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Zweites AKW geplant

Wie Polens Regierung weiter auf Atomkraft setzt

Politik und Wirtschaft / Lesedauer: 4 min

Krieg im Nachbarland, Klimawandel, Energieabhängigkeit, Wahlkampf: Die polnische Entscheidung für Kernkraft hat gleich mehrere Gründe.
Veröffentlicht:01.06.2023, 05:53

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Es war eine Meldung, die in den vergangenen Tagen zumindest in Polen aufhorchen ließ: In der westukrainischen Stadt Chmelnyzkyj wurde offenbar ein großes Waffenlager angegriffen, das dann explodierte. Danach schossen Spekulationen ins Kraut: Was für Waffen könnten dort gelagert werden? Denn im Nachhinein wurde über eine deutlich erhöhte radioaktive Strahlung spekuliert, angeblich auch in Polen.

Sowohl ukrainischen und polnischen Behörden zufolge wurde allerdings keine ungewöhnliche Strahlung festgestellt. Ältere Messdaten bestätigen dies. Als Grund für einen allenfalls leichten Anstieg nennen Forscher und die Aufsichtsbehörde in Polen Regenfälle. Kremlnahe und staatliche russische Medien sowie Influencer behaupteten kurz nach dem Vorfall in Chmelnyzkyj, eine „radioaktive Wolke‟ ziehe von der Ukraine nach Westen. Die mutmaßliche Motivation dahinter: Der Ukraine zu unterstellen, in Chmelnyzkyj sei Uranmunition gelagert worden.

Mehr dazu: Russland erbost über Pläne zu Uran–Munition für Ukraine

Polens Regierung sieht in Atomkraft auch Klimaschutz

Der russische Überfall auf die Ukraine hat starken Einfluss auf den direkten Nachbarn Polen. Und so beeinflusst er auch die Bewertung der Entscheidung Polens, in Zukunft auf Atomkraft zu setzen. Auch wenn Meldungen über die Gefahren, die von Atomkraft oder Radioaktivität ausgehen, derzeit wenig Einfluss haben – zumindest auf nationaler Ebene. Die amtierende PiS-geführte Regierung setzt jedenfalls weiter voll auf den Neubau von Atomreaktoren und verweist dabei wiederum auf Argumente, die von ansonsten dezidierten Atomkraftgegnern auch von jenseits der polnischen Westgrenze vorgebracht werden.

Unter anderem wird Klimaschutz – konkreter: der Ausstieg aus der Braunkohle – ins Feld geführt: „Die Braunkohle wird Geschichte werden. Das ist ein logischer Prozess‟, sagte Jacek Sasin, stellvertretender polnischer Ministerpräsident, noch Mitte April „Unser Energiemix soll aus Atomkraft und Erneuerbaren Energien bestehen.‟ Atomkraft also auch als „saubere Alternative‟ zum „dreckigen Kohlestrom‟, mit dem Polen ansonsten auch die Klimaziele der EU oder des Pariser Klimaabkommens niemals erreichen könnte.

80 Prozent Strom aus Kohle

Das Land gewinnt bisher 80 Prozent des Stroms aus Kohle. Bis zum Februar 2022, dem Beginn des russischen Angriffskrieges, kam rund 60 Prozent der importierten Kohle aus Russland. Damit wird klar, dass die Frage nach der zukünftigen Energieversorgung auch eine Frage der Sicherheit des Landes ist. Gerade das Element der energiepolitischen Unabhängigkeit von Russland ist dann auch ein Hauptgrund, weshalb die Zustimmung in der Bevölkerung hoch und konstant ist.

Auch die derzeitigen Oppositionsparteien, allen voran die PO (Platforma Obywatelska, Bürgerplattform), die bis 2015 in Vorgängerformationen mitregierte, setzte schon auf Atomplanungen.

Mittlerweile laufen Planungen für bereits zwei neue Atommeiler. Zusammen mit dem US-Konzern Westinghouse soll ein AKW bis 2033 in Choczewo bei Danzig an der Ostseeküste in Betrieb gehen. Dieses Vorhaben wurde im November 2022 finalisiert.

Neuerdings ist sogar ein zweites Kraftwerk geplant

Im bisher kernkraftfreien Polen sind aktuell der Bau von zwei Atomkraftwerken geplant.
Im bisher kernkraftfreien Polen sind aktuell der Bau von zwei Atomkraftwerken geplant. (Foto: NK-Grafik)

Und nicht einmal ein halbes Jahr später wurde das nächste Atomkraftwerk in die Spur gebracht. In Patnów, einem Teil von
Konin, wo bereits Kraftwerke stehen, soll mithilfe des Unternehmens „Korea Hydro & Nuclear Power‟ ein weiteres Atomkraftwerk errichtet werden.

Mit den USA und Südkorea setzt Polen nicht nur bei der Energieversorgung auf diese Partnerstaaten – auch bei der großangelegten Modernisierung der polnischen Armee, die auf dem Weg zur größten und schlagkräftigsten der gesamten EU ist, setzt Warschau vor allem bei Rüstungsvorhaben auf US-amerikanische sowie südkoreanische Unternehmen und Waffensysteme.

Widerstand lokal und auch aus Deutschland

Widerstand gegen die beiden Projekte gibt es vor allem auf lokaler Ebene vor Ort sowie international. Gerade auf deutscher Seite werden immer wieder Bedenken geäußert. Dabei ist es nicht nur die Sorge vor Unfällen, deren Folgen nicht an Landesgrenzen enden – eine Debatte, die in Bezug auf französische AKWs nur kurz westlich des Rheins meist nicht so laut geführt wird –, sondern auch die grundsätzlich andere Ausrichtung der Energiepolitik.

Das Vorhaben in Patnów wurde just in dem Moment finalisiert, als in Deutschland die letzten Atommeiler endgültig vom Netz gegangen sind. Allerdings regiert man auf Berliner Belehrungen in Sachen Energieversorgung in Warschau nicht nur traditionell reserviert, auch die Nord-Stream-2-Geschichte inklusive der Vorgänge um die Klimastiftung MV sowie um die Sprengungen im vergangenen Jahr haben das deutsch-polnische Verhältnis auch in Energiefragen weiter abkühlen lassen.

Ironie der Geschichte: Während die Polen heute mehrheitlich aufgeschlossen gegenüber Atomkraft eingestellt sind, sah es in den 80er-Jahren des 20. Jahrhunderts ganz anders aus. Damals sollte schon einmal ein Atomkraftwerk bei Choczewo gebaut werden – allerdings eines aus sowjetischer Produktion, was spätestens seit den Ereignissen von Tschernobyl als nicht mehr durchsetzbar galt und sich nach der Wende von 1989 schnell erledigt hatte.

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