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Corona-kritischer Arzt Pürner: „Diese Wahrheiten wollte die Politik nicht hören“

Aichach / Lesedauer: 7 min

Friedrich Pürner kritisierte als Beamter viele Corona-Maßnahmen öffentlich – und bezahlte dafür einen Preis. Doch er wehrte sich und bekam Recht. So denkt er nun über den Staat.
Veröffentlicht:05.12.2023, 12:08

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Der frühere Leiter des Gesundheitsamtes Aichach-Friedberg, Dr. Friedrich Pürner, hatte sich während der Corona-Pandemie öffentlich gegen die Strategie der Bayerischen Landesregierung ausgesprochen.

Seinen Posten beim Gesundheitsamt verlor Pürner noch im Herbst 2020. Er bewarb sich anschließend als Leiter des Gesundheitsamtes beim Landratsamt München, bei der Regierung von Niederbayern und Oberfranken. Doch die Stellen wurde an andere Kollegen vergeben. Der Mediziner zog daraufhin vor Gericht.

Im Interview mit dem Nordkurier spricht Pürner über seine Beweggründe, seine Kritik an den damaligen Corona-Maßnahmen und die Reaktionen darauf.

Herr Dr. Pürner, in der Presse hieß es vor wenigen Tagen: „Corona-Rebell siegt vor Gericht“. Was war da los?

Friedrich Pürner: Lassen Sie mich gleich Folgendes klarstellen: Ich bin kein Corona-Rebell. Ich bin Arzt und Beamter, und zwar beides mit Leib und Seele.

Wieso werden Sie dann so betitelt?

Weil ich während der Corona-Zeit als Leiter eines Gesundheitsamtes in Bayern - solange es mir noch möglich war - viele der irrsinnigen, unnützen oder auch grundrechtseinschränkenden Maßnahmen abgelehnt und öffentlich kritisiert habe. Das war etwa die Schutzwirkung von Stoffmasken zu Beginn der Pandemie. Ein anderes Beispiel war mein früher Hinweis, dass Kinder wenig bis gar nicht zum Infektionsgeschehen beitragen, weshalb ich mich gegen eine Maskenpflicht für Kinder ausgesprochen habe. Und schließlich mein damaliger Rat an die Politik, dass man sich bitte mit Dramatik zurückhält und den Menschen sagt: Ihr müsst mit dem Virus leben.

Das sind alles Dinge, über die heute wissenschaftlicher Konsens herrscht. Wo liegt das Problem?

Heute schon, damals wurde man für solche Aussagen massiv unter Druck gesetzt. Nachdem ich all diese Dinge in einem Interview gesagt hatte, wurde ich ja auch prompt strafversetzt. Diese Wahrheiten wollte die Politik damals nicht hören. Inzwischen wurden einige Maßnahmen und Regelungen obergerichtlich und höchstrichterlich als rechtswidrig eingestuft.

Man denke an die Regelung zur "Ausgangssperre“ in Bayern sowie an die Verweisung auf „Veröffentlichungen des RKI“ in einer bayerischen Maßnahmenverordnung. Oder auch an die voreiligen Quarantäneanordnungen für ganze Schulklassen. Alle drei Beispiele wurden für rechtswidrig erklärt. Und das sind nicht alle. Aber um das klarzustellen, in dem jetzigen Gerichtsverfahren ging es nicht um meine Strafversetzung, die ich zuvor ansprach. Sondern um das, was bei mir danach kam.

Was kam danach?

Als Beamter werden Sie regelmäßig beurteilt, dabei geht es etwa um den Umgang mit Vorgesetzten, die Arbeitsqualität, Arbeitsquantität und so weiter. Diese Beurteilung ist wichtig, wenn man sich auf eine neue Stelle im Staatsdienst bewirbt. Und ich hatte den Eindruck, dass man meine Beurteilung aufgrund meiner Äußerungen zur Corona-Politik nach unten geschraubt hat, damit ich in Bewerbungsverfahren keine Chance mehr habe.

Auch das Gericht hält die Beurteilung für rechtswidrig und hat den Freistaat Bayern dazu verurteilt, meine Beurteilung aufzuheben und mich für den Zeitraum vom 1. Oktober 2017 bis 30. September 2020 erneut zu beurteilen. Und das wiederum bedeutet, dass die Auswahlverfahren für die Stelle als Leiter des Gesundheitsamtes am Landratsamt München und die Stelle als Leiter des Sachgebietes Gesundheit bei der Regierung von Niederbayern noch mal neu durchgeführt werden müssen. Denn bei dem Vergleich der Bewerber wurde meine rechtswidrige Beurteilung zu Grunde gelegt.

Fühlen Sie sich nun als Sieger?

Ich freue mich, aber in Siegerlaune bin ich tatsächlich nicht, denn das Ganze hätte es einfach nicht gebraucht. Es war vollkommen unnötig und ich sehe den Schaden, der dadurch entstanden ist, für mich und auch für den Freistaat Bayern.

