StartseitePolitikDie Akte Chrupalla – Ein Fehler der Staatsanwaltschaft schlägt hohe Wellen

Lügenvorwürfe gegen ZDF

Die Akte Chrupalla – Ein Fehler der Staatsanwaltschaft schlägt hohe Wellen

Berlin / Lesedauer: 6 min

Hat das ZDF in Zusammenhang mit dem möglichen Anschlag auf Chrupalla in Ingolstadt Videomaterial zurückgehalten? Chronologie einer Spurensuche – mit überraschendem Ergebnis.
Veröffentlicht:11.02.2024, 09:08

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Die Vorwürfe von AfD-Tino Chrupalla wogen schwer. Hat das ZDF in Zusammenhang mit dem möglichen Anschlag auf Chrupalla in Ingolstadt etwaiges Beweismaterial nicht an die Polizei weitergegeben? Ja, sagte Chrupalla. Nein, sagte das ZDF. Aussage gegen Aussage also – einer muss die Unwahrheit sagen. Nach einer tagelangen Spurensuche nahm der Fall eine erstaunliche Wendung.

Hintergrund: In Ingolstadt war Chrupalla im vergangenen Oktober bei einem öffentlichen Auftritt in Ingolstadt urplötzlich zu Boden gegangen und musste in eine Klinik gebracht werden. Dort wurde ein Nadeleinstich an Chrupallas Arm gefunden. Die Möglichkeit eines wie auch immer gearteten Anschlags stand - und steht - im Raum. Aufgeklärt ist der Fall bislang nicht.

Auch ein Filmteam des ZDF war in Ingolstadt vor Ort. Die Aufnahmen dieses Filmteams gingen im Rahmen der Ermittlungen zur Auswertung an die Polizei. „Es wurden aber Schnitte vorgenommen und es fehlen Fragmente dieser Übertragung“, so der Vorwurf, den Chrupalla vorige Woche erstmals öffentlich erhob – und zwar ausgerechnet in der ZDF-Sendung von Markus Lanz.

Chrupalla bei Lanz: Die entscheidende Szene im Video

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Das ZDF wies die Vorwürfe umgehend zurück und sagte noch am Mittwoch, man habe den Ermittlern das gesamte Material ungeschnitten zur Verfügung gestellt. In den sozialen Medien kochte das Thema hoch – mit allen heutzutage üblichen Begleiterscheinungen: Sowohl Chrupalla als auch das ZDF wurden als Lügner (und schlimmeres) beschimpft.

Was steht in den Ermittlungsakten?

Die folgenden Recherchen des Nordkurier, bei denen wir einen ausführlichen Einblick in die Ermittlungsakten im Fall Tino Chrupalla nehmen konnten, zeigten: Das ZDF hatte insgesamt drei Mal Videomaterial an die Polizei geschickt.

In einem Aktenvermerk der Kriminalpolizeiinspektion Ingolstadt geht es konkret um die Frage der Vollständigkeit des vom ZDF an die Polizei übersendeten Videomaterials. Darin steht: „Fehlende Videosequenzen des ZDF und Sichtung der neuerlichen Sequenz.“ Und weiter: „Bereits am 05.10.2023 wurde das Video „231005-schaefer-begruessung-Chrupalla-afd-ingolstadt-plz" als Zusammenschnitt der aus Sicht des ZDF relevanten Szenen - mit Herr MdB Chrupalla - an die KPI (Kriminalpolizeiinspektion) Ingolstadt übermittelt. Nach Bitten der Sachbearbeitung wurden die gesamten Aufnahmen des ZDF mit Dateinamen „231006-afd-ausspielung-fuer-polizei-zdf", am 06.10.2023 nachträglich zur Verfügung gestellt.“

Etwas später in der Akte heißt es dann plötzlich: „Im Laufe der mehrmaligen Sichtungen wurde am 11.10.2023 durch den Unterzeichner festgestellt, dass bei der übermittelten Gesamtaufnahme eine Sequenz fehlt.“

So sei „im ersten Zusammenschnitt des ZDF ein Aufeinandertreffen des MdB Chrupalla mit dem Zeugen XXXXX kurz zu erkennen (Dauer ca. 4 Sekunden). Da diese Szene in den Gesamtaufzeichnungen fehlt, wurde nochmals an das ZDF herangetreten und schriftlich um Prüfung der vorhandenen Aufzeichnungen gebeten“.

