Aus dem Netz gefischt

Wie rechte Netzwerke auf Instagram erfolgreich sind

Zwischen den vielen Likes und Hashtags tauchen plötzlich Nazi-Symbole auf. Rechtsextreme Gruppen sind auf Instagram erfolgreich, weil sie wissen, wie das Netzwerk funktioniert.
Eine Recherche zeigt, wie sich auf Instagram Rechtsradikale vernetzen.
Eine Recherche zeigt, wie sich auf Instagram Rechtsradikale vernetzen. NK-Grafik
Neuland

Unschuldiger geht es gar nicht: Das Bild zeigt ein kleines Baby, wie es in seinem Deckchen umwickelt friedlich in einer Wiege schläft. Rund herum liegt Spielzeug: Ein hölzernes Schwert, ein kleiner Plüschwolf. Mehr als 600 Nutzern gefällt das und vielleicht hat nicht jeder beim flüchtigen Scrollen über Instagram ein weiteres wichtiges Detail auf diesem niedlichen Babyfoto bemerkt: Rechts neben dem Kopf des Babys liegt ein kleines dekoratives Stück aus Holz.

Es stellt eine Schwarze Sonne (oder auch ein Sonnenrad) dar. Das Symbol ist seit Jahren ein bekanntes Erkennungszeichen der rechtsextremen Szene. Es besteht aus mehreren übereinanderliegenden Hakenkreuzen. Das Symbol erinnert an ein bekanntes SS-Ornament. Wer das Symbol erkennt, kann auch die Kommentare neben dem Foto besser verstehen. Das Baby sei ein „Kämpfer“, schreibt da jemand. In einigen Jahren werde es bereit für die „Frühlingsangriffe“ sein.

Auch die Hashtags sind mehrdeutig. Neben #baby, #geburt oder #kind tauchen auch #volk, #kampf oder #schicksal auf. Mit dem niedlichen Foto eines Kleinkindes soll unterschwellig Neonazi-Rhetorik verbreitet werden. „Willkommen auf der dunklen Seite Instagrams”, schreiben dazu Journalisten des Recherche-Verbundes „Correctiv”. Sie haben sich monatelang in der Szene umgesehen und geguckt, wie Rechtsextreme versuchen, auf Instagram ihre Ideen zu verbreiten. Sie haben mit Experten und Funktionären gesprochen und ihre Recherche-Ergebnisse auf ihrer Seite veröffentlicht.

Hier könnt ihr den kompletten Artikel von Correctiv lesen.

Instagram gibt sich harmlos und unpolitisch

„Das Gefährliche daran ist, dass Instagram als bunte und unpolitische, harmlose Plattform wahrgenommen wird und dementsprechend auch die Inhalte meistens interpretiert werden”, sagte dazu Arne Steinberg, einer freier Journalist, der an dem Projekt beteiligt war, in einem Interview mit dem rbb. „Das wissen die Personen aus der rechten bis rechtsextremen Szene und nutzen genau diese Ästhetik aus und platzieren dann ihre politische Botschaft ganz dezent in einem Foto, bei dem man eigentlich auf den ersten Blick denken würde: das ist harmlos.”

Man muss also genauer hinsehen, so Steinberg, und in der Lage sein, die Codes zu entschlüsseln. Dann könne man verstehen, ob die Dinge wie bei dem Baby-Foto vielleicht bewusst platziert sind. Ziel solcher Accounts ist laut Steinberg: „Damit soll ein Prozess beginnen, der eine gewisse rechte bis rechtsextreme Weltsicht normalisieren sollen.”

Ziel sei es, so Steinberg, junge Menschen anzusprechen, die auf Instagram unterwegs sind. Über ihre Themen, die sie interessieren – sei es Sport, Musik oder Lifestyle – stoßen sie dann auf Accounts, die genau diese Themen aufgreifen, auf denen aber auch gleichzeitig rechte Themen platziert sind. „Immer wieder findet man darin Hass auf Geflüchtete und andere rechtspopulistische Inhalte, so dass sich für die Jugendlichen die Frage stellt, ob das jetzt die Realität ist, wie man damit umgehen und es interpretieren soll. Das ist eine große Herausforderung im Umgang mit Instagram.”

