiterarbeitest, bist du tot“

Der afghanische Journalist Hussain Sirat wird seit Jahren von den Taliban verfolgt. Er arbeitet im Untergrund und lebt getrennt von seiner Familie, die er an einem geheimen Ort versteckt hält. Bei einem Redaktionsbesuch in Neubrandenburg berichtete der 37-Jährige dem Nordkurier, warum er nach seinem kurzen Deutschland-Besuch trotzdem wieder in seine gefährliche Heimat fliegt.
Carsten Korfmacher Carsten Korfmacher
Als der afghanische Journalist Hussain Sirat den Nordkurier in Neubrandenburg besuchte, brachte er eine Ausgabe der Zeitung „8am“ mit, für die er unter anderem arbeitet.
Als der afghanische Journalist Hussain Sirat den Nordkurier in Neubrandenburg besuchte, brachte er eine Ausgabe der Zeitung „8am“ mit, für die er unter anderem arbeitet. Carsten Korfmacher
Kabul.

Sie sind Journalist in Afghanistan. Wie fühlt sich das an?

Momentan nicht so gut. Seit einigen Jahren muss ich Angst um mein Leben und um meine Familie haben. Aber ich weiß, warum ich das mache. Es gibt viel zu tun in meinem Heimatland und Journalisten wie ich sind in diesem Prozess sehr wichtig.

 

Afghanistan ist eine islamische Republik. Gibt es dort eigentlich Meinungs- und Pressefreiheit?

Offiziell ja. Seit dem Ende der Taliban-Herrschaft im Jahr 2001 haben sich mehr als 1000 Medien im Land gebildet, Zeitungen, Radio- und Fernsehsender, Magazine, politische Blogs und so weiter. Zehntausende Journalisten arbeiten hier. Doch die meisten von ihnen sind nicht frei in ihrer Berichterstattung, obwohl das Recht auf freie Meinungsäußerung genau so gesetzlich verankert ist wie die Pressefreiheit.

 

Wer schränkt diese Freiheiten ein?

Die Freiheiten werden auf verschiedene Arten eingeschränkt. Erstens sind da die Taliban und der Islamische Staat, die Journalisten und ihre Familien bedrohen, entführen und töten, wenn sie über Dinge berichten, die ihnen unlieb sind. Dann gibt es die ganzen Kriminellen: Warlords, Mafia, Drogendealer, Entführer. Die versuchen immer wieder, Journalisten und Politiker unter Druck zu setzen. Und der Staat selbst ist auch keine Hilfe.

 

Warum nicht?

Weil der Staat einfach zu schwach ist. Es gibt zu wenige Polizisten, die sich auch noch in einem Krieg mit den Taliban befinden. Und die Polizisten sind nicht gut genug ausgebildet, teilweise kennen sie nicht einmal die Gesetze und die Rechte eines Journalisten. Deshalb können wir Reporter nicht auf die Unterstützung der Polizei hoffen. Offiziell haben wir zwar bestimmte Rechte, doch in der Praxis werden diese nicht umgesetzt.

 

Erzählen Sie uns Ihre persönliche Geschichte. Wie kam es dazu, dass Sie sich heute verstecken müssen?

Ich bin 37 Jahre alt, verheiratet und Vater von fünf Kindern. Ich stamme aus Ghazni, einer Großstadt, die zwischen der Hauptstadt Kabul und Kandahar liegt. In Kabul habe ich Journalismus studiert und dann für diverse Medien gearbeitet, unter anderem für die größte afghanische Zeitung „8am“ und die Deutsche Welle. Ich habe mich sehr gefreut, meinem Land durch meine Arbeit etwas Gutes zu tun, für Demokratie und Menschenrechte einzustehen. Doch dann wurde es schnell gefährlich.

 

Inwiefern?

Es begann vor etwa fünf Jahren. Ich hatte einige Berichte über die Taliban gemacht, dass sie eine Schule geschlossen haben und generell Frauenrechte missachten. Eigentlich nichts Kontroverses. Doch irgendwann kam ich von der Arbeit und mein Auto war gestohlen. Und dann bekam ich einen Anruf: „Wenn du weiter arbeitest, bist du tot.“

 

Was haben Sie dann gemacht?

Ich habe das erst für einen Witz gehalten. Doch die Anrufe wurden mehr. Ich habe damals begonnen, für die Deutsche Welle zu arbeiten, das war ein weiterer Punkt. Die Leute sagten mir, dass ich ein Ungläubiger sei, weil ich mit Ausländern zusammenarbeite. Aber ich habe mich davon nicht abhalten lassen, sondern habe weiter die Texte gemacht, die ich für richtig hielt. Irgendwann habe ich dann einen Text gemacht, in dem ich die Selbstmordattentate als unislamisch bezeichnete. Das war das Schlimmste für die Taliban. Seitdem habe ich keine Ruhe mehr.

 

Sind Sie auch direkt angegriffen worden?

Natürlich, mitten auf der Straße. Zum Glück konnte ich fliehen. Ich bin mit meiner Familie mehrere Male umgezogen, jetzt leben wir gar nicht mehr zusammen, weil ich Angst habe, die Taliban zu ihnen zu führen. Ich habe meinen Namen geändert, die Telefonnummer geändert und ich schreibe oft nur noch unter Pseudonym. Die Polizei konnte mir nicht helfen und ich bin mir auch nicht sicher, wem ich in Afghanistan vertrauen kann. Meistens öffne ich mich nur anderen Journalisten. Bei denen weiß ich, dass sie mich nicht verraten.

 

Sie können also schon seit einigen Jahren kein normales Leben mehr leben. Warum haben Sie trotzdem immer weitergemacht?

Ich bin unendlich stolz darauf, Reporter zu sein. Journalismus ist in Afghanistan sehr wichtig. Bei uns leben viele ungebildete Menschen, die sich leicht von Radikalen oder Verbrechern instrumentalisieren lassen. Viele Leute wissen es einfach nicht besser. Doch die Medien haben es geschafft, das Denken der Menschen zumindest in den Städten zu befreien. Ob Kabul, Herat, Kandahar, Mazar oder Jalalabad – früher haben die Frauen in den Städten fast alle Burka getragen, heute gibt es viele, die sich westlich kleiden. Das ist auch unser Verdienst.

 

Sind die Medien in Afghanistan eher islamisch oder eher säkular?

Natürlich gibt es islamische Medien, doch die meisten sind säkular. In einer gewissen Weise sind die Medien progressiver als der Rest der Bevölkerung. Journalisten können aufklären und die Wahrheit auf die Straße bringen, so dass die Menschen frei entscheiden können, was sie denken oder wen sie wählen wollen. Demokratie basiert auf dem freien Austausch von Informationen, dieser Verantwortung sind sich die meisten Journalisten bewusst.

 

Wie kam es eigentlich, dass Sie nach Deutschland und in den Nordosten kamen?

Ich war bei einer Konferenz in Bonn, um dort über meine Erfahrungen in Afghanistan zu sprechen. Eine Organisation in Penkun hat mir beim Visum geholfen, weil es auf einmal sehr schnell gehen musste. Deswegen bin ich auch noch hier oben vorbeigekommen, um mich persönlich dafür zu bedanken. Insgesamt bin ich eine Woche in Deutschland.

 

Wie lange werden Sie diesen Job noch machen können?

Ich weiß es nicht. Als ich als Journalist begann, war ich voller Hoffnung, mein Land zum Besseren verändern zu können. Heute bin ich oft voller Angst und Zweifel und denke, dass ich erst einmal meine Familie und mich retten sollte.

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