Dieses Foto des Rettungswagens, der Tino Chrupalla nach der mutmaßlichen Attacke ins Krankenhaus fuhr, ging bundesweit durch die Medien: Die Attacke hatte im November für viel Wirbel gesorgt.
Dieses Foto des Rettungswagens, der Tino Chrupalla nach der mutmaßlichen Attacke ins Krankenhaus fuhr, ging bundesweit durch die Medien: Die Attacke hatte im November für viel Wirbel gesorgt. (Foto: picture alliance/dpa/News5)

In einer E-Mail (liegt dem Nordkurier vor) des Ermittlers an eine Mitarbeiterin des ZDF in diesem Zusammenhang heißt es: „Jetzt habe ich nur noch einmal eine Nachfrage zu den beiden Videos, da mir bei mehrmaligen Sichten aufgefallen ist, dass die zweite übermittelte Datei auch nicht vollständig sein kann.“ Und weiter: „Hintergrund ist, dass im Zusammenschnitt bei Minute 16:21:29 ein Aufeinandertreffen mit einem Bürger zu sehen ist. Im ‚Gesamtvideo‛ fehlt diese Szene jedoch.“

Der Ermittler weiß offensichtlich, dass der Fall bundesweit beachtet wird, denn er schreibt weiter, er wolle „abklären, woran das liegen kann. Ich denke, Sie wissen selbst um das aktuelle öffentliche Interesse und die politische Bedeutung. Daher möchte ich weder, dass Ihnen - sprich dem ZDF - noch uns etwas nachgesagt werden kann.“ Und weiter: „Entschuldigen sie den Mehraufwand, aber prüfen Sie dies bitte nochmals.“

Daraufhin wurde erneut Videomaterial vom ZDF an die Polizei geschickt. Erst dieses Mal - also im dritten Anlauf -lag der Polizei das Material dann vollständig vor.

"Aktenvermerk der Staatsanwaltschaft entsprach nicht der Wahrheit"

Das ZDF teilte dem Nordkurier dazu auf Anfrage mit: „Die Polizei bestätigte den Erhalt und schrieb ‘somit ist alles ausreichend dokumentiert'. Es gibt keine offene Anfrage. Dies bestätigte die Kriminalpolizei dem ZDF am 8. Februar 2024 erneut.“

Warum aber erhob Tino Chrupalla bei Markus Lanz dennoch den Vorwurf, das Material sei unvollständig? Das hat folgenden Grund: In den Ermittlungsakten, die auch Chrupalla kennt, findet sich ein Aktenvermerk der Staatsanwaltschaft. Er lautet: „Verfügung: Tel. Mit Herrn Mayer, Kriminalpolizeiinspektion Ingolstadt, der mitteilt, die Videoaufzeichnungen vom Seiten der AfD seien noch nicht eingegangen. ZDF (mit Ausnahme einiger Sequenzen) und Al Jazeera hätten Aufzeichnungen schon übersandt.“ Datiert ist dieser Vermerk auf den 12. Oktober 2023 - also einen Tag nachdem das ZDF letztmalig Videomaterial übergeben hatte.

