Geheimagenten, Gas und Gemauschel
Windige Gerüchte um Nord Stream

Das Foto zeigt die symbolische Inbetriebnahme der ersten Nord-Stream-Pipeline in Lubmin im November 2011 mit vielen Ehrengästen, von denen einige in Hovsgaards Buch auftauchen.
Das Foto zeigt die symbolische Inbetriebnahme der ersten Nord-Stream-Pipeline in Lubmin im November 2011 mit vielen Ehrengästen, von denen einige in Hovsgaards Buch auftauchen.
Stefan Sauer

Gerüchte über die Pipelines in der Ostsee sorgen derzeit für Aufregung. Demnach existiert Nord Stream nur dank eines Ex-Stasi-Agenten und russlandfreundlicher SPD-Politiker. Was ist da dran?

Hat ein Netzwerk putinfreundlicher Sozialdemokraten das Pipeline-Projekt Nord Stream ermöglicht? In seinem kürzlich in Deutschland veröffentlichten Buch schildert der dänische Journalist Jens Hovsgaard, wie einflussreiche SPD-Politiker zur Verwirklichung der Ostsee-Gasleitung beigetragen haben sollen. Zudem spielte Hovsgaards Recherchen zufolge bereits beim Bau der ersten Nord-Stream-Röhre ein enger Freund und quasi ehemaliger Geheimagenten-Kollege Wladimir Putins eine entscheidende Rolle: Der frühere Stasi-Agent Matthias Warnig.

Er soll Spitzenpositionen in diversen staatlichen oder halbstaatlichen russischen Konzernen bekleiden, ist Geschäftsführer bei Nord Stream 2 und verfügt laut Hovsgaard über gute Kontakte zu Gerhard Schröder. „Warnig und Schröder rekrutierten über Jahre in Skandinavien, das entscheidend ist für die Pipelines, Berater, Ex-Politiker und Staatssekretäre als Berater und Experten für Nord Stream, Gazprom und andere Kreml-Firmen“, behauptet Hovsgaard in seinem Buch.

Warnig soll in einem Gespräch mit dem US-Botschafter in Moskau geprahlt haben, er verfüge über direkten Kontakt zu Präsident Putin und habe Unsummen in Europa dafür ausgegeben, um Zustimmungen für Nord Stream zu bekommen.

Gerhard Schröder lässt Anfrage unbeantwortet

Auf das Buch ist der so Gescholtene nicht gut zu sprechen: Die Publikation enthalte „eine Fülle von falschen Behauptungen“, ließ er dem Nordkurier auf Anfrage mitteilen. Das Gespräch mit dem US-Botschafter habe beispielsweise nie stattgefunden. Er behalte sich rechtliche Schritte vor. Altkanzler Gerhard Schröder ließ eine Anfrage, was er zu den Behauptungen des dänischen Journalisten sagt, am Freitag unbeantwortet

Ein weiterer Pipeline-Lobbyist aus den Reihen der SPD soll der ehemalige Bundestagsabgeordnete und aktuelle Honorarkonsul der Russischen Föderation in Hannover sein. Heino Wiese war Wahlkampfmanager für Gerhard Schröder sowie Sigmar Gabriel und hat laut Hovsgaard einen guten Draht sowohl zu Brandenburgs Ex-Ministerpräsident Matthias Platzeck als auch zum ehemaligen Regierungschef in Mecklenburg-Vorpommern, Erwin Sellering.

Beide SPD-Politiker haben nie einen Hehl aus ihrer Pro-Kreml-Haltung gemacht und sich in Zeiten von Russland-Sanktionen mehrfach für die Stärkung der Handelsbeziehungen nach Moskau eingesetzt. In MV hatte Sellering 2014 auf dem Höhepunkt der Ukraine-Krise sogar eigens den „Russlandtag“ eingeführt. Erfinder dieses Treffens für deutsche und russische Wirtschaftsvertreter soll aber, glaubt man Hovsgaard, Honorarkonsul Wiese sein. Einer der Ehrengäste beim Russlandtag 2018 war Matthias Platzeck.

