Kommentar

Wer tickt hier eigentlich anders?

Der Ostbeauftragte Marco Wanderwitz hat Ostdeutschen attestiert, politik-kritischer zu sein und „anders zu ticken”. Dabei ist eigentlich der Westen exotisch, meint unser Autor.
Mehr als 30 Jahre seit der Wiedervereinigung klaffen immer noch Lücken zwischen Ost und West: wirtschaftlich, politisch u
Mehr als 30 Jahre seit der Wiedervereinigung klaffen immer noch Lücken zwischen Ost und West: wirtschaftlich, politisch und gesellschaftlich. Rainer Jensen
Neubrandenburg

Marco Wanderwitz unterliegt einer eigentlich für Westdeutsche typischen Perspektivverzerrung. Der Osten ist nämlich nicht generell politik-kritischer, wie Wanderwitz glaubt, sondern kritischer bezüglich der Politik, die in weiten Teilen Westdeutschlands als Grundkonsens betrachtet wird, nämlich eine Politik, die eine maximal offene und diverse Gesellschaft als Leitbild postuliert.

Der Anteil der Bürger, der dieses Leitbild nicht teilt, ist im Osten tatsächlich deutlich größer als im Westen. Die Frage ist nur: Wer ist hier der Exot? Betrachtet man nämlich die gesamte westliche Welt, dann ist eher Westdeutschland die Anomalie, nicht Ostdeutschland. USA, Großbritannien, Frankreich, Österreich, Italien, Ungarn, Polen, selbst Dänemark oder Schweden – in nahezu allen Ländern des Westens hat sich ein Lager aus national eingestellten Bürgern gebildet, das Globalisierung, Einwanderung und einer bedingungslosen Öffnung der Gesellschaft skeptisch gegenübersteht.

Diskussion geht an Kernfragen komplett vorbei

Das kann man jetzt gut finden oder schlecht. Fakt ist aber, dass dies die gesamte Diskussion um die Frage, warum die Ostdeutschen so ticken, wie sie ticken, ad absurdum führt. Denn all diesen Erklärungsmodellen liegt immer auch die Hoffnung zugrunde, ein wirksames Antibiotikum gegen die „ostdeutsche Krankheit” zu finden. An den Kernfragen geht diese Diskussion aber komplett vorbei.

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Und diese lauten: Wie gehen wir als Gesellschaft gemeinsam in eine Zukunft, die völlig neue Herausforderungen mit sich bringt? Wie bauen wir Brücken zwischen Lagern, die grundverschiedene Einstellungen bezüglich unseres Zusammenlebens haben? Und mit welcher Geschwindigkeit bringen wir Veränderungen voran, damit wir nicht zu viele Menschen auf dem Weg verlieren? Denn eines ist gewiss, das zeigen alle westlichen Gesellschaften außerhalb Deutschlands: Eine kulturelle Annexion wie seit der Wiedervereinigung wird es in Bezug auf diese Fragen nicht geben.

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