MESSUNG IN BERLIN

Wie hilfreich ist Tempo 30 für die Umwelt?

Auf einer der verkehrsreichsten Straßen Berlins wurde Tempo 30 eingeführt, um die Umwelt zu schonen. Doch erste Ergebnisse lassen jetzt aufhorchen.
Andreas Becker Andreas Becker
Versuchsobjekt Leipziger Straße: Dort gilt seit April 2018 Tempo 30.  Foto: Michael Kappeler
Versuchsobjekt Leipziger Straße: Dort gilt seit April 2018 Tempo 30. Foto: Michael Kappeler Michael Kappeler
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Berlin.

Was bringt Tempo 30? In Bezug auf die Umwelt: offensichtlich nicht viel. Beispiel Leipziger Straße in Berlin-Mitte, einer der Hotspots im Verkehr der Hauptstadt in unmittelbarer Nähe des Potsdamer Platzes und des Regierungsviertels. Nach einem Bericht des Tagesspiegels wurde der EU-Grenzwert für den Ausstoß von Stickstoffoxid (NO2) seit Versuchsstart im April diesen Jahres nur in einem Monat unterschritten. Für die Verkehrsverwaltung steht deshalb fest: „Am Standort des Messbusses kann der NO2-Grenzwert von 40 Mikrogramm pro Kubikmeter (NO2 µg/m³) nicht mehr eingehalten werden“, schreibt der Tagesspiegel.

Auch eine Analyse einzelner Tage im Stundenverlauf auf Basis der Senatsdaten für Stickstoffdioxid lässt an der unmittelbaren Wirksamkeit des Tempolimits zweifeln. Ein Vergleich: Am 9. Dezember, einem verkaufsoffenen Sonntag mit relativ viel Verkehr, wurde an 23 Stunden der Grenzwert unterschritten. Lediglich um 17 Uhr wurden 40 Mikrogramm pro Kubikmeter registriert. Das Verblüffende: Am Sonntag, 16. Dezember, einem Tag ohne Einkaufsverkehr, wurde der Grenzwerte dagegen nur an 14 Stunden unterschritten – ausgerechnet abends und nachts, wenn der Verkehr in der Regel nachlässt, lagen die Werte deutlich darüber.

Werte sinken ohne Verkehr nicht signifikant

Auch die Analyse des 13. Oktobers ist mehr als erstaunlich – an diesem Tag zogen fast eine Viertelmillion Teilnehmer der „Unteilbar“-Demo durch die Leipziger Straße. Zur Hoch-Zeit der Demo am frühen Nachmittag war in der Leipziger Straße für Autos kein Platz. Und der umweltpolitische Verlauf der Veranstaltung, gemessen in NO2 µg/m³? 77 um 14 Uhr, 30 um 15 Uhr, 28 um 16 Uhr, 66 um 17 Uhr und 103 um 18 Uhr. Die µg/m³-Delle ist klar zu erkennen. Aber: Die Werte sanken komplett ohne Verkehr nicht signifikant unter die zeitgleichen Werte des verkaufsoffenen Sonntag am 9. Dezember, und sie lagen sogar weitaus höher als die zeitgleichen Werte vom Sonnabend darauf (20. Oktober), heißt es im Tagesspiegel.

Spitzfindiges, vorläufiges Fazit: Entweder die Messstation ist kaputt – oder die automatische „Wenn-dann“-Rechnung (Viel Autoverkehr gleich viel Stickstoffdioxid-Ausstoß, wenig Autoverkehr gleich wenig Stickstoffdioxid) geht nicht auf.

Panikmache im Grenzwert-Streit nicht angebracht

Allerdings: Bereits im Februar 2018 hatte der Präsident der Deutschen Gesellschaft für Arbeits- und Umweltmedizin, Hans Drexler, in der Ärztezeitung vor Panikmache im Streit um Grenzwerte und Diesel-Fahrverbote gewarnt. „Auch bei 100 Mikrogramm NO2 sehen wir noch keinen Effekt, der krank machen kann“, sagte der Erlangener Professor.

Wenn Politik und Gesellschaft Grenzwerte mit Sicherheitsfaktor haben wollten, sei das eine gesellschaftliche Entscheidung, ergänzte Drexler seinerzeit. Er kritisierte Aussagen, wonach NO2 in Deutschland jährlich 12.860 vorzeitige Todesfälle verursache: „Durch Berechnungen von Stickoxid auf Tote zu schließen, ist wissenschaftlich unseriös.“

 

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Kommentare (1)

Das einzige, wovon ich beim Thema Schadstoffausstoß überzeugt bin, ist meine Vermutung, daß fast alle Politiker quer durch alle Parteien längst ihre Grenzwerte überschritten haben.