Die Journalisten von Correctiv hatten Instagram auf das Nazi-Babyfoto hingewiesen. Danach hatten die Betreiber es gelöscht, denn das Sonnenrad ist nach den Regeln der Plattform ein verbotenes Symbol.

Accounts bilden ein Netzwerk

Dennoch gibt es tausende Accounts, die rechte bis rechtsextreme Gedanken verbreiten. Manchmal subtil, manchmal offener, es sind Politiker, Modelabels oder Musiker, manchmal ist nicht klar, wer die Accounts betreibt. Allen ist gemein, dass sie gut wissen, wie Instagram funktioniert und mit welchen Fotos und Videos man dort Erfolg haben kann. Sie nutzen das Netzwerk so, wie es all die anderen professionellen Influencer tun.

Das ist also eigentlich noch nichts besonderes. Doch wenn man sich die Konten näher anschaut, dann zeigt sich, dass sie alle miteinander verbunden sind. Etwa, weil sie sich gegenseitig folgen oder untereinander Likes verteilen. Das hat eine Auswertung von Correctiv ergeben. So sind die die harmlos daher kommenden Verteiler von Babyfotos über Umwege auch mit offenen Neonazis verbunden.

Frauen als Aushängeschild

Correctiv hatte auch mit einer ehemalige Influencerin gesprochen, die in der rechtsextremen „Identitären Bewegung“ (IB) aktiv war. Sie sagte, dass die Organisation über Instagram aktiv neue Mitglieder rekrutieren will. „Die Frauen werden als Aushängeschild benutzt.”

Der Verfassungsschutz betrachtet die IB Deutschland als „gesichert rechtsextremistische Bestrebung“. Sie vertrete einen völkischen Staatsvolk-Begriff, der dem Grundgesetz widerspreche.

Auch ein Vorstandsmitglied der Jungen Alternative (JA) Berlin, der Jugendorganisation der AfD, bestätigte den Journalisten von „Correctiv“, dass der Landesverband mittlerweile die Hälfte seiner Neuzugänge über Instagram gewinne. Auf seinem eigenen Instagram-Account sind vor allem Frauen zu sehen, oft Mitglieder der AfD oder der JA. Die Junge Alternative wird vom Verfassungsschutz seit Januar 2019 als „Verdachtsfall” eingestuft und somit ebenfalls beobachtet.

Frauen bilden in der Szene laut Correctiv eine zentrale Rolle. Die Journalisten schreiben: „Sie bilden die Brücke von der vorgeblich unpolitischen Ästhetik auf Instagram in ein rechtes Weltbild und letztlich in rechtsextreme Kreise.” Schon in den 90er-Jahren war es so, dass Freuen auf Demonstrationen ganz vorne die Plakate getragen hatten, erläutert dazu Katrin Degen, die an der Universität Bamberg zum Thema „Gender und Sexualität in Social-Media-Diskursen der extremen Rechten“ promoviert. Die wenigen Frauen in der NPD habe man gezielt aufgefordert, sich in Schulräte wählen zu lassen. Auf Instagram setze sich diese Tradition fort, erklärt Degen: Frauen würden immer dort gezielt „vorgeschickt“, wo es gelte, die „Ideologie durch die Hintertür“ einzuführen.