Dass ein Mitarbeiter neu bewertet werden muss, ist ein Schaden für den Staat?

Der Schaden für den Freistaat liegt darin, dass die Öffentlichkeit gesehen hat, wozu ein Staat in der Lage ist - im negativen Sinn. Man wollte mich in ein stilles Kämmerlein bringen und ich sollte einfach meinen Mund halten. Und ich bin ja kein Einzelfall. Glauben Sie mir, wer im Staatsdienst arbeitet, der weiß, wozu der Dienstherr fähig ist, wie brutal er seine Beamten einschüchtern kann. Viele, denen es so ergeht, halten danach den Mund. Der Umgang mit unliebsamen Beamten ist oftmals gnadenlos.

Warum bleiben Sie bei all ihrer Kritik überhaupt im Staatsapparat? Weil Beamte gut verdienen und im Gegensatz zu Millionen anderen Menschen eine gesicherte Existenz haben?

Mit Verlaub, aber das ist Quatsch. Sehen Sie, als es losging mit meiner öffentlichen Kritik, da hat man am Anfang versucht, mich auf die „gute“ Seite zu ziehen. Man hat mir drei Testzentren angeboten. Wenn Sie mitverfolgt haben, was Testzentren verdienen, können Sie sich ungefähr vorstellen, was das finanziell für mich bedeutet hätte. Und als ich das nicht wollte, haben sie mir angeboten, in ein Impfzentrum einzusteigen. Aber natürlich stand dabei immer der Hintergedanke im Raum: Wenn ich das mache, dann gehöre ich dazu. Man kann ja schlecht die Teststrategie kritisieren und gleichzeitig ein Testzentrum eröffnen. Ich habe darum abgelehnt. Ich wollte mich nicht verkaufen.

Das ist aber noch keine Antwort auf die Frage, warum Sie unbedingt Beamter bleiben wollen.

Ich bin absolut davon überzeugt, dass wir einen Staat brauchen, und zwar einen starken Staat. Aber jetzt bitte nicht falsch verstehen: Keinen, der sich so einmischt wie in Corona-Zeiten, sondern ein starker Staat, der für den Bürger da ist, der den Bürger unterstützt und der dem Bürger hilft, wenn es irgendwo brennt. Wissen Sie, ich bin seit über 35 Jahren im Staatsdienst. Und zwar gerne.

Weshalb sollte ich meinen Beruf aufgeben, weil der Staat einen Fehler gemacht hat? Ich bin den Bürgern verpflichtet, nicht der Politik. Das ist mein moralischer Kompass und ja, das ist auch ein Stück weit mein ganz persönlicher Idealismus. Und den werde ich mir von keinem Politiker nehmen lassen, egal was die mit mir anstellen. Wissen Sie, diese Politiker werden irgendwann nicht mehr im Amt sein. Aber ich kann weiterhin jeden Morgen aufstehen und in den Spiegel schauen. Und ich kann meinen Kindern in die Augen schauen.

Was haben Ihre Kinder damit zu tun?

Ich werde oft gefragt: Warum hast du dir das angetan? Hättest du einfach den Mund gehalten und weitergearbeitet, dann wäre das alles nicht wild geworden. Diesen Menschen antworte ich dann: Ganz einfach, weil ich auch Vorbild sein möchte für meine Kinder. Und weil ich eben auch für meine Kinder für eine bessere Welt eintreten möchte. Ich habe gesehen, dass in der Pandemie vieles vollkommen falsch lief.

Ich wollte nicht, dass meine Kinder den Eindruck haben, dass ich das einfach alles so mittrage. Und ich wollte auf gar keinen Fall zu Hause sagen: Unter uns, Kinder, das ist alles furchtbar falsch, was hier passiert, aber nach draußen vertrete ich das trotzdem, das geht leider nicht anders. Ich wollte tatsächlich auch Vorbild sein, damit meine Kinder sehen: Man muss für bestimmte Überzeugungen einfach eintreten.

Nun ist diese Zeit vorerst vorbei und vor Gericht haben sie auch gewonnen. Ist jetzt alles wieder gut? Friede, Freude Eierkuchen?

Ja und nein. Einerseits bin ich keinem wirklich böse und ich habe auch schon längst verziehen. Das sage ich immer wieder. Denn ich will diesen ganzen Dreck nicht mit mir herumtragen. Das will ich mir doch gar nicht zu eigen machen, was die mit mir getan haben. Da verlöre ich ja komplett mein Menschenbild und das will ich nicht, auf keinen Fall. Insofern habe ich meinen Frieden mit der ganzen Sache gemacht, schon längst. Aber das bedeutet auf der anderen Seite nicht, dass ich einfach vergesse, was geschehen ist. Es ist es dann vorbei, wenn ich rehabilitiert werde, und zwar offiziell. Damit ich endlich wieder ganz normal arbeiten kann.