CHRONIK DES 9. NOVEMBER

„Wir fluten jetzt! Wir machen alles auf!“

Ein sich verhaspelnder Günter Schabowski und jubelnde Menschen an den Berliner Grenzübergängen – diese Bilder sind mit dem Mauerfall verbunden. Es passierte aber noch viel mehr an dem Tag.
Frank Wilhelm Frank Wilhelm
Ein ernstes Gesicht macht Günter Schabowski, Mitglied des Politbüros des ZK der SED und 1. Sekretär der SED-Bez
Ein ernstes Gesicht macht Günter Schabowski, Mitglied des Politbüros des ZK der SED und 1. Sekretär der SED-Bezirksleitung Berlin, auf der Pressekonferenz am 09.11.1989. Auf ihr gab Schabowski die Öffnung der Grenze bekannt. Dpa
Eine Fahrzeugkolonne schiebt sich am 10. November 1989 in Richtung West-Berlin vorbei am Checkpoint Charlie im Zentrum. In der
Eine Fahrzeugkolonne schiebt sich am 10. November 1989 in Richtung West-Berlin vorbei am Checkpoint Charlie im Zentrum. In der Nacht zuvor hatten Grenzer, Polizei und Stasileute vor den Menschen an den Schlagbäumen kapituliert. Dpa
Jo Brauner, damals ARD-Chefsprecher, verliest in der 20 Uhr-Ausgabe der „Tagesschau” die Nachricht, dass die DDR i
Jo Brauner, damals ARD-Chefsprecher, verliest in der 20 Uhr-Ausgabe der „Tagesschau” die Nachricht, dass die DDR ihre Grenzen öffnet. dpa
Angelika Unterlauf in der „Aktuellen Kamera“. Sie informiert kurz nach 19.30 Uhr über die neuen Reiseregelung
Angelika Unterlauf in der „Aktuellen Kamera“. Sie informiert kurz nach 19.30 Uhr über die neuen Reiseregelungen, verzichtet aber auf die Schlagzeile „Die DDR öffnet ihre Grenzen.“ dpa
Meldung der Ostberliner Polizei am 10. November um 0.02 Uhr: „Alle Grenzübergangsstellen sind geöffnet.”
Meldung der Ostberliner Polizei am 10. November um 0.02 Uhr: „Alle Grenzübergangsstellen sind geöffnet.” Hans-Hermann Hertle
Berlin.

9.00 Uhr

Vier hochrangige Offiziere des MfS und des Ministeriums des Inneren (MdI) treffen sich im MdI, um eine Ausreiseregelung für den Ministerrat der DDR zu erarbeiten. Grund: Ein Ultimatum der CSSR. Das Land forderte, die Ausreise von DDR-Bürgern in die BRD nicht mehr über die CSSR abzuwickeln. Der erste Satz der neuen Regelung: „Privatreisen nach dem Ausland können ohne Vorliegen von Voraussetzungen beantragt werden.“ Weiterleitung des Entwurfs an den Ministerrat und das SED-Zentralkomitee.

12.00 Uhr

SED-Chef Egon Krenz verliest das Papier im Politbüro, das die Ausreiseregelung beschließt. Günter Schabowski ist nicht anwesend.

12.30 Uhr

Die Regelung geht in das „Umlaufverfahren“ des Ministerrats. Die Minister können sich bis 18 Uhr äußern. Das Problem: 29 der 44 Minister sitzen in der gleichzeitig stattfindenden ZK-Sitzung.

16.00 Uhr

Krenz verliest die Reiseregelung im ZK. Zur Bekanntgabe heißt es in Punkt 3: „Über die zeitweiligen Übergangsregelungen ist die beigefügte Pressemitteilung am 10. November zu veröffentlichen.“ Anschließend gibt es nur eine kurze Debatte, in der Krenz sagt, dass „der Regierungssprecher das gleich“ bekanntgeben könne. Schabowski ist nicht bei der ZK-Sitzung.

17.00 bis 17.30 Uhr

Krenz übergibt Schabowski den Entwurf der Reiseregelung. Hat Schabowski das Papier auf der kurzen Fahrt vom ZK-Gebäude bis zum Internationalen Pressezentrum gelesen? Weiß er von der Sperrfrist? „Alles spricht dafür, dass Schabowski in völliger Unkenntnis über den genauen Inhalt der Zeitbombe war, die in seinen Unterlagen tickte“, sagt der Historiker Hans-Hermann Hertle.

17.45 Uhr

Das DDR-Justizministerium erhebt Einspruch gegen die Regelung, weil sie keine Möglichkeit der Beschwerde enthalte. Der Widerspruch landet in der Ablage des Büros des Ministerrates.

18.00 Uhr

Schabowskis Pressekonferenz beginnt und wird live im DDR-Fernsehen übertragen.

18.53 Uhr

Riccardo Ehrman, Chefkorrespondent der italienischen Nachrichtenagentur Ansa, fragt Schabowski nach dem Reisegesetz. Vor der Pressekonferenz hatte er von Günter Pötschke, Chef der ostdeutschen Agentur ADN, einen Tipp bekommen. Schabowski reagiert auf mehrere Nachfragen. Die entscheidende Antwort: „Das tritt, nach meiner Kenntnis ist das sofort, unverzüglich.“ Der leise Einwurf von Außenhandelsminister Gerhard Beil, dass der Ministerrat dies noch beschließen müsse, kommt nicht mehr an.