Correctiv hat für die Recherche auch „Lisa Licentia” interviewt, die eigentlich Lisa H. heißt. Sie ist aus der rechten Szene ausgestiegen und tauchte kürzlich in einer großen Reportage bei ProSieben auf. „Ich als Frau würde niemals auf die Idee kommen, Kaiser-Marschmusik unter meine Bilder zu legen. Aber wenn ich das 20 Mal sehe, finde ich es lustig und mache es dann auch“, sagt sie. „Man hat ein Feindbild, und dieses Feindbild versucht man so nach und nach, immer tröpfelnd den Leuten einzuflößen.“

Heute nimmt die 27-Jährige nach eigener Aussage an einem Aussteigerprogramm für Rechtsextreme teil und möchte helfen, über die Szene aufzuklären. „Wenn gerade etwas wichtig ist, dann Instagram. Um das Netzwerk stabil zu halten und auch weiterhin zu füttern“, sagt Lisa H. Das Netzwerk bleibe unter sich, alle bekämen immer mehr vom selben zu sehen. „Eine andere Meinung kommt nicht rein.“

Unvereinbarkeit mit wem?

Eigentlich gibt es bei der AfD eine „Unvereinbarkeitsliste“: Mitglieder der AfD dürfen weder Teil der „Identitären Bewegung“ noch Mitglieder von Parteien wie der NPD sein. Auch die AfD-Spitze beteuert immer wieder, dass rechtsextremes Gedankengut keinen Platz in der Partei habe.

Die Recherchen von Correctiv zeigen, dass diverse AfD-Politikerinnen und Politiker diese geforderte Abgrenzung nicht ernst nehmen. Sie folgen auf Instagram unter anderem Aktivisten der IB. Auf Nachfrage heißt es dann oft, dass dies nur der Information diene. Und das stimmt natürlich auch: Ein Like bedeutet nicht automatisch Zustimmung in allen Punkten. Dennoch besteht eine Verbindung. Und Instagram schlägt einem weitere, ähnliche Accounts vor. Darauf angesprochen löschten einige Politiker zudem Postings, die sie etwa in Verbindung mit Modelabels aus der Szene brachten. Dieses Verhalten ist zumindest auffällig.

Gefangen in der Filterblase

Untersuchungen bei Facebook haben bereits gezeigt, dass sich in sozialen Netzwerken „Filterblasen” oder auch „Echokammern” bilden können. Ein Nutzer bekommt nur noch Profile angezeigt, die seinen Interessen entspricht, bis er nichts anderes mehr wahrnimmt. So gewöhnt er sich an diese Welt und blickt nicht mehr über den Tellerrand hinaus. Dieser Effekt führt dazu, dass Nutzer immer nur mehr von dem, was ihrem persönlichen Standpunkt entspricht, auch dem politischen.

„Eine der wichtigsten Funktionsmerkmale des Instagram-Algorithmus sind Vorschläge“, sagt dazu Carolina Are, Doktorandin an der Universität London, Sie forscht zu diesem Thema. „Wer viele Beiträge eines bestimmten Stils ‘liked’, wird immer mehr vom gleichen vorgeschlagen bekommen.“

Ein Effekt von Instagram ist auch, dass große Nähe hergestellt wird, wenn auch nur gefühlte Nähe. „Man hat das Gefühl, mit einer Person in Kontakt zu stehen, obwohl man sich gar nicht kennt. Darüber werden dann Gemeinsamkeiten geschaffen“, erläutert Rechtsextremismus-Forscher Maik Fielitz gegenüber "Correctiv".

Wichtige Hashtags

In der Recherche von Correctiv werden einige Hashtags genannt, die Hinweise auf rechtsextreme Accounts geben können.

So sind #DefendEurope, #MutzurWahrheit oder #Vaterland die drei beliebtesten Hashtags der rechten Szene auf Instagram. Sie werden auch zusammen mit Emojis verwendet, die die Flaggenfarben des Deutschen Reichs zeigen: schwarz, rot und gold.

#DefendEurope als Hashtag wird vorwiegend von der „Identitären Bewegung“ verwendet. „Durch die Verwendung solcher Erkennungszeichen sollen die Leute dazu aktiviert werden, sich zur Gruppe und den dahinterstehenden Ideen zu bekennen“, erklärt Fielitz. „Das geht dann schon einen Schritt weiter als bloße Sympathie. Das heißt konkret: Wenn du Teil sein willst, zeig’ es nach außen.“

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