Sellering: „Das Buch ist offenbar eine Kampfschrift“

Dass in Hovsgaards Buch der Eindruck erweckt wird, Brandenburgs ehemaliger Regierungschef hätte auf Betreiben von Heino Wiese verdeckte Lobbyarbeit für Nord Stream betrieben, bezeichnet Matthias Platzeck auf Nordkurier-Nachfrage als unbegründet. Auch Mecklenburg-Vorpommerns Ministerpräsident a.D., Erwin Sellering, teilte mit, dass er selbstverständlich keine verdeckte Lobbyarbeit betrieben habe.

„Die Ostseepipeline ist gut für die Energieversorgung in Deutschland und Europa und sie ist vor allem gut für Mecklenburg-Vorpommern, weil durch den Bau Arbeitsplätze entstanden sind“, so Sellering. Die Behauptung, er habe den Russlandtag auf Betreiben von Heino Wiese ins Leben gerufen, verneint Sellering ebenfalls. Die Idee zu der Veranstaltung sei in der Schweriner Staatskanzlei entstanden. „Ich kann mich nicht einmal erinnern, Herrn Wiese jemals persönlich begegnet zu sein.“

Trotz Kritik an dem Russlandtag festzuhalten, sei auch aus heutiger Sicht die richtige Entscheidung gewesen, ergänzt Sellering noch: „Es ist wichtig, dass Deutschland und Russland auch in schwierigen Zeiten miteinander im Dialog bleiben. Dazu hat der Russlandtag einen Beitrag geleistet.“ Für Sellering ist das Buch „offenbar eine Kampfschrift gegen Nord Stream, die mit großer Vorsicht hinsichtlich der behaupteten Fakten zu genießen ist.“

„Putins deutsche Pipeline-Paten”

Heino Wiese teilte dem Nordkurier mit, er sei „niemals als Lobbyist für Nord Stream tätig gewesen, weder bezahlt noch unbezahlt.“ Das Projekt halte er dennoch „für außerordentlich gut“. Wiese verneint auch jegliche Verbindungen zum Russlandtag oder jemals Matthias Platzeck auf Nord Stream 2 angesprochen zu haben. Dementsprechend fällt auch sein Urteil über das Buch aus: „Der dänische Autor versucht einen Komplott oder eine Verschwörung zu konstruieren, die es nicht gibt.“

Im September vergangenen Jahres gründete Sellering öffentlichkeitswirksam den Verein „Deutsch-Russische-Partnerschaft“. Kurz zuvor war Mecklenburg-Vorpommern vom Verein „Deutsch-Russisches-Forum“ für seine Regionalpartnerschaft zum sogenannten Leningrader Gebiet rund um St. Petersburg ausgezeichnet worden. Im Vorstand des Vereins sitzt unter anderem Heino Wiese. Chef des „Deutsch-Russischen-Forums“ ist Matthias Platzeck.

Journalist Hovsgaard kommt in seinem Buch zu dem Urteil, dass es die Gasleitungen auf dem Grund der Ostsee ohne diese einflussreichen SPD-Männer nie gegeben hätte: „Ohne Putins deutsche Pipeline-Paten würde niemand das Projekt unterstützen“, meint der Däne.

Widerstand gegen Nord Stream weiter groß

Selbst ein unbedarfter Leser fragt sich bei der Lektüre indes von Seite zu Seite mehr, ob der Journalist nicht etwas dicker als nötig aufträgt, wenn er den offenkundigen Pipeline-Befürwortern, die aus dieser Haltung nie einen Hehl gemacht haben, ein Komplott andichtet – und ob sich nicht in Wirklichkeit Hovsgaard zum Handlanger all jener macht, die das Nord-Stream-Projekt gern verhindert hätten.

Denn in der Tat ist der Widerstand gegen Nord Stream weiterhin groß. Während Bundeskanzlerin Angela Merkel weiter zum Bau der neuen Pipeline-Stränge steht, haben sich mittlerweile sogar Bundestagsabgeordnete aus den Reihen der Union öffentlich gegen das Projekt positioniert. Unter anderem auch, da die Gasleitungen aus ihrer Sicht, schon längst keine wirtschaftlichen Unternehmungen mehr darstellen, sondern eine politische Waffe in den Händen Putins.

