KOMMENTAR

Wer Bullerbü will, muss auch ackern

Am Rand der Internationalen Grünen Woche in Berlin mehren sich die Diskussionen darüber, ob die Landwirtschaft noch auf dem richtigen Weg ist. Unser Kommentator Jürgen Mladek zu Bio-Produkten und einer neuen Studie.
Jürgen Mladek Jürgen Mladek
Anlässlich der Grünen Woche in Berlin fand am Brandenburger Tor eine Demonstration unter dem Motto „Wir haben Agrarindustrie satt!” statt.
Anlässlich der Grünen Woche in Berlin fand am Brandenburger Tor eine Demonstration unter dem Motto „Wir haben Agrarindustrie satt!” statt. Ralf Hirschberger
Berlin.

Die Grünen haben in Deutschland derzeit je nach Umfrage Zustimmungswerte von rund 20 Prozent, bei Fleischprodukten liegt der Marktanteil von Bio-Erzeugnissen hartnäckig bei unter zwei Prozent. Soll heißen: Die Agrarwende, die so vehement im Namen von Klima-, Tier- und Umweltschutz gefordert wird, könnte eigentlich schon heute stattfinden.

Tut sie aber nicht, weil beim Geld das vorher noch so laute Gewissen häufig ziemlich kleinlaut wird. Und das ist vielleicht auch gut so. Denn eine neue Studie*, über die in den Medien leider so gut wie nicht berichtet wird, zeigt, dass Bioproduktion längst nicht so gut für den Planeten ist, wie das unentwegt behauptet wird.

Studie zur Bio-Landwirtschaft

Weil bei Bio die Ernten viel geringer ausfallen, braucht man für die Ernährung einer wachsenden Weltbevölkerung viel mehr Platz. Dafür müssen dann Wälder weichen, schlecht für den Kohlendioxidhaushalt und die Artenvielfalt. Diese Studie wurde in der renommierten Fachzeitschrift „Nature“ veröffentlicht und auch auf ihre Plausibilität überprüft.

Was die Demonstranten gegen die moderne Landwirtschaft ebenfalls vergessen: Wer Bullerbü will, muss auch ackern wie die Leute vom Katthult-Hof. Kleinbäuerliche Landwirtschaft mit viel Handarbeit sieht allerdings nur in den Bilderbüchern gut aus. Die dafür nötigen Arbeitskräfte an sieben Tagen die Woche sind aber heute schon in Deutschland beim besten Willen nicht zu finden.

*Die Ergebnisse der Studie wurden am 12. Dezember im Artikel „Assessing the efficiency of changes in land use for mitigating climate change” in der Zeitschrift Nature (volume 564, pages249–253 (2018) veröffentlicht. Autoren sind Timothy Searchinger, Princeton University, Stefan Wirsenius, Chalmers University of Technology, Tim Beringer, Humboldt-Universität zu Berlin und Patrice Dumas, CIRED.

Hintergrund:

Auf der Grünen Woche in Berlin präsentieren sich bis zum 27. Januar 1750 Aussteller aus 61 Ländern. Mecklenburg-Vorpommern ist zum 29. Mal dabei, hat seit 20 Jahren eine eigene Länderhalle und es 2019 zum ersten Mal geschafft, Unternehmen aus allen sechs Landkreisen an den Start zu bringen.

Ein Bündnis von Öko-Konzernen, Tier- und Umweltschützern hatte unter dem Motto „Wir haben Agrarindustrie satt!“ zu einer Demonstration für eine andere Agrarpolitik aufgerufen. Angeführt von rund
170 Traktoren zogen am Samstag nach Veranstalterangaben gut 35.000 Menschen für eine Wende zu mehr Umwelt- und Tierschutz durch das Berliner Regierungsviertel. Die Polizei hatte allerdings weniger als die angemeldeten 12.000 Teilnehmer gezählt. Der Agrarminister-Konferenz übergab eine Delegation eine Protestnote. Darin hieß es, dass „bäuerliche Arbeit auf den Äckern und Feldern und in den Ställen etwas sehr Wertvolles und vor allem Schützenswertes“ sei.

Das Bündnis fordert auch für die Verhandlungen zur künftigen EU-Agrarfinanzierung mehr Klima- und Naturschutz, mehr Unterstützung für kleinere Höfe und artgerechte Tierhaltung. Eine Landwirtin aus dem niedersächsischen Wendland sagte: „Die Agrarindustrie lässt uns kleine Bauern wegsterben.“ Ihre Familie müsse jedes Jahr gucken, wie es weitergehe. Grünen-Chef Robert Habeck rief auf, bewusst einzukaufen: „Wir müssen wegkommen von diesem ,Wir stopfen uns noch schnell Kalorien rein, und es ist egal, wie sie entstanden sind‘“, forderte er.

Bundesagrarministerin Klöckner wandte sich mit Blick auf die Demonstration gegen Polarisierungen. Es sei eine Herausforderung, die wachsende Weltbevölkerung zu ernähren. „Wir werden sie nicht satt machen mit einem Teilausstieg aus der landwirtschaftlichen Produktion.“ Es komme auf eine nachhaltigere, effizientere und umweltgerechtere Produktion an. „Wir brauchen den Landwirt“, betonte sie.

Stadt. Land. Klassik! - Konzert in Berlin

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Kommentare (1)

Mal wieder ein typischer Mladek: verzerrend, faktisch falsch und
eindimensional. Ganz offensichtlich haben Sie die Original-Studie nicht
gelesen. Dort wird ausschließlich die Treibhausgas-Belastung bei
unterschiedlichen Böden, Bodennutzungsarten in unterschiedlichen
Klimazonen untersucht. Der Vergleich bio zu konventionellem Anbau
beruhte auf genau einem Vergleich: der Anbau von Erbsen und Weizen in
Schweden. Themen wie
Biodiversität, Gesundheit, Wasserreinheit und -verbrauch waren gar kein
Thema in der Studie. Und daraus zieht Mladek solche dreisten Schlüsse?
Darüber hinaus unterschlägt er das riesige Problem des
Lebensmittelabfalls: 60% der Lebensmittel gehen schon auf dem Weg vom
Produzenten zum Großverbraucher verloren, ein weiterer Anteil wird von
den Endverbrauchern weggeworfen. 80% der EU-Landwirtschaftssubventionen
gehen an 20% der Betriebe (v.a. agrarindustrielle Großbetriebe), die
damit Überproduktion betreiben, Böden und Wasser überdüngen, Wildbienen
vergiften und die kleinen Konkurrenten in den Konkurs treiben. Gegen all
diese Fehlentwicklungen protestieren die 35000 Menschen. Die Zukunft der
Landwirtschaft liegt nicht in Bullerbü, sondern in kleineren und
mittleren Betrieben mit teil-maschineller Unterstützung - die wenigsten
werden wie vor 50-100 Jahren wirtschaften wollen oder können. Auch da
malt Mladek ein Horrorbild. Und schließlich liegt die Zukunft der
Ernährung, neben weniger Verlusten und nachhaltigem Anbau, v.a. in
weniger Fleisch und Milch (oder entsprechende Substitute), was wiederum
zu besserer Flächennutzung und damit weniger Treibhausgasen führt. Also,
bitte nicht weiter mladekisieren, sondern Mut zur Wahrheit!