Vermisste Rebecca.
Vermisste Rebecca. Christoph Soeder
Tag der vermissten Kinder

Wenn vermisste Kinder nicht zurückkommen

Obwohl die Polizei oft umfangreiche Fahndungen einleitet, werden manche vermissten Kinder nie wieder gefunden. Zum Glück ist das auch in MV die Ausnahme. Aber was tun, wenn das eigene Kind verschwunden ist?
Neubrandenburg

Inga. Rebecca. Maddie. Manuel. Und noch viele andere. Es sind Kinder und Jugendliche, die verschwunden sind und vermisst werden. Zum Tag der vermissten Kinder am Sonnabend rücken zahlreiche Fälle wieder ins Bewusstsein. Aber wie sieht es in Mecklenburg-Vorpommern aus?

In Neubrandenburg werden laut einer Pressesprecherin der Polizei aktuell keine Kinder seit einem längeren Zeitraum vermisst. Anders verhält es sich mit den sogenannten „Dauerausreißern”. Diese verschwinden immer wieder, kehren meist aber von alleine zurück.

Vermisste sofort melden

Zwar gibt es von ihnen in Neubrandenburg weniger als zehn, aber dennoch beschäftigen sie die Polizei enorm. „Es sind immer wieder die gleichen Namen," sagt die Sprecherin. Die Meisten von ihnen leben in sozialen Einrichtungen. Ihre Betreuer unterliegen einer strengen Aufsichtspflicht und müssen es sofort bei der Polizei melden, wenn die Kinder verschwunden sind.

Auch in Rostock kennt man das Problem mit den „Dauerausreißern”. Wie Yvonne Hanske, Pressesprecherin der Rostocker Polizei, sagt, gab es im Jahr 2018 insgesamt 1630 Vermisstenfälle, davon waren 525 Kinder unter 14 Jahren. Und 50 von denen wurden fünf Mal oder öfter als vermisst gemeldet. Wie in Neubrandenburg stammen die meisten aus sozialen Einrichtungen. „Für sie ist Abhauen teilweise schon eine Freizeitbeschäftigung. Andere wollen ihre Grenzen austesten," sagt Hanske. Dies bindet jedoch die Kräfte der Polizei, die dann andere Aufgaben nicht wahrnehmen könne.

Und auch für die Kinder sei das nicht ungefährlich. Laut Hanske sind sie oft sich selbst überlassen. Und kämen in diesem schutzlosen Bereich schnell in Situationen, in denen sie leicht selbst zum Opfer oder Täter werden können. Sie werden zum Beispiel von anderen geschlagen, begehen Ladendiebstahl oder ähnliches.

Fälle in ganz MV

In diesem Jahr wurden in ganz Mecklenburg-Vorpommern 1081 Kinder und Jugendliche (bis 17 Jahre) als vermisst gemeldet, teilt Diana Mehlberg vom Neubrandenburger Polizeipräsidium mit. 1043 davon wurden bis zum Freitag gefunden oder kehrten selbständigt zurück. Rein rechnerisch waren bis dahin also noch 38 abgängig. Dies sei laut Mehlberg, aber kein Grund zur Aufregung, denn die Zahlen würden sich stündlich verändern.

Die Polizei prüfe bei Vermisstenmeldungen immer die Brisanz des Falles. Ist der Vermisste ein „Dauerausreißer”? Gibt es außergewöhnliche Umstände oder Hinweise auf eine Gefahr? Auch die typischen Anlaufstellen des Gesuchten werden unter die Lupe genommen. Dies wird alles abgewogen, bevor die Polizei die Vermisstensuche öffentlich macht und um Unterstützung der Bevölkerung sowie der Medien bittet.

Rätsel um Jan Erstling

Meistens werden die Kinder schnell gefunden. Manchmal nicht. So wie Jan Erstling aus Ueckermünde. Seit dem 15. Dezember 2000 ist er verschwunden. Der damals 16-Jährige wäre jetzt 35 Jahre alt. Von seinem letzten Praktikumstag in einem Restaurant, zehn Fahrrad-Minuten vom Haus der Eltern entfernt, war er nicht zurück gekommen. Ein Fall also, der der Polizei bis heute Rätsel aufgibt.

Aber was tun, wenn das eigene Kind verschwunden ist? Die private Hamburger „Initiative vermisste Kinder” (http://www.vermisste-kinder.de) bietet unter der europaweit einheitlichen Hotline 116000 rund um die Uhr kostenlose Infos und Hilfe an.

Im Fall der Fälle gelten laut der Initiative folgende Regeln:

  • Erstatten Sie unverzüglich eine Vermisstenanzeige bei der Polizei.
  • Rufen Sie seine Freunde und andere Eltern an.
  • Achten Sie darauf, dass Ihr eigener Telefonanschluss für einen Anruf Ihres Kindes frei bleibt.Wenn Sie draußen suchen gehen, lassen Sie jemand anderen zuhause.
  • Keine Panik – Bleiben Sie ruhig und konzentriert.

Rebecca seit drei Monaten verschwunden

Für Eltern und Geschwister ist oft die Ungewissheit über das Schicksal des verschwundenen Kindes das Quälendste an der Situation. An Jahrestagen oder dem aktuellen Gedenktag wird das deutlich. „3 unerträgliche Monate”, schrieb die Schwester von Rebecca kürzlich im Internet zu einem gemeinsamen Foto der Schwestern.

