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Ethikrat-Chefin

Corona-Aufarbeitung - „Da finden Sie wirklich schlimmes Zeug über mich“

Berlin / Lesedauer: 4 min

Die Vorsitzende des Ethikrates spricht über eine Aufarbeitung der Corona-Zeit und gibt Fehler in den vergangenen Jahren zu.
Veröffentlicht:24.11.2023, 14:24

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Die Aufarbeitung der Corona-Pandemie geht derzeit in die falsche Richtung, sagt die Vorsitzende des Ethikrates, Alena Buyx. Da werde „viel Quatsch“ erzählt. Buyx sagte am Mittwoch in einem Gespräch im Münchner Presseclub: „Ich sehe im Moment, die einzige öffentlich laute Debatte, die über die Pandemie läuft, ist eine Umdeutung, in der sehr viel Quatsch erzählt wird. Zu viel Quatsch.“ Sie wolle zwar nicht sagen, dass „alles irgendwie gut war“, aber sie sehe die Debatte in eine falsche Richtung laufen.

Ethikrat-Chefin sieht tiefes Bedürfnis Schuldige zu suchen

Buyx hält eine Aufarbeitung grundsätzlich zwar für wichtig. „Ich bin rumgerannt und habe gesagt, wir müssen aufarbeiten, lernen, heilen.“ Allerdings müsste eine derartige Aufarbeitung „wirklich gut gestaltet sein“. Aktuell sehe Buyx jedoch „ein tiefes Bedürfnis danach, Schuldige zu suchen“ und „natürlich auch zu sagen: Ihr Politikerinnen und Politiker!“

An die Pressevertreter gerichtet sagte Buyx weiter: „Und im Übrigen, Sie wären da ja nicht außen vor, das wissen Sie ganz genau. Also das würde ja die Medienschaffenden ganz genauso betreffen, den öffentlich-rechtlichen Rundfunk und was weiß ich nicht alles.“ Sie habe in diesem Zusammenhang daher die Sorge, dass Zweifel gesät werden soll „an diesen demokratischen Institutionen, an der Politik insgesamt. Es war alles falsch, war alles Böse. Sie haben alle falsch berichtet, Sie hatten alle den Maulkorb, das war gleichgeschaltet“.

"Die Impfung hat in Europa 1,5 Millionen Menschen gerettet, mindestens"

Diese „Form von Narrativen“ habe derzeit „ein durchaus erstaunliches Übergewicht in der öffentlichen Wahrnehmung und Debatte“. Davon ist sie nach eigenen Angaben auch selbst betroffen: „Also wenn Sie in die Tiefen des Internets gehen, Tichy, Reitschuster usw., da finden Sie wirklich schlimmes Zeug über mich, was ich angeblich gesagt oder gemacht habe. Und ein Narrativ ist immer: Die Buyx will nicht aufarbeiten, weil ich mal öffentlich gesagt habe, uns ist die Aufarbeitung ein Stück genommen worden als Gesellschaft, weil dann der Krieg kam. Das ist so, das heißt aber ja nicht, dass ich sage, wir sollten nicht aufarbeiten.“ Allerdings müsste man das „gut machen“, sagte Buyx weiter und verwies auf England. Dort habe es gerade einen Untersuchungsausschuss gegeben.

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In dem Abschlussreport dazu habe es geheißen, „so und so viel Hunderttausend Tote waren komplett überflüssig, und die hat die Politik verursacht.“ Schuld sei die weniger rigide Corona-Politik der Johnson-Regierung gewesen. Daher werde aktuell „die etwas weniger restriktive Politik in Großbritannien aufgearbeitet und extrem kritisiert. Das muss man sich auch klar machen“. In diesem Zusammenhang sagt Buyx weiter: „Die Impfung hat in Europa 1,5 Millionen Menschen gerettet, mindestens. Darüber redet kein Mensch!“

Dann spricht Buyx vom „zweiten Lockdown", der „zwei Wochen verspätet kam“. Hierzu gebe es mehrere Studien, nach denen sich „der Verdacht erhärtet“, dass besagte Verspätung 50.000 Menschen das Leben gekostet hat. Das ist doch keine Lächerlichkeit“. Sie sei daher „ein bisschen empört, wie diese Debatten laufen, dass man nur darüber redet, wie falsch dann doch alles war und wie stark und wie übergriffig und wie schrecklich“.

"Das bedauere ich bis heute und zutiefst"

An anderer Stelle räumt Buyx aber auch Fehler ein. So hätten sich junge Menschen in der Corona-Zeit „zurückgenommen“ und seien „solidarisch gewesen mit den älteren Menschen“. Diese Solidarität habe man den Jungen aber nicht zurückgegeben. Buyx:Wir haben darüber zwar geredet und ich habe irgendwelche Interviews gegeben, aber wir haben kein Papier gemacht. Wir haben keine richtige Empfehlung gemacht, das bedauere ich bis heute und zutiefst.“

Sie selbst sei ein Kind der glücklichen 80er und 90er Jahre. Ja, da ging es nur aufwärts, war nur alles toll und es ging super. Und dann kam die Wende und Freiheit und wunderbar. Und die (jetzige) Generation ist Krisenerfahren und Krisenerprobt. Was traurig ist, dass das so ist und sein muss. Aber das gibt auch innere Resilienz.“ Und das so, Buyx, sei doch „eine gute Nachricht“.

Das gesamte Gespräch im Presseclub finden Sie hier.