Wieso aber stand in den Akten mit Datierung vom 12. Oktober 2023, es wäre nicht alle Szene vorhanden, obwohl das zu diesem Zeitpunkt schon nicht mehr der Wahrheit entsprach? Die Staatsanwaltschaft Ingolstadt beantwortete eine entsprechende Anfrage des Nordkurier so: „Der Aktenvermerk der Staatsanwaltschaft Ingolstadt ‚mit Ausnahme einiger Sequenzen‛ resultiert daraus, dass der Gesprächspartner über die Nachlieferung der Sequenz vom Vortag zum Zeitpunkt des Telefonats noch nicht informiert war.“

Allerdings findet sich in den Ermittlungsakten nach jetzigem Kenntnisstand kein weiterer Hinweis oder Vermerk darauf, dass die fehlenden Sequenzen nachgeliefert wurden – und das Videomaterial somit vollständig vom ZDF an die Polizei übergeben wurde.

ZDF: „Diese Aussage ist falsch, gibt eine Sprecherin der Staatsanwaltschaft Ingolstadt am Donnerstag zu“

Das ZDF veröffentlichte am späten Donnerstagnachmittag eine Rekonstruktion der Ereignisse. In dem ZDF-Beitrag von Donnerstag wurde explizit auf den unrichtigen Vermerk der Staatsanwaltschaft genommen, der dafür gesorgt hatte, dass neben Chrupalla auch das ZDF in sozialen Medien der Lüge und der bösartigen Manipulation bezichtigt wurde. Das ZDF schreibt in der Rekonstruktion wörtlich: „Auch dem ZDF liegt diese Verfügung vom 12. Oktober 2023 vor. Darin geht es um ein Telefonat zwischen einem Kriminalpolizisten mit der Staatsanwaltschaft. Dort heißt es: Auch das ZDF (mit Ausnahme einiger Sequenzen) habe Material übersandt. Doch diese Aussage ist falsch, gibt eine Sprecherin der Staatsanwaltschaft Ingolstadt am Donnerstag zu.“

Ähnlich äußerte sich Chrupalla: „Bei meiner Aussage in der Sendung von Herrn Lanz habe ich mich auf die Verfügung aus meiner abgeschlossenen Ermittlungsakte der Staatsanwaltschaft Ingolstadt bezogen“. Und betonte: „Unser Ziel ist in erster Linie, den Sachverhalt aufzuklären.“

Ob sich die Staatsanwaltschaft bei Tino Chrupalla und dem ZDF für den ganzen Ärger entschuldigt hat, ist nicht bekannt. Für das ZDF dürfte die Angelegenheit, die letztlich erst durch die Recherchen des Nordkurier und dessen Schwesterblatt, der Schwäbischen Zeitung, endgültig aufgeklärt wurde, nun erledigt sein.

"Wie viele Fehler wurden womöglich noch gemacht?"

Für AfD-Chef Tino Chrupalla hingegen ist sie das nicht. Denn was tatsächlich in Ingolstadt geschah, ist nach wie vor nicht klar. Und die Panne bei der Staatsanwaltschaft wirft Fragen auf. Zumal das Ermittlungsverfahren in der Zwischenzeit zwar eingestellt wurde, bereits im Dezember 2023. Die Staatsanwaltschaft teilte dazu mit, dass die Ermittlungen „keine konkreten Hinweise oder Anhaltspunkte für einen Übergriff während des Besuchs der Wahlkampfveranstaltung oder im unmittelbaren Vorfeld des Besuchs“ ergeben hätten. Und weiter: „Eine konkrete Straftat ließ sich somit nicht ermitteln.“

Die Staatsanwaltschaft sagte bei der Verkündung der Verfahrenseinstellung allerdings auch: „Die Beibringung der Verletzung durch einen Unbekannten während des Aufenthalts auf dem Ingolstädter Theaterplatz kann nicht ausgeschlossen werden.“

Mit Blick auf die Vorgänge der letzten Tage, die durch einen fehlerhaften Eintrag der Staatsanwaltschaft ausgelöst wurde, sagte AfD-Chef Chrupalla dem Nordkurier am späten Freitagabend: „Wenn die Staatsanwaltschaft an dieser Stelle schon so unsauber gearbeitet hat, dann frage ich mich schon, wie viele Fehler in dem gesamten Ermittlungsverfahren möglicherweise noch gemacht wurden.“