19.03 Uhr

Reuters vermeldet als erste Agentur: „Ausreisewillige DDR-Bürger können ab sofort über alle Grenzübergänge der DDR in die Bundesrepublik Deutschland ausreisen.“ Eine Minute später folgt dpa.

19.04 Uhr

Pötschke und DDR-Regierungssprecher Wolfgang Meyer entscheiden, die Sperrfrist der offiziellen Pressemitteilung aufzuheben und an die Kunden, also auch die DDR-Medien herauszugeben.

19.05 Uhr

Die Agentur AP titelt: „Die DDR öffnet nach Angaben von SED-Politbüromitglied Günter Schabowski ihre Grenzen.“

19.17 Uhr

In der ZDF-Heute-Sendung wird als sechste Meldung über den Auftritt von Schabowski mit Bezug auf die ersten, vorsichtigen Agentur-Meldungen informiert.

19.30 Uhr

Die „Aktuelle Kamera“ berichtet an zweiter Stelle über die Reiseregelung mit der Information: „Privatreisen nach dem Ausland können ab sofort ohne besondere Anlässe beantragt werden.“

19.35 Uhr

Westberlins Bürgermeister Walter Momper (SPD) tritt in der „Abendschau“ des SFB (Sender Freies Berlin) auf, im Glauben, dass die Reiseregelung erst am 10. November in Kraft tritt. Er bittet die DDR-Bürger, für die Fahrt nach Westberlin öffentliche Verkehrsmittel zu nutzen.

19.40 Uhr

Anruf im Ostberliner Präsidium der Volkspolizei (VP): Ein Bürger beschwert sich, dass ihm, auf einem VP-Revier die Ausstellung eines sofortigen Visums verweigert wurde. Allein im Bezirk Potsdam erkundigen sich bis 1 Uhr rund 1100 Anrufer nach der neuen Regelung.

19.56 Uhr

dpa-Meldung: „Sensation: DDR öffnet Grenzen zur Bundesrepublik und West-Berlin“

20.00 Uhr

Die „Tagesschau“ eröffnet mit der Top-Meldung: „DDR öffnet Grenze“. Das ist die erste öffentliche Meldung, die es auf den Punkt bringt.

20.15 Uhr

Laut Lagebericht der VP versammeln sich 80 Ost-Berliner vor den Berliner Grenzübergangsstellen (GÜSt) Sonnenallee, Invalidenstraße und Bornholmer Straße.

20.45 Uhr

Karl-Heinz Wagner, Stabschef des MdI, weist die VP an: „Sollten an den KP (Kon-trollpunkten, d. Red.) vor den GÜSt Bürger der DDR mit PA (Personalausweis) erscheinen und wollen in die BRD ausreisen, sind diese passieren zu lassen.“

21.00 Uhr

Wegen der Nähe zum Prenzlauer Berg hatte sich vor der GÜSt „Bornholmer Straße“ die größte Menschenmenge auf Ostberliner Seite angesammelt. Der Rückstau der Autos reicht bis zur ein Kilometer entfernten Schönhauser Allee. Die Leute fordern, den Schlagbaum zu öffnen.

21.03 Uhr

Von der Westseite aus klettert die erste Person auf die Mauer am Brandenburger Tor, verlässt diese aber nach Aufforderung durch DDR-Grenzer wieder.

21.20 Uhr

In Absprache mit Stasi-Chef Gerhard Neiber entscheidet man sich an der GÜSt Bornholmer für die „Ventillösung“. Die Menschen werden zur „ständigen Ausreise“ durchgelassen, mit Stempel im PA und der Aufnahme der Personalien. Sie hätten zu dem Zeitpunkt nicht mehr zurück in die DDR gedurft. Die Menschenmenge wird immer größer, auch vor den anderen GÜSt. Die Leute rufen immer lauter: „Tor auf! Tor auf!“.

22.44 Uhr

Auf der Westseite versammeln sich am Brandenburger Tor 400 bis 500 Menschen. Die ersten „Mauerspechte“ hämmern am Beton.

23.30 Uhr

Der Schlagbaum an der Bornholmer wird geöffnet. Oberstleutnant Edwin Görlitz (Passkontrolleinheit) informiert seinen Vorgesetzten: „Wir fluten jetzt! Wir machen alles auf!“ Die Übergänge „Sonnenallee“ und „Invalidenstraße“ folgen. Die Grenztruppen verstärken ihre Kräfte am Brandenburger Tor, wo sich Hunderte Menschen versammeln. Kurz vor Mitternacht besteigen immer mehr Menschen die Mauerkrone und lassen sich nicht mehr vertreiben.

10. November, 0.02 Uhr

Das VP-Präsidium berichtet: „Alle GÜSt sind geöffnet.“

0.35 Uhr

Mit Dreilinden wird der erste Grenzübergang im Umland geöffnet, weitere folgen.

1.10 Uhr

Rund 300 Menschen ziehen von der Straße „Unter den Linden“ zum Brandenburger Tor und überklettern die Sperranlagen.

 

 

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