Lars Kaderali ist Bioinformatiker an der Universität Greifswald und berät als Mitglied eines Expertenrats die Bundes
Lars Kaderali ist Bioinformatiker an der Universität Greifswald und berät als Mitglied eines Expertenrats die Bundesregierung auf der Grundlage aktueller wissenschaftlicher Erkenntnisse zur Corona-Pandemie. Jens Büttner
Covid-19

Wie ein Regierungsberater die künftige Corona-Entwicklung sieht

Sommerwelle, Mutationen und neue Regeln: Ein Experte der Bundesregierung bewertet die Corona-Lage und kritisiert mit Blick auf den Herbst die Haltung eines Ministers.
Greifswald

Welche Corona-Schutzmaßnahmen sind im Herbst nötig? Was muss dafür in einer Neuauflage des Infektionsschutzgesetzes geregelt werden? Die Antworten von Bundesjustizminister Marco Buschmann (FDP) auf diese Fragen lautet aktuell: Abwarten. Diese Haltung begründet er mit Wissenschaft.

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Demnach soll eine Gruppe von Experten Ende des Monats eine Auswertung der bisherigen Corona-Maßnahmen vorlegen, die Aufschluss darüber geben soll, welche Regeln im Umgang mit dem Coronavirus sinnvoll sind.

Widerspruch erntet Buschmann dafür ausgerechnet aus der Wissenschaft. So findet Lars Kaderali, Bioinformatiker von der Universität Greifswald und Mitglied des Corona-Expertenrats der Bundesregierung, diese Vorgehensweise „unverständlich”. Denn die aktuell laufende Überprüfung der bisherigen Maßnahmen sei „ein Rückblick auf eine völlig andere Situation”, so der Wissenschaftler.

Kaderali bezieht sich dabei etwa auf einen geringeren Immunisierungsgrad in der Bevölkerung zu Beginn des Herbstes im vergangenen Jahr. Die Impfquote war zu dem Zeitpunkt deutlich niedriger und weniger Menschen hatten eine Corona-Infektion überstanden, die eine Bildung von Anti-Körpern mit sich bringt.

Deutlich höhere Dunkelziffer der Corona-Infektionen

Zudem zirkulierte im Herbst 2021 hauptsächlich die Delta-Variante des Coronavirus, die bei Infizierten häufig zu deutlich schwereren Krankheitsverläufen geführt hat als die aktuell vorherrschenden Typen mit der Bezeichnung BA4 und BA5.

Diese neuen Varianten seien viel ansteckender, was laut Kaderali auch eine Ursache für die aktuell steigenden Infektionszahlen ist und für einen weiteren Anstieg im Verlauf des Sommers führen kann. Das Landesamt für Gesundheit und Soziales hat Donnerstag eine Corona-Inzidenz von 491,2 in MV gemeldet und 1570 Neuinfektionen registriert.

Kaderali geht aber von einer viel höheren Dunkelziffer aus. „Es könnten drei bis vier mal mehr Fälle sein als gemeldet”, sagt er. Eine wirkliche Prognose zur sommerlichen Entwicklung der Infektionszahlen sei daher nicht möglich. „Für Aussagen zur Höhe der Sommerwelle ist Wissen über Antikörper in der Bevölkerung entscheidend. Und dieses Wissen haben wir nicht.”

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Ein weiterer Grund für die steigenden Werte seien die zurückgenommenen Corona-Regeln, die beispielsweise wieder das Zusammentreffen vieler Menschen ermöglicht. Anders als manch einer vielleicht annimmt, spielen die dank des Neun-Euro-Tickets vollen Züge aus Sicht des Experten dabei kaum eine Rolle. Kaderali, der nach eigenen Angaben erst am Dienstag mit der Regionalbahn unterwegs war, sagt zu der Ansteckungsgefahr im Öffentlichen Nahverkehr, wo in weiten Teilen noch immer eine Maskenpflicht gilt: „Ich halte das Risiko für vertretbar.” Bei privaten Veranstaltungen in Innenräumen ohne Maske, sei eine Ansteckung wahrscheinlicher.

Wegen milderen Krankheitsverläufen bei einer Ansteckung mit BA4 und BA5 erwartet der Corona-Experte keine Zunahme der Patientenzahlen in den kommenden Wochen. „Insofern bin ich nicht beunruhigt”, so der Bioinformatiker mit Blick auf den Sommer, betont aber, dass für Angehörige von Risikogruppen nach wie vor mehr Vorsicht angebracht ist.

Stillschweigender Strategiewechsel im Umgang mit Corona

Ob die momentanen Varianten auch im Herbst vorherrschend sein werden, ist fraglich. Je mehr Neuansteckungen es im Sommer gibt, desto wahrscheinlicher sind offenbar neue Mutationen. Kaderali vergleicht die Situation zur Veranschaulichung mit dem Abschreiben eines Textes. „Wenn viel kopiert wird, kommt es auch zu vielen Fehlern”, erläutert er. Bezogen auf das Coronavirus drücken sich diese „Kopierfehler” in verändertem Erbgut aus, die neue Mutationen hervorrufen.

Welche Art von Krankheitsverläufen künftig vorherrschende Varianten hervorrufen werden, sollte sich nach Meinung des Bioinformatikers auch in den Regeln für den Herbst widerspiegeln. „Wenn wir Glück haben, bleibt es bei Varianten ähnlich zu Omikron und wir benötigen wenige und milde Maßnahmen”, so Kaderali. Bei Mutationen, die zu schweren Krankheitsverläufen führen, brauche es im Umkehrschluss strengere Regeln.

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Mit Blick auf ein überarbeitetes Infektionsschutzgesetz hofft er auf eine Fortsetzung der Strategie, die im Zuge der Omikron-Welle immer mehr zum Tragen gekommen sei. „Stillschweigend” habe es einen „Paradigmenwechsel vom Versuch der Eindämmung zur Konzentration auf Erkrankte mit schweren Verläufen” gegeben. Darüber hinaus stellt er eine konkrete Forderung an die Neuregelungen: „Wichtig ist, dass das neue Infektionsschutzgesetz die Möglichkeit bietet, regional zu reagieren, wenn es nötig wird.”

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Kommentare (1)

Was beunruhigt den Experten Kaderali? Das Menschen mal an einem Virus für paar Tage erkranken? Hat ihn das vor 2020 auch schon schlaflose Nächte bereitet? Ich empfehle Klaus Stöhr zu kontaktieren, der den Unterschied zwischen Pandemie und Endemie erklären kann. Das scheint ein Praktiker zu sein, während Kaderali Zahlen durch den Computer jagt und absurde Krisen herbeirechnen möchte. Passend zum Corona-Thema die heute verkündete Abschaffung der Corona-Impfpflicht in Österreich, die vom dortigen Gesundheitsministerium so begründet wurde, dass man aus dem Krisenmodus raus und mit dem Virus leben müsse.