Kommentar zur Diesel-Studie

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Wie praktisch, dass Tote schweigen

Was diese Demonstrantin mit dem Schriftzug auf ihrer Atemschutzmaske (Diesel-Abgase töten) zum Ausdruck bringt, ist für Autor Jürgen Mladek Teil eines ideologischen Feldzugs.
Was diese Demonstrantin mit dem Schriftzug auf ihrer Atemschutzmaske (Diesel-Abgase töten) zum Ausdruck bringt, ist für Autor Jürgen Mladek Teil eines ideologischen Feldzugs.
Kay Nietfeld

Dürfen Städte Dieselautos aussperren, um die Luft sauber zu kriegen? Darüber entscheidet heute die Justiz. Neue Zahlen über die Gesundheitsfolgen von Abgasen zeigen, wie brisant das Thema ist – und wie umstritten die Zahlen sind, meint Nordkurier-Vize-Chefredakteur Jürgen Mladek.

Jetzt sind es also plötzlich 6000 Tote, die der Diesel auf dem Gewissen hat, letztes Jahr waren es noch 10.000 Tote, in zwei Monaten wird wieder etwas anderes behauptet. Noch seltsamer, als die immer neuen Zahlen, die in die Diesel-Debatte geworfen werden, ist aber ein anderer Punkt: Nicht eine einzige Patientenakte wurde bisher veröffentlicht, nicht ein einziger behandelnder Arzt oder Pathologe brachte einen konkreten Fall von „Tod durch Stickoxide” an die Öffentlichkeit.

Professor. Dr. med. Helmut Greim, zuletzt Leiter des Instituts für Toxikologie und Umwelthygiene der TU München, meinte, dass man als Anwohner selbst einer extrem stark befahrenen Berliner Hauptstraße kaum mit gesundheitlichen Folgen rechnen müsse, vom Sterben gar nicht zu reden. Zumindest, wenn man nur auf die Stickoxide schaut.

"Grundsätzlich haben sich die Sachverständigen übereinstimmend dazu geäußert, dass sich aus der isolierten Betrachtung einzelner Schadstoffkonzentrationen keine eindeutigen Bezüge zu gesundheitsschädlichen Effekten herstellen lassen. Es sei stets das Schadstoffgemisch zu betrachten und in Beziehung zu regionalen und sozialen Faktoren zu setzen", heißt es zudem im Untersuchungsausschuss-Abschlussbericht des Bundestages zur Diesel-Affäre.

Belastung der Luft durch Stickoxide um 60 Prozent gesunken

Schädlicher könnte da eher die Armut sein, die einen in so eine Wohnung direkt an der Hauptstraße geführt hat. Denn die Wohlhabenden, die sich Fitness-Clubs, gesunde Ernährung und Activity-Urlaube leisten können, die wohnen in den besseren Vierteln. Arme aber, das ist belegt, rauchen mehr, trinken mehr Alkohol, ernähren sich schlechter.

Das sind laut Weltgesundheitsorganisation auch die drei allergrößten Risiken für die Gesundheit. Umwelteinflüsse werden dort nur ganz am Rand als gesundheitsbedrohende Faktoren genannt. In Deutschland aber verengt sich die Diskussion jetzt auf Stickoxide, obwohl in den vergangenen 25 Jahren die Luftbelastung bei Stickoxiden um 60 Prozent gesunken ist.

Und obwohl in Mecklenburg-Vorpommern, wo die Luft in ganz Deutschland nachweislich am besten ist, die Lebenserwartung deutlich geringer ist als in den schlimmsten Abgasorten der Republik, nämlich in Stuttgart und München. Solche Erwägungen aber blendet die „Studie” des Umweltbundesamtes komplett aus.

Dennoch: Natürlich atmet niemand gerne Abgase ein, gesund kann das ja nicht sein. Aber eine imaginierte Totenarmee dagegen aufzubieten, klingt nicht nach Wissenschaft, sondern nach einem ideologischen Feldzug.

Anmerkung der Redaktion: Eine frühere Version dieses Beitrags enthielt eine Passage mit einer Aussage der Direktorin des Instituts für Epidemiologie am Helmholtz Zentrum München. Da es uns nicht möglich ist, die Quelle dieser Aussage zu verifizieren, haben wir die entsprechende Passage entfernt.

Vor Urteil zu Fahrverboten: Studie belegt Folgen von Diesel-Abgasen

Vor der Verhandlung über mögliche Diesel-Fahrverbote am Bundesverwaltungsgericht belegt eine amtliche Untersuchung die Gefahr von Diesel-Abgasen für die Gesundheit. Rund 6000 Menschen in Deutschland sterben dem Umweltbundesamt (UBA) zufolge pro Jahr vorzeitig an Herz-Kreislauf-Erkrankungen, die von Stickstoffdioxid ausgelöst werden. In Städten stammt das Gas hauptsächlich aus Dieselabgasen. Der Studie zufolge kann NO2 über einen längeren Zeitraum schon in geringen Konzentrationen schwere Folgen haben. Zuerst hatte das ARD-Politmagazin «Report Mainz» darüber berichtet.

An diesem Donnerstag beschäftigt sich das Bundesverwaltungsgericht in Leipzig mit der Frage, ob Fahrverbote für Dieselautos zulässig sind, um die Stadtluft sauberer zu bekommen. Der Jahresmittel-Grenzwert der EU liegt bei 40 Mikrogramm pro Kubikmeter Luft. Die Studie zeigt aber, dass schon eine längere Stickstoffdioxid-Konzentration ab 10 Mikrogramm zu Erkrankungen und vorzeitigen Todesfällen führen kann. Solche Konzentrationen kämen auch in ländlichen Gebieten vor. In Innenstädten sind die Werte teils um ein Vielfaches höher.

Das Umweltbundesamt, dass zum Bundesumweltministerium gehört, will die Analyse Anfang März der Öffentlichkeit offiziell vorstellen. Demnach waren im Jahr 2014 rund 6000 vorzeitige Todesfälle allein auf Herz-Kreislauf-Erkrankungen zurückzuführen, die durch NO2 ausgelöst wurden. Wissenschaftler gehen demnach davon aus, dass auch Schlaganfälle, Lungenerkrankungen wie Asthma oder COPD sowie Diabetes durch Stickstoffdioxid ausgelöst oder verschlimmert werden können.

Für die Studie wurden laut UBA zahlreiche andere wissenschaftliche Untersuchungen ausgewertet. Das Amt hat nach eigenen Angaben dabei nur solche Krankheiten berücksichtigt, bei denen statistische Zusammenhänge mit NO2-Belastungen verlässlich nachgewiesen sind. Die EU, die etwas anders rechnet, geht von mehr als 10.000 vorzeitigen Todesfällen als Folge von NO2 in Deutschland aus.