Als einer der ersten hatte Alexander Fak an der Wirtschaftlichkeit von Nord Stream für Russland gezweifelt. Bis Mai 2018 war er als Analyst für die Sberbank – Russlands größtem Finanzinstitut und mehrheitlich in staatlichem Besitz – tätig. Nachdem sein Report über die ökonomischen Verhältnisse rund um die drei Leitungen für Russlands Gasexport (Power of Siberia, Nord Stream 2 und TurkStream) an die Öffentlichkeit gelangte, wurde er gefeuert.

Verluste für Gazprom durch Ostsee-Pipelines

Fak schildert in dem Report, dass die größten Profiteure der Gasleitungen nicht etwa Aktieninhaber von Gazprom seien. Sondern die Chefs der Firmen, die angeheuert wurden, um Nord Stream zu bauen. Dabei soll es sich um Firmen handeln, die von engsten Freunden Putins kontrolliert werden.

Der Analyst kommt zu dem Schluss, es würde Jahrzehnte dauern, bis Nord Stream 2 für Gazprom Gewinne abwirft. Er schätzt, dass alle drei Pipelines zusammen für Gazprom einen Verlust in Höhe von insgesamt 17 Milliarden US-Dollar verursachen werden.

Der Pipeline-Betreiber Nord Stream 2 trat diesen Behauptungen am Freitag entschieden entgegen: Mehreren Studien zufolge werde der Erdgasbedarf weltweit weiter steigen – gerade in Europa. Zumal auch in die jüngsten Studien der Mehrbedarf in Deutschland durch den kürzlich beschlossenen zügigen Kohleausstieg noch nicht mit eingeplant sei.

Jens Hovsgaard: „Gier, Gas und Geld: Wie Deutschland mit Nord Stream Europas Zukunft riskiert“, Europa Verlag, 328 S., 22 Euro.

Kommentare (1)

Zuerst mit Interesse aber dann mit zunehmender Verwunderung und gewisser Empörung habe ich den Artikel „Geheimagenten, Gas und Gemauschel: Windige Gerüchte um Nord Stream“ in Ihrer Wochenendausgabe gelesen. Dieser Beitrag, der wie eine Buchbesprechung aufgemacht aber nicht als solche gekennzeichnet ist – im Gegensatz zu der z. B. eindeutig als Anzeige gekennzeichneten Werbung für die „Mecklenburgische“ - entwickelt sich, je weiter man liest, zu einer Unterstützungsschrift der Redaktion des „Nordkuriers“ für das Buch des Dänen Jens Hovsgaard und seine Aussagen, indem es diese nahezu kommentarlos zitiert bzw. sie in den Vordergrund rückt, womit der unbedarfte Leser, wie Sie ihn auch bezeichnen, zuerst natürlich glauben muss, dass das die Wahrheit ist. Die hin und wieder eingeflochtenen dementierenden Erklärungen der von Hovsgaard als Lobbyisten bzw. sogar als Pipeline-Piraten bezeichneten Politiker und Geschäftsleute von Wiese über Sellering und Platzek bis zu Schröder und Merkel sind immer nur kurz erwähnt, während den Behauptungen von Hovgaard viel Raum gegeben wird und die Floskel „nach Recherchen...“ vorangestellt wird. Dass auch in den Reihen der CDU Gegner des Projektes Nord Stream 2 sind, allen voran Herr Röttgen und bei einigen Politikern von Bündnis90/Die Grünen ebenso, namentlich Herr Bütikofer und die grüne Parteispitze ist bekannt. Und was den Bankanalysten A. Fak betrifft, so können wohl weder Herr Hovsgaard noch Sie oder ich beurteilen, inwieweit dessen Aussagen den Tatsachen entsprechen; aber eins wissen wir wohl alle, dass derjenige, der Bank- und Finanzinterna eines Firmenkunden an die Öffentlichkeit bringt, mit erheblichen Konsequenzen für sein Beschäftigungsverhältnis rechnen muss. Abschließend verwundert es mich, dass Sie ohne Zagen in die politische Geographie in der Umgebung von St. Petersburg eingreifen: Ihr „so genanntes“ Leningrader Gebiet heißt wirklich so, und Mecklenburg-Vorpommern pflegt enge partnerschaftliche Beziehungen zum Leningrader Gebiet und auch zu St. Petersburg bei der Kooperation der Universitäten und Hochschulen; und das ist gut so. egal was Herr Hovsgaard davon hält! Walter Stephan Stralsund