Die 15-jährige Rebecca wurde zuletzt am 18. Februar im Haus der Schwester gesehen. Trotz wochenlanger aufwendiger Suche der Polizei in Waldgebieten und an Seen in Brandeburg blieb sie verschwunden. Die Polizei hält das Mädchen für tot und verdächtigt den Schwager.

Rebeccas Eltern schrieben in einem vom Sender RTL veröffentlichten Brief: „Wir sind verloren in unserer Angst und jeden Tag schwindet die Hoffnung, dich jemals wiederzusehen. Wir sind erstarrt in unserer Trauer.” Verzweifelt geht es weiter: „Wir stehen am Fenster starren hinaus und denken jetzt... Jetzt musst du doch kommen, doch stattdessen fahren die Autos ganz langsam an unserem Haus vorbei und schauen zu uns rüber... rüber zu Eltern, die trauern.”

Der Fall Rebecca ist außergewöhnlich, weil die Jugendliche nach Erkenntnissen der Polizei am Tag ihres Verschwindens nicht außerhalb des Hauses unterwegs war. Die meisten entführten Kinder und Jugendlichen werden von den Tätern an öffentlichen Orten abgepasst.

Landkarte der vermissten Kinder

Die fünfjährige Inga wollte im Mai 2015 beim Besuch eines abgelegenen Heims in Stendal mit anderen Kindern im Wald Holz suchen. „Von dort ist das Mädchen nicht zurückgekehrt”, schreibt die Polizei in Sachsen-Anhalt auf der Internetseite „www.woistinga.de”. Der vierjährige Aref verschwand im April 2016, nachdem seine Mutter ihn auf einem Spielplatz in Eschwege (Hessen) aus den Augen verlor.

48 Mädchen und Jungen, die möglicherweise entführt und ermordet wurden, hat die „Initiative Vermisste Kinder” auf einer Landkarte im Internet eingezeichnet und mit Informationen verlinkt. Die orangenen Punkte verteilen sich über ganz Deutschland. „Wir nehmen vor allem Fälle auf, bei denen sich Verwandte oder die Polizei an uns wenden”, sagt Lars Bruhns, dessen Mutter die Beratungs- und Anlaufstelle im Jahr 1997 gründete.

Wie beim zwölf Jahre alten Manuel Schadwald aus Berlin, der 1993 von zu Hause zu einem Freizeitzentrum wollte. Dort kam er nie an. Oder bei der zehnjährigen Hilal, die 1999 in Hamburg die Wohnung ihrer Eltern verließ und zuletzt in einem Einkaufszentrum gesehen wurde.

Fast 13.000 Fälle bundesweit

Wie viele Kinder weder lebendig noch tot gefunden wurden, ist nicht einfach zu klären. Jedes Jahr werden bundesweit viele tausend Menschen als vermisst gemeldet. 2018 waren es laut dem Bundeskriminalamt (BKA) allein 12.762 Fälle von Kindern, von denen rund 97 Prozent aufgeklärt wurden.

Übrig bleiben seit 1951 etwa 2000 ungeklärte Fälle vermisster Kinder in der Kategorie „Vermisste/Unbekannte Tote”. Mehr als die Hälfte davon sind laut BKA Ausreißer oder unbegleitete Flüchtlinge, die selbstständig unterwegs sind.

Bei dem verbleibenden Teil – einige Hundert bis knapp tausend Kindern – sei „zu befürchten, dass diese Opfer einer Straftat oder eines Unglücksfalls wurden (..) oder nicht mehr am Leben sind”. In fast 70 Jahren sind das also jedes Jahr bis zu 14 ungeklärte Fälle von Kindern bis 13 Jahren. Bei den Jugendlichen zwischen 14 und 17 Jahren liegt die Zahl noch höher.

Keine eindeutigen Jahresstatistiken

Bruhns von der Beratungsinitiative kritisiert, das BKA lege keine eindeutigen Jahresstatistiken vor. Überhaupt wäre bei akut vermissten Kindern ein schneller Alarm über ein Handy-Informationssystem wie „Katwarn” sinnvoll, in Nachbarländern sei das Standard. Auch die Betreuung der schockierten und traumatisierten Eltern sei in Deutschland „schlecht oder gar nicht organisiert”, sagte Bruhns, der sich persönlich in Berlin auch um Rebeccas Eltern kümmerte.

Große Chancen, vermisste Kinder und Jugendliche nach sehr langer Zeit noch lebend zu finden, sieht Bruhns nicht. „Das ist sehr unwahrscheinlich.” Letztlich sei aber das spurlose Verschwinden für alle Zeit der Ausnahmefall. Häufig finden Spaziergänger Jahre später eine Kinderleiche oder die Polizei stößt auf anderem Weg auf einen Täter. Der Vermisstenfall wird zum Mordfall.

Das gilt für bekannte Beispiele wie die neunjährige Peggy aus Bayern, die 2001 verschwand. 2016 wurden Teile ihres Skeletts in einem Wald in Thüringen gefunden. Obwohl es einen Verdächtigen gibt, ist der Fall noch nicht aufgeklärt.

Die Leiche der 14-jährigen Georgine aus Berlin, die 2006 verschwand, ist bis heute nicht gefunden worden. Die Polizei verhaftete aber 2018 einen mutmaßlichen Täter. Oder die beiden kleinen Jungen Elias und Mohamed, die im Sommer und Herbst 2015 in Potsdam und Berlin vermisst wurden. Der 32-jährige Täter wurde später mit Hilfe von Videoaufnahmen gefasst und verurteilt.

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